Die Behauptung
Ein im Juni 2025 weit verbreitetes Video soll angeblich ukrainische Geflüchtete zeigen, die vor dem „Kiew-Regime“ nach Russland fliehen.
Aufgestellt von: Social Media
Faktencheck: Falsch
Zwar zeigt das Video real existierende Menschen auf einem Fußmarsch, doch der Kontext wurde vollständig verfälscht. Es handelt sich um eine traditionelle russisch-orthodoxe Pilgerreise und nicht um eine Flüchtlingsbewegung ukrainischer Zivilist:innen. Alle zentralen Details – Ort, Anlass und Beteiligte – sind nachprüfbar dokumentiert und belegen eine bewusst irreführende Darstellung.
Kurze Faktenübersicht:
- Das Video zeigt die Velikoretsky-Kreuzprozession, eine religiöse Prozession.
- Der Veranstaltungsort ist Zagarye in der Region Kirow, das etwa 1.500 km von der ukrainischen Grenze entfernt liegt.
- Die Kleidung, die religiösen Symbole und die im Video sichtbaren Fahrzeuge belegen die russisch-orthodoxe Herkunft der Teilnehmenden.
- Veranstalter und visuelle Beweise bestätigen eindeutig, dass sich keine ukrainischen Flüchtlinge im Bild befinden.
Velikoretsky-Prozession: Die wahre Geschichte hinter dem Video
Das seit Anfang Juni 2025 in verschiedenen Sprachen auf Plattformen wie Facebook, YouTube oder Telegram zirkulierende Video zeigt eine Gruppe von Menschen mit Rucksäcken, einige in religiösen Gewändern, darunter ein Mann mit einem Kreuz. Die Szene wirkt auf den ersten Blick wie eine dokumentierte Fluchtbewegung, zeigt jedoch Pilger.
Eine umgekehrte Videosuche führte AFP jedoch zu einer qualitativ besseren Version auf YouTube. In dieser wird zwar behauptet, es handele sich um Ukrainer:innen aus Kiew, doch Ort und Kleidung zeigen, dass es sich tatsächlich um Teilnehmer:innen der Velikoretsky-Kreuzprozession handelt. Diese jährlich zwischen dem 3. und 8. Juni stattfindende Pilgerreise gedenkt des Heiligen Nikolaus und führt durch mehrere Dörfer der russischen Region Kirow, darunter Zagarye.
Kreuze, Kopftücher, Soutanen sowie orthodoxe Ikonen sind typische Merkmale dieser Prozession. Dies sind religiöse, nicht politische Symbole – und sie sind im Video mehrfach zu sehen.
Ort, Fahrzeuge, Symbolik: Warum Zagarye eindeutig ist
AFP konnte das im Video gezeigte Dorf exakt identifizieren. In einer Szene ist ein Kirchturm mit charakteristischer Spitze zu sehen, der dem auf Yandex Maps im Dorf Zagarye gleicht. Weitere auffällige Merkmale sind ein gelber Gasanschluss, ein graues Haus mit gegenüberliegendem grünen Zaun sowie ein Strommast. Auch ein Überwachungsfahrzeug mit russischem Kennzeichen, das laut AFP dem Innenministerium gehört, sowie eine russische Flagge lassen keinen Zweifel am Ort der Aufzeichnung.
Der entscheidende Beweis: Ein Sprecher der Pilgerfahrt-Organisation bestätigte am 12. Juni 2025 gegenüber AFP, dass die Aufnahmen bei der diesjährigen Prozession entstanden sind. Zusätzlich wurde ein Screenshot von Yandex Maps aus dem Jahr 2024 beigelegt, der den gleichen Standort zeigt – zu einem Zeitpunkt, als der Gasanschluss noch nicht installiert war. 2024 war das Haus „noch nicht vollständig überdacht“, so der Sprecher, was auch in den Kartenaufnahmen zu erkennen ist.
Der Reiseverlauf: Warum Flucht unmöglich ist
Die Pilgergruppe passierte Zagarye am 4. Juni 2025 gegen 10 Uhr morgens, nachdem sie in den frühen Morgenstunden aus dem Dorf Bobino aufgebrochen war. Laut Reiseplan folgte eine Pause mit Verpflegung durch eine Feldküche, bevor der Weg fortgesetzt wurde. Diese Angaben lassen sich mit dem Wetterbericht (bewölkter Himmel) und Telegram-Videos vom selben Tag abgleichen, da sie dieselbe Szenerie zeigen wie das virale Video.
Auch die Entfernung von Zagarye zur ukrainischen Hauptstadt Kiew spricht gegen jede Fluchtbehauptung: Rund 1 768 Kilometer zu Fuß oder etwa 397 Stunden laut Google Maps. Eine Fluchtbewegung aus einem Kriegsgebiet ist auf diesem Weg innerhalb der gezeigten Zeit unrealistisch.
Herkunft der Teilnehmenden: Mehrheitlich aus Russland
Laut AFP und den Organisator:innen handelt es sich bei den Teilnehmenden der Prozession um Menschen „aus aller Welt“, doch die große Mehrheit stammt aus Russland. Für das Jahr 2025 wird von rund 22.000 Pilger:innen ausgegangen. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Ukrainer:innen unter Zwang oder aus Kriegsgründen an dieser Prozession teilgenommen hätten.
Die Desinformationsstrategie liegt auf der Hand: Das reale Bild einer religiösen Versammlung wurde politisch instrumentalisiert, um eine angebliche Massenflucht vor dem „Kiewer Regime“ zu suggerieren.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Worum handelt es sich bei der Velikoretsky-Prozession?
Bei der Prozession handelt es sich um eine religiöse Pilgerreise in der russischen Region Kirow. Gläubige ziehen dabei zu Fuß über mehrere Dörfer, um des Heiligen Nikolaus zu gedenken. Sie findet jedes Jahr vom 3. bis 8. Juni statt.
Warum wird das Video mit ukrainischen Flüchtlingen assoziiert?
Die Aufnahmen wurden bewusst falsch betitelt. Aussagen wie „Leute retten sich vor dem Kiewer Regime“ sollten ein politisches Narrativ unterstützen, nämlich das der Flucht vor der ukrainischen Regierung. Tatsächlich sind die abgebildeten Menschen jedoch russisch-orthodoxe Pilger:innen.
Wie konnte AFP das Video enttarnen?
Durch Vergleiche mit Satellitenbildern, Kartenmaterial und offiziellen Aufnahmen. Außerdem gaben die Organisator:innen selbst Auskunft über Zeit und Ort der Prozession.
Gibt es eine Verbindung zu ukrainischen Geflüchteten?
Nein, denn zwar sind seit 2022 Millionen Ukrainer:innen vor dem Krieg geflohen, viele davon auch nach Russland. Das gezeigte Video steht jedoch in keinem Zusammenhang mit diesen Fluchtbewegungen, sondern zeigt ausschließlich Pilger:innen auf einer bekannten russischen Wallfahrt.
Fazit zum Thema:
Das kursierende Video wurde aus dem Zusammenhang gerissen und politisch instrumentalisiert. Die gezeigten Menschen nehmen an einer traditionellen russisch-orthodoxen Pilgerfahrt teil, sie fliehen nicht. Ort, Zeitpunkt, Kleidung und Symbolik sprechen eindeutig gegen eine Flüchtlingsszene. Die Behauptung ist deshalb irreführend und größtenteils falsch.
Quelle: AFP
Lesen Sie auch: Holocaust-Schicksal gefälscht: Hannelore Kaufmann
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
