Die Behauptung
In einem kursierenden Zitatbild wird dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj der Satz „Ich benutze mein Volk als Kanonenfutter & die Welt feiert mich dafür“ zugeschrieben. Das Bild suggeriert, Selenskyj opfere bewusst das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer, um internationale Anerkennung zu gewinnen.
Aufgestellt von: Social Media
Falsch
Falsch. Es gibt keinerlei Belege dafür, dass Selenskyj diesen Satz je gesagt hat. Weder in ukrainischen noch in internationalen Medien oder offiziellen Transkripten ist das Zitat nachweisbar. Es handelt sich um eine gezielte Desinformation, die den Kontext verdreht: Selenskyj hatte diesen Begriff im Zusammenhang mit der russischen Kriegsführung verwendet, nicht im Hinblick auf das eigene Volk.
Kurze Faktenübersicht:
- Das Zitat ist nirgends in seriösen Quellen nachweisbar.
- Es handelt sich um eine freie Erfindung, die auf einer echten Aussage gegen Russland basiert.
- So warf Selenskyj 2022 der russischen Armee vor, Soldaten als „Kanonenfutter“ zu missbrauchen.
- Das virale Bild entstand offenbar als bewusste Verdrehung dieser Aussage mit manipulativer Absicht.
Die erfundene Aussage verbreitete sich rasch auf X.
Das Zitatbild mit Selenskyjs angeblichem Satz wurde erstmals im Oktober 2022 gepostet und tauchte seitdem mehrfach wieder auf, zuletzt im Juni 2025.
„Ich benutze mein Volk als Kanonenfutter & die Welt feiert mich dafür“ (sic!)
Eine Quelle wird nicht genannt, der Kontext fehlt völlig. Was auf den ersten Blick wie ein zugespitztes Zitat wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als klassischer Fake.
Das Bild wurde laut einer Rückwärtssuche mit „TinEye“ erstmals kurz nach einer bekannten Rede Selenskyjs im Oktober 2022 veröffentlicht. Damals hatte Selenskyj russische Militärstrategen scharf kritisiert, da sie ihre eigenen Soldaten wie „Kanonenfutter“ in die Schlacht werfen würden. In einem Bericht des ORF vom 13. Oktober 2022 wird er mit folgenden Worten zitiert:
„Die Verwendung dieser Menschen durch die russischen Generäle als Kanonenfutter erlaubt es ihnen, den Druck auf unsere Verteidiger zu erhöhen.“
Mehrere renommierte Medien griffen diese Aussage damals auf, darunter das „Handelsblatt“, „Die Zeit“ und weitere internationale Nachrichtenagenturen. In keinem Fall fiel jedoch der Satz, der auf dem Bild zu sehen ist. Es handelt sich also um eine klare Umkehrung des Kontexts: Aus einem Vorwurf gegen Russland wird plötzlich eine selbstbezogene Aussage von Selenskyj – eine Desinformationstaktik, die gezielt Empörung erzeugen soll.
Auch der Russland-Experte Gerhard Mangott, Professor für Internationale Beziehungen, bestätigt auf Anfrage der dpa: „Diese Aussage habe ich von Selenskyj nie gehört. Selenskyj hat aber den russischen Generälen vorgeworfen, ihre Soldaten als ‚Kanonenfutter‘ zu missbrauchen.“
Ursprung und Verbreitung der Falschmeldung
Die Entstehungsgeschichte dieser Falschbehauptung lässt sich relativ genau nachvollziehen. Nachdem Selenskyj im Oktober 2022 den Begriff „Kanonenfutter” auf russische Soldaten bezogen hatte, tauchte das manipulierte Zitatbild wenige Tage später erstmals auf X (damals noch Twitter) auf. Es wurde von Accounts verbreitet, die bereits in der Vergangenheit prorussische Narrative gestreut hatten.
Diese Strategie ist aus anderen Desinformationskampagnen bekannt. Auch bei anderen Politikern, etwa Barack Obama, Angela Merkel oder Emmanuel Macron, wurden in der Vergangenheit erfundene Zitate dieser Art verwendet, um Misstrauen zu schüren und das öffentliche Bild zu beschädigen. Im Fall Selenskyjs ist das Ziel besonders klar: Die moralische Legitimität des ukrainischen Widerstands soll in Zweifel gezogen werden, indem dem Präsidenten Zynismus und Kaltherzigkeit unterstellt werden.
Dieses Bild fügt sich nahtlos in ein ganzes Arsenal prorussischer Propaganda-Inhalte ein, die Selenskyj dämonisieren. Mal wird er als Nazi, mal als Marionette, mal als korrupt oder eben als zynischer Menschenverachter dargestellt. Dabei bedienen sich diese Narrative systematisch gefälschter Zitate, manipulierter Fotos und aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen.
