Die Behauptung
Wer Strom mit einer Solaranlage erzeugt und ins Netz einspeist, soll künftig eine neue Gebühr („Sonnensteuer“) zahlen, auch rückwirkend für bereits laufende Anlagen.
Aufgestellt von: Soziale Medien
Irreführend
Teilweise wahr, aber irreführend formuliert. Die Pläne in Deutschland sind noch in Diskussion, in Österreich bereits gesetzlich vorbereitet und dem Parlament zur Begutachtung übermittelt. Der Begriff „Sonnensteuer“ ist unzutreffend: Es handelt sich nicht um eine Steuer, sondern um geplante Netzentgelte für die Nutzung des Stromnetzes, auch durch PV-Einspeisung.
Kurze Faktenübersicht:
- In Österreich ist die Einführung von Einspeise-Netzentgelten im neuen ElWG verankert. Die Umsetzung startet 2026.
- In Deutschland läuft ein Konsultationsverfahren der Bundesnetzagentur, Beschluss voraussichtlich erst 2026 oder später.
- Bestandsanlagen könnten in beiden Ländern betroffen sein, obwohl viele unter völlig anderen Bedingungen errichtet wurden.
- Ziel ist eine gerechtere Kostenverteilung, aber Kritiker sprechen von einem Rückschritt für die Energiewende.
Empörung um „Sonnensteuer“ in sozialen Medien
Seit einigen Wochen kursieren in sozialen Netzwerken zahlreiche Posts, Videos und Screenshots mit drastischen Überschriften:
„Sonnensteuer kommt!“ – „PV-Anlagenbesitzer sollen jetzt auch zahlen!“ – „Die Regierung kassiert die Klimaschützer ab!“
Es wird auf Videos von Energiewende-Kanälen verwiesen, Artikel aus regionalen Medien geteilt oder einzelne Aussagen aus Gesetzesentwürfen isoliert zitiert. Die Folge: Viele PV-Besitzer:innen fühlen sich überrumpelt und stellen sich zurecht die Frage, ob ihre Investition in die Energiewende jetzt zur Kostenfalle wird.
Doch was ist dran an der Aufregung?
Dieser Faktencheck klärt, was in Deutschland und Österreich tatsächlich geplant ist, wer betroffen wäre, und warum man sich jetzt informieren, aber nicht vorschnell verunsichern lassen sollte.
Wie sieht die Lage zur „Sonnensteuer“ in Deutschland aus?
In Deutschland liegt noch kein Gesetzesentwurf vor. Doch im Mai 2025 veröffentlichte die Bundesnetzagentur das Diskussionspapier zur allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (AgNes).
Was wird geprüft?
Diskutierte Modelle:
- Einspeiseabhängige Netzentgelte: pro eingespeister Kilowattstunde
- Pauschale Grundgebühr: unabhängig vom Bezug
- Leistungs- oder Kapazitätspreise: je nach Netzanschluss
- Baukostenzuschuss: einmalige Zahlung bei Neuanlagen
„Eine Beteiligung der Einspeiser bietet dabei die Möglichkeit, angesichts steigender Netzkosten durch den Zubau von erneuerbaren Energien Einspeiser an den Kosten des Netzes zu beteiligen. Gerade in Netzen, in denen Einspeisung netzdimensionierend wirkt, würden somit zusätzliche Einnahmen generiert und die Netzentgelte für Letztverbraucher sinken.“
Diskussionspapier AgNes, S. 25
Die Vorschläge sind nicht beschlossen. Das Papier dient als Grundlage für ein Konsultationsverfahren.
Wer ist betroffen?
- Bestandsanlagen könnten laut Papier ebenfalls einbezogen werden.
- Auch Prosumer (Stromerzeuger mit Eigenverbrauch) müssten zahlen.
