Die Behauptung
Ein Foto zeigt Alice Weidel hinter einem Mikrofon, dessen Schatten auf ihrem Gesicht wie ein Hitlerbart aussieht.
Aufgestellt von: Beiträge auf X und in weiteren sozialen Netzwerken
Faktencheck: Falsch
Das Foto wurde nachträglich bearbeitet. Die Originalaufnahme vom AfD-Bundesparteitag am 30. April 2016 zeigt keinen dunklen Fleck unter Weidels Nase, und auch Videos vom selben Tag zeigen keinen solchen Schatten.
Das Bild wirkt wie ein seltener Glücksmoment für jeden Pressefotografen. Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD, sitzt hinter einem Mikrofon. Unter ihrer Nase liegt ein dunkler Fleck, der aussieht wie der Schnurrbart von Adolf Hitler. Die Erklärung scheint gleich mitgeliefert: Das sei nur der Schatten des Mikrofons. Derzeit wird das Bild auf X und in anderen Netzwerken wieder geteilt, auch international, teils mit Kommentaren, die es zum Foto des Jahrzehnts erklären. Wer die geteilte Version sehen will, findet sie hier im Internetarchiv.
Wo kommt das Foto eigentlich her?
Um das herauszufinden, hilft eine Bilderrückwärtssuche. Dabei lädt man ein Bild zum Beispiel bei Google Lens hoch, und die Suchmaschine zeigt, wo dasselbe oder ein sehr ähnliches Bild schon im Netz aufgetaucht ist. So lassen sich ältere Versionen finden – oft auch das Original.
Die Suche führt unter anderem zu einem Kommentar im deutschen Magazin Novo vom 5. Mai 2017. Dort ist dasselbe Foto als Titelbild zu sehen. Als Bildquelle steht darunter „Metropolico.org via Flickr“. Metropolico war ein deutsches Internetportal mit Sitz in München. Es bezeichnete sich selbst als „bürgerlich, liberal und unabhängig“, Beobachter rechneten es mehrheitlich dem politisch rechten Spektrum zu. 2017 ging das Portal in einem anderen Onlineangebot auf. Seine Bilddatenbank ist aber weiter online, und dort liegt das Foto von Weidel mit dem Aufnahmedatum 30. April 2016. Auf dieser Aufnahme ist kein dunkler Fleck unter ihrer Nase. Der Mikrofonarm verläuft dort ein gutes Stück unterhalb ihres Kinns.
Am 30. April 2016 hielt die AfD ihren Bundesparteitag in Stuttgart ab. Von dieser Veranstaltung gibt es auch Videos auf YouTube, in denen Weidel zu sehen ist. Einen Schatten in Bartform wirft das Mikrofon dort ebenfalls nicht. Die Deutsche Presse-Agentur dpa ist in ihrem Faktencheck zum selben Ergebnis gekommen.
Warum ausgerechnet ein Schatten?
Eine plumpe Fotomontage würden viele sofort als Scherz erkennen. Ein Schatten ist etwas anderes. Er klingt nach Zufall, nach einem Moment, den ein Fotograf zufällig erwischt hat. Genau dieser vermeintliche Zufall macht das Bild glaubwürdiger als jede offensichtliche Bearbeitung. Man muss dem Bild nichts unterstellen, man lacht nur über ein angebliches Missgeschick.
Dazu kommt der Hitler-Vergleich. Er löst sofort starke Gefühle aus, bei Gegnern wie bei Anhängern der AfD. Und er passt in einen einzigen Blick – eine Erklärung braucht es nicht. Ob der Urheber einen Witz machen oder täuschen wollte, wissen wir nicht. Im Feed spielt das kaum eine Rolle. Dort wird das Bild als Foto geteilt, nicht als Montage.
Eine Einordnung von uns: Solche Fälschungen schaden auch der Debatte selbst. Wer ein gefälschtes Bild verbreitet, liefert allen, die Kritik an einer Politikerin für erfunden halten, ein bequemes Gegenbeispiel. Wer über Politik streiten will, braucht dafür echte Bilder und echte Zitate.
Was man am Bild selbst hätte bemerken können
Wer sich die geteilte Version genau ansieht, merkt: Der Fleck passt nicht recht zum Mikrofon. Der Mikrofonkopf, also der dicke schwarze Teil, ist ganz links im Bild. Der dunkle Fleck sitzt dagegen genau mittig unter der Nase und hat eine auffallend saubere Form. Ein Beweis für eine Fälschung ist so eine Beobachtung allein nicht – Licht kann seltsame Dinge tun. Sie ist aber ein guter Grund, nach dem Original zu suchen.
- Ist es zu passend, um wahr zu sein?Wenn ein Bild genau das zeigt, was man über jemanden denkt, lohnt ein zweiter Blick.
- Gibt es eine ältere Version?Eine Bilderrückwärtssuche zeigt oft in wenigen Minuten, wo ein Foto zuerst aufgetaucht ist.
- Wer hat es aufgenommen?Echte Pressefotos haben fast immer einen Bildnachweis. Ein Foto ohne Herkunft ist noch kein Beleg.
- dpa-Faktencheck: Schatten auf Foto von Alice Weidel nachträglich hinzugefügt, 17. September 2026
- Novo: Der Fall Weidel – Anzeige ist raus!, 5. Mai 2017 (Titelbild mit Bildnachweis Metropolico)
- Metropolico: Originalfoto von Alice Weidel, datiert 30. April 2016
- Wikipedia: Metropolico (Selbstbeschreibung, Einordnung und Fusion 2017, jeweils mit Einzelbelegen)
- YouTube: Video vom AfD-Bundesparteitag am 30. April 2016
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