Wie Desinformation durch Zitatfälschung funktioniert
Fälschungen wie dieses Zitatbild bedienen sich eines perfiden Tricks: Sie greifen reale Begriffe oder Kontexte auf – in diesem Fall das Wort „Kanonenfutter“ – und verdrehen deren Bedeutung. So entsteht der Eindruck von Authentizität. Weil der Begriff wirklich einmal gefallen ist, glauben viele: „Das wird er wohl gesagt haben.“ Doch entscheidend ist der Kontext, in dem etwas gesagt wurde – und dieser wurde hier komplett verfälscht.
Hinzu kommt die psychologische Wirkung solcher Aussagen: Ein Präsident, der angeblich zynisch über das eigene Volk spricht, erzeugt starke Reaktionen. Die Empörung führt dazu, dass viele Nutzer das Bild sofort teilen, ohne es zu hinterfragen. Genau darauf setzen Desinformationskampagnen. Auf Emotion statt Fakten. Das Ziel besteht darin, Zweifel, Wut und Polarisierung zu erzeugen. Wer sich einmal festgelegt hat, wird später selten bereit sein, den Irrtum einzugestehen – selbst wenn der Fake entlarvt wird.
Ein weiteres Problem ist, dass Plattformen wie X (ehemals Twitter) nach der Übernahme durch Elon Musk ihre Moderationspolitik gelockert haben. Falschinformationen verbreiten sich dort schneller und werden seltener gelöscht. Das begünstigt die Streuung solcher Inhalte. Selbst wenn das ursprüngliche Bild entfernt wird, kursieren bereits Dutzende Kopien, Screenshots oder Variationen davon. Der Schaden ist also bereits angerichtet.
Dabei ist der Wahrheitsgehalt eindeutig: In keiner nachprüfbaren Quelle, in keiner Rede, in keinem Interview und in keinem offiziellen Dokument findet sich das angebliche Selenskyj-Zitat. Es ist ein Propagandainstrument – nicht mehr und nicht weniger.
FAQ: Was du über das Selenskyj-Zitat wissen musst
Hat Selenskyj wirklich gesagt, er würde sein Volk als Kanonenfutter benutzen?
Nein, diese Aussage ist frei erfunden. Sie taucht nur in einem anonym verbreiteten Zitatbild auf. In keiner offiziellen Quelle, keinem Interview oder Regierungsdokument findet sich dieser Satz.
Woher stammt der Begriff „Kanonenfutter“ dann überhaupt?
Selenskyj verwendete den Begriff im Jahr 2022, allerdings in Bezug auf russische Soldaten. Er warf den russischen Generälen vor, ihre eigenen Männer ohne Rücksicht auf Verluste in den Krieg zu schicken.
Gibt es eine Quelle oder ein Video für das angebliche Zitat?
Nein, weder gibt es ein Video, noch eine transkribierte Rede oder ein glaubwürdiges Interview mit diesem Wortlaut. Das Bild ist ein Beispiel für Desinformation ohne Beleg.
Warum verbreiten sich solche Zitate trotzdem so schnell?
Weil sie Empörung erzeugen. Emotionale Inhalte werden häufiger geteilt, vor allem, wenn sie Vorurteile oder Wut bestätigen. Hinzu kommen politische Interessen, etwa von prorussischen Gruppen.
Was kann ich tun, wenn ich auf ein solches Zitat stoße?
Nicht sofort glauben oder teilen. Prüfe, ob es eine seriöse Quelle oder ein belegbares Originalzitat gibt. Im Zweifel das Bild melden und auf Faktenchecks wie diesen verweisen.
Zum Schluss noch einmal Klartext: Seid vorsichtig mit verdrehten Zitaten!
Wenn Worte wie Waffen eingesetzt werden, ist die Wahrheit das erste Opfer. Das Zitat, das Selenskyj unterstellt, er opfere sein eigenes Volk bewusst, ist eine Lüge – und eine gefährliche dazu. Es verdreht den Sinn einer echten Kritik am russischen Angriffskrieg und nutzt das Leiden von Menschen, um Empörung zu schüren. Wer solche Falschzitate verbreitet, spielt mit der Wahrheit und mit unserer Fähigkeit, Realität von Propaganda zu unterscheiden.
Deshalb gilt: Traue nicht jedem Bild, jeder Schlagzeile, jedem Zitat. Frag nach Quellen. Und wenn etwas zu schockierend klingt, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch nicht.
Quelle: DPA
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Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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