Faktencheck: Nabelschnur eine Stunde dranlassen. Sinnvoll oder Mythos?

Mit einem Text wird Alarm geschlagen, dass Babys durch frühzeitiges Durchtrennen der Nabelschnur absichtlich Schaden zugefügt würde. Doch was ist wirklich dran?

Die Behauptung

Mediziner würden die Nabelschnur absichtlich sofort nach der Geburt durchtrennen, um Babys krank zu machen, ihre Immunität zu schwächen und später als Patienten zu gewinnen. Die Plazenta diene zudem als lukrative Ware für Kosmetikfirmen.

Falsch

Falsch! Diese Behauptungen sind größtenteils widerlegt oder massiv verzerrt. Es gibt keine geheime Praxis, keine Verschwörung und keine „geernteten“ Plazentas für Luxuscremes. Entscheidungen zur Nabelschnur richten sich nach medizinischen Standards, nicht nach Profit.

Kurze Faktenübersicht:

  • Keine „Geheimregel“ in Kliniken: Der Zeitpunkt des Nabelschnur-Durchtrennens variiert je nach Situation.

  • Kein „Doppelatmungszustand“: Das Konzept ist medizinisch nicht belegt.

  • Späte Abnabelung kann Vorteile haben: Doch eine Stunde ist nicht medizinisch notwendig.

  • Kein massenhafter Verkauf: Plazenta in Kosmetika stammt meist von Tieren.

→Welche Mythen kursieren rund um Gesundheitsthemen? Antworten finden Sie im Leitfaden Gesundheits-Desinformation.

Die virale Behauptung: „Sie schneiden die Nabelschnur zu früh!“

Seit Jahren kursiert ein Text, angeblich von einem ehemaligen Mediziner namens Kirill Repjew (auch Rebjew), der behauptet: In Krankenhäusern werde Babys systematisch geschadet. Die Nabelschnur werde sofort nach der Geburt durchtrennt, um ihre Immunität zu schwächen, für ein Leben voller Krankheiten, Medikamente und Arztbesuche. Plazenten und Nabelschnüre würden dann an Kosmetikfirmen verkauft.

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen
Screenshot Facebook
Screenshot Facebook

Kirill Rebjew: „Als ehemaliger Mediziner möchte ich euch was verraten…

Es gibt eine stillschweigende und inoffizielle Regel in den „Entbindungskliniken – KRANKenhäusern“ – die Nabelschnur sofort zu durchtrennen. Dies darf man aber auf keinen Fall machen

Es liegt daran, dass im Moment der Geburt das neugeborene Kind sich im Zustand der Doppelatmung befindet. Als Allererstes bekommt es den Sauerstoff und die Nährstoffe durch die Nabelschnur. Seine Lungen sind noch nicht vollständig aktiviert, nach und nach fängt es durch die Nase nach Luft zu schnappen und aktiviert somit langsam seine Lungen.

Was tun die „Ärzte“

Sie durchtrennen die Nabelschnur sofort nach der Geburt, unterbrechen somit die Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr. Der Säugling spürt eine Erstickung, fängt an, heftige Atemzüge zu machen und versucht somit, seine Lungen zu aktivieren – das tut weh! Außerdem – das Blut, das sich in der Plazenta befindet, muss in den Säugling übergehen

Wenn die Nabelschnur sofort durchtrennt wird, bekommt das Kind sofort nach der Geburt das Blut nicht in ausreichender Menge ab. Das Blut in der Plazenta enthält aber das natürliche Immunitätsspektrum für das Kind. Das heißt, wenn die Nabelschnur sofort durchtrennt wird, wird dem Kind absichtlich ein Teil der natürlichen Immunität vorenthalten.

Wozu

So ein Kind, das nicht die ganze Immunität von Anfang an bekommt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach viele Probleme mit seiner Gesundheit im Verlaufe seines Lebens haben. Das bedeutet wiederum, dass die „Mediziner“ den Eltern nun eintrichtern können, dass das Kind nun Impfungen, Tabletten, Mixturen und Operationen benötigt. Je mehr UNgesunde Kinder und Menschen, desto mehr Klienten-Patienten hat die „Medizin“. Nichts Persönliches, es ist einfach nur Business.

