Warum Wut im Feed gewinnt und Fakten verlieren

Dein Feed ist nicht die Welt: Wie Algorithmen unser Verhalten formen

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Warum aus fünf Minuten am Handy eine halbe Stunde wird

Warum aus fünf Minuten eine halbe Stunde wird, warum Wut im Feed so gut läuft und was die Forschung dazu tatsächlich sagt.

Du willst nur schnell eine Nachricht beantworten. Ein Video, dann noch eins. Der Daumen scrollt von allein. Du schaust auf und fragst dich, wo die halbe Stunde hin ist.

Kennst du? Die meisten schieben das dann auf sich selbst: Hätte ich halt das Handy weggelegt. Das stimmt nur zur Hälfte. Auf der anderen Seite des Bildschirms sitzt ein System, dessen einzige Aufgabe es ist, genau dieses Weglegen unwahrscheinlicher zu machen. Und es wird jeden Tag besser darin, weil du es selbst fütterst.

Der Feed schaut dir beim Schauen zu

Ein Like brauchst du dafür gar nicht zu setzen. Dein Verhalten verrät dem System ohnehin, was bei dir zieht:

  • 2 Sekunden länger hingeschaut
  • Video nochmal gestartet
  • Kommentare aufgeklappt
  • danach Ähnliches gesucht

Aus solchen Spuren rechnet die Plattform aus, was dich als Nächstes am ehesten festhält. Früher hast du selbst entschieden, welchen Artikel du liest oder welchen Sender du einschaltest. Im Feed ist das nächste Video schon da, bevor du überhaupt überlegt hast, ob du es sehen willst. Beim endlosen Scrollen gibt es außerdem keine letzte Seite mehr, also auch keinen Moment, der dir sagt: Das war’s für heute.

Die American Psychological Association weist darauf hin, dass gerade endloses Scrollen und Push-Nachrichten das Aufhören erschweren, und bei Jugendlichen besonders, weil die Impulskontrolle in dem Alter noch reift. Heißt das, alle Teenager sind süchtig? Nein. Fachleute sprechen lieber von problematischer Nutzung, wenn jemand ständig länger online bleibt als geplant und Schule, Schlaf oder Freundschaften darunter leiden.

Wut ist der Treibstoff, Wahrheit zählt nicht mit

Jetzt wird’s unangenehm. Ein Empfehlungssystem kann messen, wie viele Menschen reagieren. Ob stimmt, worauf sie reagieren, misst es nicht. Stell dir zwei Beiträge zum selben Foto vor:

Faktencheck-Seite
Das Foto ist nicht von gestern. Es stammt aus dem Jahr 2019 und zeigt eine andere Stadt.
38 Reaktionen4 Mal geteilt
Wahrheit jetzt!!
Das zeigen sie dir im Fernsehen nicht! Teilen, bevor es gelöscht wird!
4.812 Reaktionen1.290 Mal geteilt

Erfundenes Beispiel, aber ein vertrautes Muster.

Was davon stimmt, weiß der Algorithmus nicht. Er sieht nur, was knallt.

Der zweite Beitrag gewinnt das Rennen um den Platz in deinem Feed, obwohl er falsch ist. „Wut schlägt Wahrheit“ wäre als Naturgesetz trotzdem zu grob. Aber die Forschung zeigt ziemlich deutlich, wohin die Reise geht.

Ein Team der Yale University hat Millionen Tweets ausgewertet. Wer für einen empörten Beitrag viele Likes und Retweets bekam, war beim nächsten Mal noch öfter empört. Das Publikum hat die Wut also regelrecht antrainiert. Eine Folgestudie derselben Gruppe fand außerdem heraus, dass wir die Wut anderer im Netz überschätzen: Leserinnen und Leser hielten Beiträge für zorniger, als die Verfasser sie gemeint hatten. Dein Feed wirkt deshalb womöglich aggressiver als die Menschen, die dahinterstehen.

+2,3 %

mehr Klicks pro zusätzlichem negativen Wort in einer Überschrift. Das ergab die Auswertung zehntausender Schlagzeilen-Tests der Nachrichtenseite Upworthy.

Irgendwann lernst du, was funktioniert

Dasselbe Spiel läuft auch beim Posten. Wer regelmäßig veröffentlicht, merkt schnell: Der sachliche Beitrag verhungert, die zugespitzte Ansage geht durch die Decke. Also wird die nächste Formulierung eine Spur schärfer. Böse Absicht braucht es dafür keine. Eine Auswertung von über einer Million Postings hat gezeigt, dass Menschen ihr Verhalten an Likes anpassen, nach demselben Muster wie jedes andere Belohnungslernen.

