Die Behauptung
Ein Video zeige einen Demonstranten in Paris, der mit einer Feuerwerkskanone auf Polizisten schießt.
Falsch
Falsch. Die Aufnahme stammt aus Tiflis in Georgien. Sie wurde bereits Ende 2024 in Berichten über die dortigen Proteste veröffentlicht.
Die Aufnahme mit der mehrläufigen Feuerwerkskanone war bereits Ende 2024 in Berichten über Proteste in Georgien zu sehen. Sky News veröffentlichte die Szene am 1. Dezember 2024 und ordnete sie ausdrücklich Tiflis zu. Am 2. Dezember zeigte auch Blick den Clip mit der Beschriftung „Proteste in Tiflis: Demonstrant greift mit selbstgebauter Feuer-Kanone an“.
Der uns vorliegende Screenshot eines Facebook-Beitrags nennt dagegen ausdrücklich Paris. Sinngemäß heißt es im kurdischen Begleittext: Ein Demonstrant habe eine Feuerwerkskanone genommen und schieße damit auf Polizisten. Die Hashtags „France“ und „FranceProtests“ verstärken die Zuordnung zu Frankreich. Ein Aufnahmedatum nennt der Text nicht; die Anzeige „18 Std.“ bezeichnet das Alter des Facebook-Beitrags.
Wogegen die Menschen in Tiflis protestierten
Die damaligen Demonstrationen richteten sich gegen den Kurs der georgischen Regierung. NewsGeorgia berichtete am 30. November 2024, dass die Protestwelle nach einer Ankündigung vom 28. November begonnen hatte: Die Regierung wollte die Frage der Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen bis 2028 von der Tagesordnung nehmen. Tausende Menschen versammelten sich vor dem Parlament und blockierten die Rustaweli-Allee in Tiflis.
Auch der Liveblog des georgischen Mediums Civil Georgia dokumentiert die Auseinandersetzungen. Im Eintrag vom 30. November 2024 um 23:50 Uhr beschreibt die Redaktion den Einsatz von Pyrotechnik gegen das Parlament. Am 1. Dezember um 00:50 Uhr meldet sie Wasserwerfer und erneuten Feuerwerksbeschuss durch Demonstranten. Diese zeitgenössischen Berichte erklären den tatsächlichen Zusammenhang der Aufnahmen.
Warum solche Fakes verbreitet werden
Für uns bei Mimikama zeigt dieser Fall, wie wenig Aufwand eine falsche Geschichte braucht: Eine alte Aufnahme bekommt eine neue Ortsangabe und wirkt plötzlich wie ein Beweis für Ereignisse in einem anderen Land. Aus den Protesten gegen den Kurs der georgischen Regierung wird eine angebliche Gewaltszene in Paris. Wer das Video sieht, kann sich über die Gewalt aufregen und gleichzeitig zu einem falschen Schluss über die Lage in Frankreich kommen.
Eine solche Falschzuordnung kann gezielt eingesetzt werden, um Aufmerksamkeit zu gewinnen oder eine politische Erzählung vom angeblichen Chaos zu stützen. Sie kann aber auch weitergetragen werden, weil jemand die Beschriftung ungeprüft übernimmt oder darin eine Bestätigung der eigenen Überzeugung sieht. Die sichtbare Aufnahme verleiht der Behauptung Glaubwürdigkeit, obwohl gerade die entscheidende Information über ihren Ursprung fehlt.
Dass politische Gegnerschaft mit besonders viel Aufmerksamkeit verbunden sein kann, zeigt eine 2021 in PNAS veröffentlichte Studie von Steve Rathje und Kollegen. Die Forschenden untersuchten rund 2,7 Millionen Facebook- und Twitter-Beiträge von Nachrichtenmedien und US-Kongressmitgliedern. Beiträge über politische Gegner wurden in den untersuchten Daten etwa doppelt so häufig geteilt wie solche über die eigene politische Gruppe. Die Studie beschreibt einen Zusammenhang in diesem US-amerikanischen Kontext; sie beweist weder die Ursache der Verbreitung unseres Videos noch die Absicht des Absenders.
Ob die Ortsangabe bewusst falsch gesetzt oder eine ungeprüfte Zuordnung übernommen wurde, lässt sich aus dem vorliegenden Material nicht feststellen. Der Screenshot belegt die falsche Beschriftung, keinen Vorsatz. Aus Mimikama-Sicht liegt die Gefahr darin, dass Menschen eine Aufnahme als Beleg weitergeben, bevor sie wissen, wo und wann sie entstanden ist.
Quellen
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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(Mehr zur Arbeitsweise) Welche Quellen wir verwenden und was für uns kein Beleg ist, steht auf unserer Quellenseite.