Die Nabelschnur darf man NICHT FRÜHER ALS EINE STUNDE NACH DER GEBURT durchtrennen. Die „Ärzte“ denken aber nicht daran. Unter guten Scheingründen wollen sie es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Der medizinische Business möchte, dass die Nabelschnur und die Plazenta möglichst frisch bleiben.

Nun die Frage – wozu braucht die Medizin frische Plazenta und Nabelschnur

Aus ihrem Gewebe werden teuere medizinische und kosmetische Präparate gemacht. Das ist eines der Hauptgründe, warum der medizinische Business es gar nicht möchte, dass die Menschen zu Hause, in einer für sie heimischen und wohltuenden Atmosphäre, ihre Kinder gebären. Wenn immer mehr Menschen es dennoch tun würden, würde die Medizin eine wichtige Einnahmequelle verlieren.“

„Dieser Artikel dient nicht nur der Aufklärung für werdende Mütter und Väter, sondern auch für Kosmetikbegeisterte, die in ihrer Unwissenheit, abgesehen von den ganzen Chemikalien, diese Kosmetikinhaltsstoffe auf ihr Gesicht aufschmieren.“

Quelle:

Kirill Repjew (ehem. Mediziner)

Der Ton? Alarmistisch, misstrauisch und hochemotional. Die Botschaft? Die Schulmedizin sei ein gewinnorientiertes System auf Kosten der Neugeborenen. Doch dieser Text hält einem Faktencheck nicht stand.

Die Wurzel der Falschinformation: Angst und Misstrauen

Der Ursprung des Textes geht mindestens auf 2016 zurück. Seitdem taucht er immer wieder in esoterischen, impfkritischen und alternativen Kreisen auf. Besonders perfide: Er richtet sich gezielt an werdende Eltern, eine ohnehin vulnerable Gruppe, die leicht durch Halbwahrheiten zu verunsichern ist.

Der vermeintliche „Mediziner“ Repjew / Rebjew? In keiner offiziellen Datenbank auffindbar. Keine Publikationen, keine medizinische Ausbildung nachweisbar. Wer steckt also dahinter? Die Rhetorik erinnert an typische Narrative von Medizin-Skeptikern, kombiniert mit klassischen Verschwörungsmythen: „Die da oben machen uns absichtlich krank.“

Was sagt die Wissenschaft?

1. Nabelschnur-Durchtrennung:
Die WHO und andere Fachgesellschaften empfehlen ein verzögertes Abnabeln, meist nach 1 bis 3 Minuten. Eine Stunde? Kein Standard, weder evidenzbasiert noch gängige Praxis. In Notfällen wird natürlich sofort abgenabelt. Eine „schädliche Frühabnabelung“ als Strategie der Ärzte? Reine Fantasie.

Die offizielle S3-Leitlinie zur vaginalen Geburt am Termin (herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) empfiehlt ausdrücklich, die Nabelschnur nicht sofort, sondern frühestens 60 Sekunden nach der Geburt zu durchtrennen, spätestens nach 5 Minuten oder nach Auspulsieren der Nabelschnur, sofern es der Gesundheitszustand des Kindes erlaubt. Studien zeigen, dass dies die Eisenwerte und das Blutvolumen des Neugeborenen verbessert.
❗️Es gibt jedoch keine medizinische Evidenz, die eine Abnabelung erst nach einer ganzen Stunde notwendig machen würde.

2. Doppelatmung:
Unsinn. Neugeborene atmen nach der Geburt mit der Lunge. Während der Schwangerschaft übernimmt die Plazenta die Sauerstoffversorgung. Es gibt keine parallele Atmung.

3. Immunsystem und Plazentablut:
Ja, mütterliche Antikörper gelangen über die Plazenta zum Kind. Das geschieht aber größtenteils vor der Geburt. Das Abnabeln hat darauf kaum Einfluss.

4. Plazenta für die Kosmetikindustrie:
Zwar gab es früher Produkte mit tierischer oder sogar menschlicher Plazenta. Heute? Selten und stark reglementiert. Kliniken in Europa dürfen eine Plazenta nicht einfach „verkaufen“. Sie wird in der Regel entsorgt, oder mit Einwilligung der Eltern medizinisch verwendet (z.B. für Stammzellforschung).