Niemand sitzt dafür in einem dunklen Kontrollraum und beschließt, die Gesellschaft zu vergiften. Jeder einzelne Schritt ist völlig banal. Genau deshalb fällt kaum auf, wohin der Kreislauf am Ende führt.

Und das Rabbit Hole?

Die Geschichte vom Menschen, der ein harmloses Video anklickt und drei Wochen später in einer Verschwörungsblase steckt, ist populär. So einfach ist es aber nicht. Eine große Studie zu YouTube fand, dass extreme Kanäle vor allem bei Leuten landen, die schon vorher in diese Richtung unterwegs waren. Sie kamen meist über Abos und Links von außen dorthin und seltener über Empfehlungen. Der Algorithmus kann also Neigungen verstärken, die schon da sind. Er ist aber nicht der alleinige Täter.

Was trotzdem bleibt: Zwei Menschen öffnen dieselbe App und bekommen zwei völlig verschiedene Welten serviert. Für uns Faktenchecker ist das ein unfaires Match. Die Falschmeldung muss nur Aufmerksamkeit erzeugen. Die Richtigstellung muss erklären, belegen und gegen eine Geschichte ankommen, die sich längst im Bauch festgesetzt hat.

Kinder zahlen den höchsten Preis

Mit 13 oder 14 zählt kaum etwas mehr als die Anerkennung der anderen. Social Media macht aus genau dieser Anerkennung eine Zahl, die unter dem eigenen Gesicht steht. Wie viele Likes hat mein Outfit? Wer hat meine Morgenroutine angeschaut? Manche Jugendliche produzieren so ihren eigenen Content, für ein Publikum aus Fremden.

Panikmache hilft trotzdem niemandem. Viele Jugendliche finden online Freunde und Gemeinschaft, gerade wenn sie offline niemanden mit ähnlichen Interessen haben. Auch die APA warnt davor, Social Media pauschal zu verteufeln. Ob es schadet oder hilft, hängt vom Kind ab, von den Inhalten und davon, wie die Plattform gebaut ist. Und über Letzteres wird viel zu selten geredet.

„Leg halt das Handy weg“ ist zu billig

Klar, jeder trägt Verantwortung für sich, und Eltern können Grenzen setzen. Aber bei welchem anderen Produkt würden wir akzeptieren, dass der Hersteller Milliarden Datenpunkte und Psychologie-Wissen einsetzt, um uns möglichst lange zu halten, und hinterher sagt: Selber schuld, wenn ihr nicht aufhört? Schau dir an, was die einzelnen Bausteine eigentlich wegnehmen:

Autoplay

nimmt dir die Entscheidung ab, ob das nächste Video überhaupt startet.

Endloses Scrollen

entfernt die letzte Seite und damit den natürlichen Punkt zum Aufhören.

Push-Nachrichten

holen dich zurück, auch wenn du die App längst geschlossen hast.

Personalisierte Empfehlungen

sorgen dafür, dass fast nie etwas kommt, das dich langweilt.

Keiner dieser Tricks zwingt dich zu irgendwas. Zusammen machen sie das Weitermachen aber kinderleicht und das Aufhören gerade schwer genug.

Dein Feed ist nicht die Welt

Wer durch einen personalisierten Feed scrollt, sieht eine berechnete Auswahl. Trotzdem sagen wir ständig Sätze wie diesen:

„Alle reden darüber.“Alle in meinem Feed reden darüber.

Ein Algorithmus kann keine Lüge wahr machen. Er kann ihr aber eine Bühne bauen. Was oft genug auftaucht, fühlt sich irgendwann vertraut an, und was tausendfach geteilt wird, wirkt wichtig. So entscheidet der Feed mit, worüber du dir überhaupt eine Meinung bildest.

Bevor du teilst: Warum sehe ich das gerade?

  • Macht mich der Beitrag sofort wütend oder ängstlich? Dann erst recht kurz durchatmen.
  • Wer steckt dahinter, und gibt es irgendeinen Beleg?
  • Sehe ich das Thema „überall“ oder nur in meinem eigenen Feed?
  • Habe ich dem System vielleicht selbst beigebracht, dass mich genau das anspringt?

Das alles ist keine Verschwörung und kein Supercomputer, der Gedanken liest. Du hinterlässt kleine Spuren, das System lernt daraus, und auf das, was es dir dann zeigt, reagierst du wieder. Beim nächsten Mal, wenn es plötzlich 22:41 ist, lohnt sich deshalb eine andere Frage als „Warum hänge ich schon wieder am Handy?“. Nämlich: Wer hat hier eigentlich wen trainiert?

Quellen


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)