Faktencheck

Das Affenpocken-Planspiel: Wenn ein Zufall zu einer Verschwörung umgedeutet wird

Ein tatsächlich stattgefundenes Planspiel mit den Affenpocken-Viren als Erreger soll der Beweis sein, dass eine neue Pandemie geplant sei – doch außer dem Namen des Virus und dem ungefähren Zeitpunkt stimmt nichts überein.

Ralf Nowotny, 13. Juni 2022

Die Behauptung

Ein Planspiel im Jahr 2021 soll der Beweis sein, dass eine Pandemie durch das Affenpockenvirus geplant sei.

Unser Fazit

Dieses Planspiel gab es wirklich, doch außer dem ungefähren Zeitpunkt und dem Virus hat das Planspiel mit der aktuellen Situation nichts gemeinsam. Solche Planspiele werden sehr oft durchgeführt, trotzdem gibt es keine Welle von Pandemien.

Für diesen Artikel müssen wir uns kurz in die Gedankenwelt von Verschwörungsgläubigen hineinversetzen: Es gibt keine Zufälle, kein natürliches Chaos, sondern alles ist von bestimmten Mächten, seien es die Illuminaten, Echsenwesen in der Hohlerde oder Außerirdischen, bereits geplant. Sämtliche Unglücke, Katastrophen und Pandemien werden seit Jahrhunderten gesteuert, um die Menschheit… tja… zu unterjochen? Sie zu Sklaven zu machen? Und das schon so lange? Ein wenig ineffizient sind sie ja schon, diese Oberherrscher.
Auch die derzeit auftretenden Fälle von Affenpocken sollen nur der Vorläufer einer geplanten Pandemie sein – doch ein tatsächlicher Zufall ist noch lange keine Aufdeckung einer Verschwörung!

Das Affenpocken-Planspiel

In diversen Artikeln und Beiträgen in sozialen Netzwerken wie Twitter und Telegram wird behauptet, dass das Auftreten der Affenpocken in mehreren Ländern nicht etwa ein Zufall sei, sondern auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2021 bereits als „neue Pandemie“ geplant wurde.

Eine geplante Affenpocken-Pandemie?
Eine geplante Affenpocken-Pandemie?

Laut diesem Plan startete die Pandemie bereits am 15. Mai und wird bis Ende 2023 270 Millionen Tote fordern.

Dieses Planspiel gab es wirklich: Es fand während der Münchner Sicherheitskonferenz im März 2021 statt (siehe HIER).

Fakten und Fiktion

Das Planspiel wurde von der Organisation NTI veranstaltet. Die „Bill Gates Stiftung“ hat allerdings damit nur sehr rudimentär zu tun: Einer der Teilnehmer des Planspiels war lauf der PDF-Datei zu dem Planspiel (siehe HIER) ein Dr. Chris Elias, Präsident der Abteilung Globale Entwicklung bei der Bill & Melinda Gates-Stiftung – neben 16 anderen Teilnehmern.

Das war es aber auch schon mit der Verbindung zu Gates: In der „Wer sind wir“ Kategorie der Homepage des NTI (siehe HIER) lassen sich weder Bill noch Melinda Gates finden, es kann also schonmal negiert werden, dass das Planspiel „mit der Bill Gates Stiftung“ durchgespielt wurde.

Affenpocken sind in Afrika bereits seit Jahrzehnten bekannt. Bei einem solchen Planspiel handelt es sich um eine szenariobasierte, moderierte Diskussion, bei der eine fiktive Geschichte verwendet wird, um den Dialog zwischen Praktikern und Experten anzuregen. Das Ziel davon ist es, wertvolle Erkenntnisse über effektive Ansätze zur Lösung schwieriger Probleme zu gewinnen.

Werfen wir mal einen Blick auf das Szenario des Planspiels:

Das Szenario des Planspiels
Das Szenario des Planspiels, Quelle: NTI

Hier der Plan, der ja angeblich ein neuer Pandemie-Plan ist, in Stichpunkten:

  • Ein durch eine Terrorgruppe modifizierter Affenpocken-Virus, der gegen Impfungen resistent ist
  • Bereits zu Beginn 1.421 Erkrankungen und 4 Tote
  • Keinerlei offizielle Warnungen und Sicherheitshinweise
  • 480 Millionen Erkrankungen, 27 Millionen Tote innerhalb eines Jahres
  • 3,28 Milliarden Erkrankungen, 271 Millionen Tote bis Ende 2023
Es gibt also gerade mal zwei Gemeinsamkeiten: Der ungefähre Zeitpunkt des Auftauchens und die Art des Virus.

Solche Planspiele werden seit 2019 von der NTI durchgeführt. 2019 basierte es auf einer höchst ansteckende Variante der Lungenpest (siehe HIER), 2020 auf einem gefährlichen Grippevirus, der aus einer Biowaffen-Anlage stammt (siehe HIER). In dem 2020er-Planspiel wird explizit darauf hingewiesen, dass es bereits 2019 entwickelt wurde und keinerlei Bezug zur Corona-Pandemie hat – in der Tat handelt es sich nicht nur um einen anderen Virus (dem H2N2-Grippevirus), sondern der Verlauf ist auch gänzlich anders.

NTI erklärt sogar in einem Beitrag (siehe HIER), warum sie sich für das Planspiel 2021 (welches 2020 entworfen wurde) für das Affenpocken-Virus entschieden haben: Sie wählten einen Erreger mit anderen Merkmalen als das SARS-CoV-2-Virus, um die Übungsteilnehmer dazu anzuregen, sich mit anderen Fragen zu beschäftigen als denen, die bereits durch die aktuelle Pandemie hervorgehoben wurden.

Planspiele allgemein sind zudem nichts Außergewöhnliches, so gab es von anderen Organisationen in den letzten Jahren auch Planspiele mit Coronaviren, Ebola, Masern, Zika, Rifttalfieber oder dem Akhmeta-Virus… und trotzdem sind daraus keine Pandemien entstanden.

Fazit

Das Planspiel der NTI hat tatsächlich die Affenpocken als Grundlage, der Zeitpunkt stimmt auch ungefähr – und das war es schon. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich die Affenpocken zu einer Pandemie ausweiten, dies wird auch nirgendwo auch nur leise vermutet. Es wird zur Vorsicht gemahnt, es wird dazu geraten, auf Symptome zu achten – doch eine Pandemie wütet weitaus stärker und tödlicher, wie wir alle mittlerweile selbst erfahren haben.

Mittlerweile haben wir Mitte Juni, die angeblich geplante Pandemie sollte also bereits seit einem Monat uns das Leben schwer machen, doch davon sind wir weit entfernt. Im Gegenteil: Außerhalb Afrikas gab es bisher keine Todesfälle, 90 Prozent erholten sich vollständig (egal, ob mit oder ohne Pockenimpfung), einzig die steigende Fallzahl bereitet Sorgen, doch als eine pandemische Gefahr gilt das Virus nicht.

Weitere Quelle: dpa

In dem Zusammenhang interessant:

Der größte Vorteil für uns (und ein Nachteil für das Virus): Eine Erkrankung mit Affenpocken ist sichtbar, oftmals milder als normale Pocken und nur schwer übertragbar.
Affenpocken – Ja, es gibt mehrere Fälle, doch Panik ist nicht angebracht


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