Eine gepanzerte Limousine wird auf dem Berliner Kurfürstendamm von einem Motorrad aus beschossen. Der Unternehmer Carsten Maschmeyer überlebt angeblich den Anschlag und erklärt später im Krankenhaus, weshalb er ins Visier geraten sei: Er habe eine besonders erfolgreiche Investmentplattform bekannt gemacht. Die Geschichte klingt wie die Handlung eines Krimis. Veröffentlicht wurde sie auf einer Internetseite, die das Erscheinungsbild der Tagesschau nachahmt. Nur: Den Anschlag hat es nie gegeben.
Ein dpa-Faktencheck vom 29. September 2026, den das Stader Tageblatt veröffentlicht hat, dokumentiert gleich zwei Fassungen dieser Fälschung. Die angeblichen Nachrichtenartikel sind fast identisch. Ausgetauscht wurde unter anderem der Name der beworbenen Geldanlage: Einmal heißt sie „Venezia Prime GPT“, ein anderes Mal „BitMeridian AI“. Beide Varianten locken mit hohen Erträgen nach einer ersten Einzahlung von 250 Euro. Für die Registrierung sollen Interessierte ihren Namen, ihre E-Mail-Adresse und ihre Telefonnummer hinterlassen.
Auch die Bilder dienen der Inszenierung. Laut dpa zeigt eine KI-generierte Aufnahme Maschmeyer mit Kopfverband nach einem vermeintlichen Krankenhausaufenthalt. Zusätzlich wird ihm ein erfundenes Gespräch mit Sandra Maischberger zugeschrieben. Die verwendeten echten Fernsehbilder stammen zwar aus einer Sendung, doch über die beworbenen Investmentplattformen wurde dort nicht gesprochen.
In Spanien werden die Namen ausgetauscht
Wenige Tage später findet sich eine auffallend ähnliche Geschichte in Spanien. Am 8. Oktober überprüft Maldita.es eine gefälschte Meldung über Juan Roig, den Präsidenten der Supermarktkette Mercadona. Angeblich wurde auf seinen Wagen geschossen, nachdem er über eine Geldanlage gesprochen habe, die die spanische Zentralbank verbieten wolle. Für beides fanden die Faktenchecker keine Belege. Der scheinbare Artikel von El Mundo ist eine Fälschung.
Am 9. Oktober dokumentiert Maldita.es zwei weitere Fälle. Diesmal sollen der Unternehmer José Elías und der Wirtschaftsexperte Gonzalo Bernardos auf einer Schnellstraße in Madrid beschossen worden sein. Die Beiträge werden als Anzeigen auf X verbreitet und leiten auf vermeintliche Nachrichtenseiten weiter. In der Geschichte über Elías wird sogar behauptet, der Angriff sei erfolgt, weil er die Plattform „Norden Core“ beworben habe. Laut Maldita.es besitzt diese keine Genehmigung der spanischen Finanzaufsicht CNMV.
Vergleicht man die von Maldita.es dokumentierten Texte über Elías und Bernardos, fällt auf, wie austauschbar die Geschichten sind. In beiden Versionen ist von einem beschossenen Range Rover, einem schwer verletzten Begleiter sowie Kopf- und Armverletzungen der prominenten Hauptperson die Rede. Ganze Formulierungen stimmen überein. Die Faktenchecker berichten beim Elías-Fall zudem von einem angeblichen Interviewbild, das künstlich erzeugt oder bearbeitet wurde. Eine eigene forensische Prüfung der Bilddatei haben wir nicht vorgenommen.
Polen: Aus der Schießerei führt ein Link zur Geldanlage
Auch in Polen ist die Geschichte aufgetaucht, wenn auch in einer anderen Aufmachung. Auf Facebook wird über eine angebliche Schießerei in Warschau berichtet. Wer Näheres erfahren will, soll einen Link anklicken. Dahinter steht laut einem Faktencheck von Demagog vom 9. Oktober eine Seite, die sich als Nachrichtenportal Gazeta.pl ausgibt. Angeblich sei Rafał Brzoska, der Chef des Paketdienstes InPost, angeschossen worden.
Die angebliche Nachricht existiert beim echten Portal nicht. Wer dem weiteren Link folgt, landet laut Demagog bei einer Anleitung für eine Investmentplattform namens „Świtowin Zyskarnia“. Dort sollen persönliche Daten eingegeben und mindestens 1.000 polnische Złoty eingezahlt werden. Brzoska hatte bereits Ende September eine vergleichbare erfundene Anschlagsmeldung über sich öffentlich zurückgewiesen. Über seine Reaktion berichtete Nasza Polska am 2. Oktober.
