Ein Krieg liefert neues Material für eine Desinformations-Welle
Während Nachrichten über Raketenangriffe und militärische Reaktionen im Nahen Osten weltweit Schlagzeilen machen, tauchen in sozialen Netzwerken plötzlich angebliche Berichte internationaler Medien auf. Ein Video behauptet etwa, ein iranischer Raketenangriff habe 70 französische Soldaten in Abu Dhabi getötet. Als Quelle wird der US-Thinktank Institute for the Study of War genannt.
Das Video verbreitet sich rasch über pro-russische Telegram-Kanäle und erreicht hunderttausende Aufrufe. Kurz darauf greifen mehrere Webseiten die Geschichte auf.
Der angebliche Bericht existiert jedoch nicht. Das Institute for the Study of War erklärte öffentlich, dass es eine solche Analyse nie veröffentlicht habe. Zwar wurde ein Hangar auf dem französischen Militärstützpunkt Al Dhafra nahe Abu Dhabi von einer Drohne getroffen. Tote oder Verletzte wurden jedoch nicht gemeldet.
Der Fall ist Teil einer größeren Desinformationskampagne, die parallel zu den Ereignissen im Nahen Osten läuft.
Falschmeldungen über Frankreich
Ein weiteres Beispiel betrifft einen angeblichen Bericht des französischen Magazins „Le Point“. In einem Video wird behauptet, ukrainische Telefonbetrüger hätten den Krieg genutzt, um 42 Millionen Euro von französischen Bürgern zu ergaunern.
Demnach hätten die Täter vorgegeben, Geld für die Stärkung der französischen Luftverteidigung im Nahen Osten zu sammeln.
Auch dieser Bericht wurde über pro-russische Telegram-Kanäle verbreitet und erreichte zehntausende Aufrufe.
Eine Überprüfung zeigt jedoch, dass „Le Point“ keinen solchen Beitrag veröffentlicht hat. Weder auf der Website noch in den offiziellen Social-Media-Kanälen des Magazins findet sich ein entsprechender Bericht.
Ein weiteres Detail fällt auf: Das Video ist auf Englisch verfasst. „Le Point“ veröffentlicht seine Inhalte üblicherweise ausschließlich auf Französisch.
Vorwürfe gegen ukrainische Militärführung
Ein drittes Narrativ richtet sich direkt gegen die ukrainische Militärführung. In mehreren Beiträgen wird behauptet, der internationale Nachrichtensender Euronews habe über eine zerstörte Luxusimmobilie in Dubai berichtet.
Das Haus im Wert von sieben Millionen Dollar soll dem ukrainischen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj gehören und durch eine iranische Rakete zerstört worden sein.
Für diese Behauptung gibt es jedoch keine Belege. In den öffentlich zugänglichen Vermögenserklärungen Syrskyjs aus dem Jahr 2022 sind lediglich eine Wohnung in Kiew sowie ein kleines Grundstück in der Ukraine aufgeführt.
Auch ein entsprechender Bericht von Euronews lässt sich nicht finden.
Die Meldung verbreitete sich stattdessen über mehrere Webseiten eines Netzwerks, das häufig mit pro-russischer Propaganda in Verbindung gebracht wird.
Die Kampagne „Matrjoschka“
Hinter den gefälschten Berichten steht laut Analysen von NewsGuard eine russische Einflussoperation mit dem Namen „Matrjoschka“. Der Name spielt auf die bekannten russischen Holzpuppen an, die ineinander verschachtelt sind.
Die Methode ist ähnlich aufgebaut. Inhalte werden so gestaltet, dass sie wie Berichte etablierter Medien oder Thinktanks wirken. Logos, Layout und Erzählweise orientieren sich an echten Quellen.
Diese scheinbar glaubwürdigen Inhalte werden anschließend über Netzwerke von Social-Media-Accounts und Websites verbreitet. Ziel ist es, den Eindruck zu erwecken, die Informationen kämen aus seriösen journalistischen oder wissenschaftlichen Quellen.
Im aktuellen Fall identifizierte NewsGuard neun gefälschte Berichte, die im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Israel, den USA und Iran verbreitet wurden. Sie richten sich nicht in erster Linie gegen die Konfliktparteien im Nahen Osten, sondern gegen europäische Staaten und die Ukraine.
Ein Netzwerk aus hunderten Webseite
Die betreffenden Websites gehören zu einem Verbund von mehr als 280 Seiten, die häufig automatisiert Inhalte veröffentlichen. Untersuchungen zufolge verfolgen sie ein strategisches Ziel: Desinformation möglichst breit im Netz zu streuen.
Ein Teil der Strategie besteht darin, Inhalte so zu platzieren, dass sie von Suchmaschinen und KI-Systemen aufgegriffen werden können. Dadurch können sich falsche Behauptungen langfristig in digitalen Informationsräumen festsetzen.
Die aktuellen Beispiele zeigen zudem ein wiederkehrendes Muster. Internationale Krisen werden genutzt, um andere politische Themen zu bespielen.
So werden Ereignisse im Nahen Osten mit Narrativen über Korruption in der Ukraine oder angebliche Schwächen europäischer Staaten verknüpft.
Krisen als Gelegenheit für Desinformation
Auffällig ist, dass die aktuellen Falschmeldungen kaum darauf abzielen, den Iran direkt positiv darzustellen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die Diskreditierung westlicher Akteure.
Beobachter sehen darin eine Strategie, die bereits in früheren geopolitischen Krisen eingesetzt wurde. Schnelle und unübersichtliche Nachrichtenlagen bieten besonders günstige Bedingungen für manipulierte Inhalte.
Wenn viele Informationen gleichzeitig im Umlauf sind, lassen sich gefälschte Berichte leichter zwischen echte Nachrichten mischen.
Der Fall zeigt, wie internationale Konflikte nicht nur militärisch, sondern auch im digitalen Informationsraum ausgetragen werden.
Quellen
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