Die Behauptung
Edward Snowden habe sich kürzlich mit einer Warnung an die Öffentlichkeit gewandt, wonach westliche Regierungen – insbesondere die EU – ein chinesisches System totaler digitaler Kontrolle kopieren würden. In Videos und auf diversen Plattformen wird dies als aktuelle Warnung vermittelt.
Aufgestellt von: RTV, Report24
Irreführend
Snowden hat tatsächlich auf die Risiken algorithmischer Entscheidungen und digitaler Überwachung hingewiesen. Die in Videos und Texten verwendeten Passagen stammen jedoch aus einem Interview von 2019 und werden ohne zeitliche Einordnung als „kürzlich veröffentlichte“ Warnung dargestellt. Dadurch entsteht ein irreführender Eindruck von Aktualität.
Analyse – Die Fakten dahinter
1. Die verwendeten Zitate stammen nachweislich aus 2019
RTV beispielsweise veröffentlichte ein Video, in dem es mehrere Sätze verwendet, die wörtlich aus Snowdens Interview in „The 11th Hour“ mit Brian Williams von 17. September 2019 stammen. Das vollständige Transkript liegt vor – die zentralen Passagen wurden exakt dort gesagt, nicht 2025.
Beispiel:
„You’re no longer able to purchase train tickets… You’re no longer able to board an airplane… All of these things are increasingly being created and programmed and decided by algorithms.“
(Dieser Abschnitt findet sich ca. bei Min. 26–27.)
Snowden beschreibt darin Chinas Social-Credit-System und die generelle Gefahr algorithmischer Steuerung – aber nicht als aktuelle Warnung, sondern als Einordnung im Rahmen seines Buches „Permanent Record“. RTV leitet seine Aussagen allerdings mit folgenden Worten ein:
„Der Whistleblower Edward Snowden, der 2013 die Massenüberwachung der NSA enthüllte und seitdem im Exil lebt, wandte sich kürzlich mit einer eindringlichen Warnung an die Öffentlichkeit. In einem Statement, das über soziale Medien verbreitet wurde, beschreibt er, wie Chinas Modell in den Westen exportiert wird.“
2. Kein aktuelles Statement von Snowden vorhanden
Eine Recherche zeigt keine entsprechende neue oder kürzlich veröffentlichte Warnung durch Snowden.
Aktuell kursierende Postings zitieren lediglich alte Interviews neu – allen voran der virale X-Post des Aktivisten „JimFergusonUK“ vom 16.11.2025, der Ausschnitte aus Snowdens 2019-Interview als „jetzt Realität“ präsentiert.
Dieser Beitrag wurde über 7,7 Mio. Mal angezeigt und könnte als Auslöser für weitere Veröffentlichungen mit vermeintlicher „Aktualität“ fungiert haben.
3. Das ursprüngliche Datum wird nicht erwähnt
Es wird nicht darauf hingewiesen, dass das Material sechs Jahre alt ist. Dadurch entsteht der Eindruck, Snowden habe sich 2025 zu Europa, der EU-Kommission oder „digitalen Wallets“ geäußert.
Das ist nachweislich falsch. Im Originalinterview erwähnt Snowden weder die EU, noch digitale EU-IDs, noch Klimapässe, noch das WEF.
Zusätzlich griff das Onlineportal Report24 die alte Snowden-Passage im November 2025 in einem Kommentar auf und stellte sie ebenfalls als aktuelle Warnung dar. Der Beitrag verwendet einen stark dramatisierten Ton und ordnet China sowie die EU in ein Bedrohungsszenario ein.
4. Inhaltliche Zuspitzungen
RTV und auch Report24 ergänzen eigene Elemente, die in Snowden-Äußerungen nicht vorkommen:
- „EU-Zentralkomitee“ (eine sachlich falsche Bezeichnung)
- „digitale IDs mit totaler Überwachung“
- „Greifteams“, die automatisiert ausgesendet würden
- „Social Credits für Desinformation“
- „totaler Überwachungsstaat als EU-Vorbild“
- „selbsternannte westliche Eliten“ als Drahtzieher
Diese Elemente finden sich weder im Snowden-Interview noch in offiziellen EU-Dokumenten. Es handelt sich um dramaturgische Zuspitzungen. Aus der vorliegenden Faktenlage ergibt sich kein Hinweis auf ein vergleichbares, unmittelbar drohendes Kontrollsystem im Westen.
5. Snowdens eigentliche Aussage von 2019
Snowdens Kernaussagen bezogen sich auf:
- Risiken algorithmischer Entscheidungen
- staatliche und private Datensammlung
- Chinas Social-Credit-System als Beispiel für Machtkonzentration
- die Notwendigkeit starker Datenschutzregeln
Er forderte, Datensammlung grundsätzlich einzuschränken – nicht lediglich ihre Nutzung zu regulieren.
Er äußerte sich nicht konkret zu EU-Politik, Smart Cities in Europa oder Social-Credit-Plänen westlicher Staaten.
Wirkung & Mechanismus
RTV verknüpft reale Sorgen (Überwachung, KI, Datensammlung) mit einem dramatischen Szenario. Die Behauptung gewinnt Wirkung durch:
- Aktualitätsillusion („kürzlich gewarnt“), obwohl das Material alt ist.
- Starke emotionale Trigger: Kontrollverlust, politische Bedrohung, Angst vor „Systemen“.
- Kontextverschiebung: Ein konkreter Verweis auf China wird zur angeblichen Blaupause für Europa umgedeutet.
- Algorithmische Verstärkung durch virale Social-Media-Posts, die alte Inhalte als „jetzt passiert es“ inszenieren.
So entsteht ein Eindruck drohender Totalüberwachung, ohne dass RTV eine aktuelle Quelle liefert.
Fazit
Die geprüften Fakten widersprechen der Darstellung von RTV: Die zitierten Aussagen sind sechs Jahre alt und werden durch kontextfreie Zuspitzungen zu einem Bedrohungsszenario über die EU ausgebaut.
Faktenbarometer
🟥 Manipulativ
Die Darstellung nutzt echte, aber alte Zitate, stellt sie als neu dar und ergänzt unbelegte Behauptungen, um ein Bedrohungsbild zu erzeugen.
Quelle:
Edward Snowden says the government is in your phone, insists he only wanted to ‚reform‘ the NSA | NBC News, 17.09.2019
How China Is Changing Its Social Credit System | Newsweek, 21.11.2025
Lesen Sie auch: Falschmeldung zu Impfung: Was die Microclots-Studie wirklich zeigt
Kostenlos · der tägliche Mimikama-Newsletter
Fakten statt Aufregung. Direkt in dein Postfach.
Die wichtigsten Faktenchecks und Meldungen des Vortags – jeden Morgen kostenlos und unabhängig vom Social-Media-Algorithmus.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