- Die Bundesnetzagentur prüft zudem dynamische Netzentgelte, die sich nach Tageszeit oder Netzlast richten
Zeitplan in Deutschland
Das Diskussionspapier enthält keine offiziellen Fristen, aber üblicherweise läuft der Prozess in Etappen:
- bis Ende 2025 / Anfang 2026: Auswertung der Rückmeldungen
- ab 2026: konkrete Regulierungsentwürfe
- spätestens 2028: neue Systematik muss verabschiedet sein (wegen Auslaufen der StromNEV)
Was plant Österreich konkret mit dem neuen ElWG?
Die österreichische Bundesregierung hat das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) am 4. Juli 2025 in die parlamentarische Begutachtung geschickt. Dieses Gesetz stellt die Strommarktstruktur in zentralen Punkten neu auf.
Was kommt konkret auf österreichische PV-Anlagenbesitzer zu?
- Betreiber von Photovoltaik-Anlagen sollen künftig Netzentgelte für die Einspeisung von Strom zahlen.
- Die Regulierungsbehörde E-Control wird verpflichtet, ein Gebührenmodell zu erarbeiten.
- Bislang war das freiwillig, künftig ist es gesetzlich fixiert.
- Begründung: Die zunehmende Zahl von PV-Anlagen belastet das Stromnetz, besonders in sonnigen Stunden mit Einspeise-Spitzen.
„Mehr als 400.000 Haushalte in Österreich besitzen bereits PV-Anlagen. Künftig sollen sie für die Einspeisung von selbst erzeugtem Strom ins Netz ein Netzentgelt zahlen.“
derStandard
Geplante Änderungen bei den Netzgebühren in Österreich
- Die bisherige Grundgebühr (ca. 48 €/Jahr) soll durch ein leistungsabhängiges Tarifmodell ersetzt werden.
- Maßgeblich ist der höchste Stromverbrauch innerhalb von 12 Monaten, etwa beim abendlichen Laden eines E-Autos.
- Wer viel auf einmal verbraucht, zahlt künftig mehr.
- Ziel: Der Netzausbau soll sich am tatsächlichen Spitzenverbrauch orientieren und nicht an Pauschalen.
Zeitlich variable Entgelte & Eigenverbrauch
- Es wird überlegt, die Netzentgelte zeitlich zu staffeln.
- Wer mittags (bei hoher PV-Leistung) sein E-Auto lädt, zahlt weniger.
- Wer abends lädt (Netzlast hoch), zahlt mehr.
- So soll intelligenter Stromverbrauch gefördert und Eigenverbrauch attraktiver gemacht werden.
Politische Kritik
Die Grünen lehnen die aktuelle Fassung des Gesetzes ab, insbesondere, weil auch klimafreundliche Haushalte stärker belastet würden.
„Statt die Energiewende zu fördern, plant die Regierung offenbar das nächste Bestrafungspaket für Klimaschützer. Wer mit einer Photovoltaik-Anlage sauberen Strom für unser Land produziert, soll künftig zur Kasse gebeten werden. Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) soll die Energiewende beschleunigen, nicht bremsen. Für uns Grüne ist klar: Wer saubere Energie erzeugt und damit zum Klimaschutz beiträgt, darf dafür nicht bestraft werden. Der Energieminister wäre gut beraten, endlich einen seriösen Gesetzesentwurf vorzulegen, über den man konstruktiv verhandeln kann – anstatt weiter Zeit mit unausgereiften Ideen und neuen Hürden zu vergeuden.“
Leonore Gewessler, Grüne
Noch ist unklar, ob eine Einigung gelingt. Für die Verabschiedung ist eine Zweidrittelmehrheit und somit noch die Zustimmung der Grünen oder der FPÖ nötig.
Zeitplan in Österreich
- 4. Juli 2025: Gesetz in Begutachtung
- Herbst 2025: mögliche Beschlussfassung im Parlament
- Ab 2026: Umsetzung durch E-Control
- PV-Einspeiseentgelte könnten sogar schon vorher in Kraft treten
Chronologie der Entwicklungen
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Mai 2025 | Deutschland: Diskussionspapier AgNes veröffentlicht |
| 4. Juli 2025 | Österreich: Gesetz geht in parlamentarische Begutachtung |
| Herbst 2025 | Österreich: voraussichtlicher Parlamentsbeschluss |
| Ende 2025 / Anfang 2026 | Deutschland: Auswertung Rückmeldungen zum Diskussionspapier |
| Ab 2026 | Österreich: Umsetzung durch E-Control / Deutschland: mögliche Gesetzesvorschläge |
| Bis spätestens 2028 | Deutschland: Neue Regelung muss in Kraft treten (Ablauf der StromNEV) |
FAQ: Was bedeutet das konkret für mich?