Weshalb der erfundene Anschlag zur Geldanlage führen soll
Die Geschichten sind so gebaut, dass der Schock zunächst jede Frage nach Geld überdeckt. Eine bekannte Person wird vermeintlich angegriffen, eine nachgeahmte Nachrichtenseite liefert Details, und dann erscheint die angebliche Erklärung für die Gewalt: Jemand habe mit einer Investmentplattform ein mächtiges Geschäftsmodell bedroht. Gerade dieser letzte Teil soll einer unbekannten Geldanlage Bedeutung und Glaubwürdigkeit verleihen. Wenn sie angeblich so brisant ist, dass Gegner zu Waffen greifen, wirkt sie auf manche Menschen vielleicht wie ein Geheimtipp.
Diese Deutung ergibt sich aus dem Aufbau der untersuchten Anzeigen. Ob sie tatsächlich mehr Menschen zu einer Einzahlung bewegen als gewöhnliche Betrugswerbung, lässt sich aus den vorliegenden Faktenchecks nicht feststellen. Belegt ist hingegen der Weg von der erfundenen Nachricht zur Registrierung beziehungsweise zur angebotenen Geldanlage. Der vermeintlich investigative Artikel ist Teil der Werbung. Die bekannten Personen haben die beworbenen Angebote nicht empfohlen.
In Österreich ist die Schockwerbung seit Jahren bekannt
Der Einsatz dramatischer Falschmeldungen als Einstieg in Investmentbetrug ist hierzulande keineswegs neu. Bereits im Juni 2024 dokumentierte die österreichische Watchlist Internet betrügerische Anzeigen, in denen die ZIB-Moderatorin Nadja Bernhard verletzt dargestellt wurde oder vom angeblich tragischen Ende des Kabarettisten Christoph Grissemann die Rede war. Erst nach dem Klick zeigte sich, dass damit fragwürdige Geldanlagen beworben wurden.
Am 1. Oktober 2026 veröffentlichte auch Mimikama einen aktuellen Fall: Eine nachgeahmte Kronen Zeitung erfand einen heftigen Streit zwischen Christian Stocker und Beate Meinl-Reisinger in einer Fernsehsendung. Die Geschichte leitete zu einer Investment-Registrierung weiter. Über das Grundmuster gefälschter Nachrichten als Anlageköder berichten wir seit Längerem. Der in Deutschland dokumentierte Maschmeyer-Fall zeigt nun ausdrücklich, dass auch die spezielle Erzählung vom angeblichen Schussattentat den deutschsprachigen Raum erreicht hat.
Wiederverwendete Texte – die Hintermänner bleiben unbekannt
Bei den spanischen Beispielen sind fast gleiche Passagen zu sehen. Die dpa fand auch innerhalb der deutschen Maschmeyer-Fälschungen zwei weitgehend identische Versionen mit wechselndem Namen der Investmentplattform. Die Angriffe in Madrid und Berlin weisen zudem ähnliche Erzählelemente auf: ein beschossenes gepanzertes Fahrzeug, ein prominenter Insasse und die Erklärung, eine Geldanlage sei der Grund für die Attacke.
Das zeigt ein wiederverwendbares Betrugsmuster. Es belegt aber noch nicht, dass die Anzeigen in Polen, Spanien und Deutschland von denselben Personen stammen oder mit derselben technischen Vorlage hergestellt wurden. Dafür müsste man unter anderem die dahinterstehenden Werbekonten, Weiterleitungen, Webseiten-Dateien und technischen Kennungen systematisch vergleichen. Einen solchen länderübergreifenden Nachweis liefern die bislang veröffentlichten Recherchen nicht.
Was vor einer Einzahlung zu prüfen ist
Wer auf eine spektakuläre Meldung stößt, die plötzlich zu einer Investition auffordert, sollte die Nachricht über die echte Website des angeblichen Mediums suchen und die Internetadresse genau prüfen. Eine ähnlich aussehende Seite ist noch keine Nachrichtenseite. Besonders verdächtig wird es, wenn ein angebliches Attentat mit garantierten Gewinnen, einem Registrierungsformular oder einer raschen Überweisung verbunden wird.
Ob ein Anbieter überhaupt zur angebotenen Finanzdienstleistung berechtigt ist, lässt sich in Österreich über die Unternehmensdatenbank der Finanzmarktaufsicht überprüfen. Wer bereits Daten hinterlassen oder Geld überwiesen hat, sollte den Kontakt abbrechen und keine weiteren Zahlungen leisten. Die FMA empfiehlt, rasch die eigene Bank zu verständigen, Anzeige bei der Polizei zu erstatten und den verdächtigen Beitrag bei der Plattform zu melden. Screenshots und Zahlungsbelege können bei der Anzeige helfen.
Quellen
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