Die Wahrheit über „medizinisches Business“

Natürlich ist Medizin auch ein Wirtschaftszweig. Aber: Die Entscheidungen im Kreißsaal basieren auf medizinischer Notwendigkeit, nicht auf Profitgier. Das Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte wird durch solche Texte mutwillig untergraben, mit dramatischen Folgen für die Gesundheitsvorsorge.

FAQ – Die wichtigsten Fragen & Antworten

  1. Ist sofortiges Abnabeln schädlich?
    Nicht pauschal. In stabilen Situationen bringt verzögertes Abnabeln Vorteile. In Notfällen kann Sofortabnabeln notwendig sein.
  2. Bekommen Babys durch spätes Abnabeln mehr Immunität?
    Teilweise. Antikörper werden bereits vor der Geburt übertragen. Zusätzlicher Nutzen durch Blutspende aus der Plazenta ist begrenzt.
  3. Ist das Abnabeln nach einer Stunde besser als nach wenigen Minuten?
    Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.
  4. Verkaufen Ärzte oder Kliniken die Plazenta?
    Es gibt keine konkreten Beweise dafür, dass Krankenhäuser oder Ärzte regelmäßig Plazentas für kosmetische Zwecke verkaufen.
  5. Werden Plazentas in Kosmetika verwendet?
    Heutzutage äußerst selten und primär aus tierischer Herkunft.
  6. Wer ist Kirill Rebjew?
    Über seine Identität, Qualifikationen und Tätigkeiten gibt es keine gesicherten Informationen.
  7. Was passiert medizinisch bei der Geburt?
    Das Baby beginnt zu atmen, die Nabelschnur pulsiert noch einige Minuten, danach wird sie durchtrennt, angepasst an den Zustand des Kindes.
  8. Kann ich bei der Geburt meines verlangen, dass das Abnabeln verzögert wird?
    Das ist in manchen Kliniken nach individueller Absprache möglich.
  9. Ist eine Hausgeburt sicherer?
    Kommt auf die Umstände an. Bei Risikoschwangerschaften wird eine Klinikgeburt empfohlen.
  10. Wird uns absichtlich etwas vorenthalten?
    Es gibt keine Hinweise auf systematische Schädigungsabsicht in Kliniken.

Fazit

Die Geschichte von Kirill Repjew ist ein Paradebeispiel für Desinformation: Wissenschaftlich unbelegt, emotional aufgeladen und gezielt auf Verunsicherung ausgelegt.

Lassen wir uns nicht von reißerischen Behauptungen in die Irre führen. Eine gesunde Geburt beginnt mit guter Aufklärung, nicht mit Misstrauen.

  1. AWMF – Portal der wissenschaftlichen Medizin: S3-Leitlinie Die vaginale Geburt am Termin
    register.awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
    www.dggg.de
    Presseinformation zur S3-Leitlinie
  3. WHO: Optimaler Zeitpunkt des Abnabelns zur Vorbeugung von Eisenmangelanämie bei Säuglingen
    www.who.int
  4. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
    www.familienplanung.de
  5. Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF)
    www.frauenaerzte-im-netz.de
  6. Stiftung Kindergesundheit
    www.kindergesundheit.de
  7. Deutsches Rotes Kreuz, Stammzellspenderdatei
    www.stammzellspenderdatei.de
  8. Vita 34: Nabelschnurblutbank / Stammzellen aus Plazentagewebe
    www.vita34.de / www.vita34.ch/plazentagewebe/
  9. Deutsche Stammzellspenderdatei (ZKRD)
    www.zkrd.de
  10. Kinderkrebsinfo: Stammzellgewinnung aus Nabelschnurblut
    www.gpoh.de

Schon gelesen? Über 1 Million Impfschäden? Nein, das ist falsch!

MIMIKAMA · FAKTENCHECK

Faktencheck als Bild teilen

Den Faktencheck per Artikellink teilen oder das 4:5-Faktenbild als PNG herunterladen.

Social-Faktenbild · 4:5 · 1080 × 1350 px

Bild wird vorbereitet …

Bitte prüfe beim Teilen, ob der gekürzte Text die Aussage korrekt wiedergibt. Die vollständige Recherche ist im Artikel verlinkt.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.