Ich habe bereits eine PV-Anlage. Muss ich bald zahlen?
In Österreich: Sehr wahrscheinlich ja. Für einen Beschluss ist allerdings noch die Zustimmung von FPÖ oder den Grünen nötig.
In Deutschland: Möglich, aber noch unklar, da offen diskutiert wird.
Was ist mit dem Eigenverbrauch?
Wird wichtiger denn je. Wer seinen Strom selbst verbraucht, spart nicht nur Stromkosten, sondern könnte künftig auch Netzgebühren vermeiden.
Warum überhaupt neue Gebühren?
Weil das Netz in Spitzenzeiten stark belastet wird, besonders durch gleichzeitige Einspeisung vieler PV-Anlagen. Ziel der Reform ist eine gerechtere Kostenverteilung.
Ist das eine Steuer?
Nein. Es handelt sich um Netzentgelte, also eine Gebühr für die Nutzung der öffentlichen Strominfrastruktur. Der Begriff „Sonnensteuer“ ist irreführend.
Was kann ich tun?
Zuallererst abwarten und informieren, in welcher Art und Weise die Umsetzungen dann tatsächlich erfolgen.
Ansonsten: Bereits jetzt umdenken. Stromverbrauch und Einspeisung intelligent steuern, Eigenverbrauch erhöhen, ggf. Speicherlösung prüfen. – Dies sind Dinge, die ohnehin für Einsparungen sorgen.
Strom clever nutzen
Netzentgelte für eingespeisten Solarstrom sind ein Weckruf: Wer eine PV-Anlage betreibt, sollte nicht darauf hoffen, dass sich alles von selbst rechnet. Es lohnt sich, den selbst erzeugten Strom so oft wie möglich direkt im eigenen Haushalt zu verbrauchen, gerade in Zeiten, in denen Einspeisung weniger bringt und Gebühren drohen.
- Geräte laufen lassen, wenn die Sonne scheint: Waschmaschine, Geschirrspüler, Akkustaubsauger: alles, was sich timen oder automatisieren lässt.
- Energiefresser erkennen und konsequent vermeiden.
- Smart-Home-Technik oder einfache Zeitschaltungen helfen, auch in Abwesenheit Strom sinnvoll zu nutzen.
- Keine Stromverschwendung, sondern Stromverlagerung.
Der wichtigste Punkt dabei: Eigenverbrauch ist immer günstiger als Stromzukauf vom Netz.
Wer seinen selbst erzeugten Strom nicht nutzt, speist ihn für ein paar Cent pro Kilowattstunde ins Netz und kauft abends teuren Strom für das Drei- bis Vierfache zurück. Dass sich das nicht rechnet, liegt klar auf der Hand.
Deshalb: Planung statt Blindverbrauch. Tageszeiten berücksichtigen. Speicher einsetzen, wenn möglich. Den Verbrauch aktiv steuern. So bleibt die PV-Anlage nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich ein Vorteil. – Umdenken und profitieren.
Fazit: Ein Paradigmenwechsel für die Energiewende?
Die sogenannte „Sonnensteuer“ ist keine echte Steuer, sondern ein anderes Wort für geplante Netzgebühren für PV-Einspeisung. In Österreich wird sie kommen, in Deutschland ist sie in Diskussion.
Die Energiewende gerät damit in ein neues Spannungsfeld: Zwischen Kostenverteilung, Investitionssicherheit und sozialer Gerechtigkeit.
Wer eine PV-Anlage betreibt oder plant, sollte die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neu kalkulieren und vor allem informiert bleiben. Denn die politischen Weichen werden jetzt gestellt, die Folgen bleiben jahrzehntelang spürbar.
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