Krebs, Erdbeben, Todesmeldungen: Was in Facebook-Rezeptgruppen zwischen den Rezepten steht

In einer Gruppe mit fast 87.000 Mitgliedern posten Moderatoren Köder über Krebs, Erdbeben und Promis. Die Links führen auf dieselben Werbeseiten.

📖Wie entscheiden Algorithmen, welche Inhalte angezeigt werden? Antworten finden Sie im Leitfaden Plattform-Mechaniken verstehen.
Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Stand der Recherche: 27. September 2026

In der Facebook-Gruppe „Omas Beste Rezepte“ stehen zwischen Kuchen und Aufläufen Beiträge über Krebs, Erdbeben und angeblich tote Prominente. Gepostet werden sie auch von Moderatoren der Gruppe. Die Links führen auf Seiten voller Werbung, die auf möglichst viele Klicks gebaut sind. Dasselbe Muster fanden wir in weiteren Gruppen.

Kopfbereich der öffentlichen Facebook-Gruppe „Omas Beste Rezepte“ mit 86.956 Mitgliedern. Das Titelbild ist verpixelt.
Die Gruppe ist öffentlich. Das Titelbild haben wir verpixelt. Screenshot: Facebook

Wer postet so etwas in eine Rezeptgruppe?

Die Gruppe hatte bei unserer Recherche 86.956 Mitglieder. Verwaltet wird sie von Admins und Moderatoren. Das sind Mitglieder mit Sonderrechten, zum Beispiel dürfen sie Beiträge löschen. In dieser Gruppe sind es 528. Darunter sind auch zwei Facebook-Seiten zum Thema Kochen: „Familienrezepte für jeden Tag“ und „Kochkompendium“.

Liste der Admins und Moderatoren der Gruppe mit der Zahl 528. Namen und Profilbilder der Personen sind verpixelt, darunter die Seiten „Familienrezepte für jeden Tag“ und „Kochkompendium“ mit Admin-Abzeichen.
Ausschnitt aus der Verwalterliste. Privatpersonen haben wir unkenntlich gemacht. Screenshot: Facebook

Einer dieser Moderatoren postete innerhalb von zwei Stunden drei Beiträge. Kein einziger davon war ein Rezept. Insgesamt zeigte Facebook an einem einzigen Tag mehr als 1.500 neue Beiträge in der Gruppe an.

Drei Beiträge desselben Moderators in „Omas Beste Rezepte“: eine Nostradamus-Prophezeiung zu drei Ländern, zehn angebliche Warnzeichen vor einem Schlaganfall und die Überschrift „Zwei Lebensmittel verursachen Krebs“. Name und ein Gesicht sind verpixelt.
Nostradamus, Schlaganfall, Krebs: drei Beiträge desselben Moderators. Screenshot: Facebook

Wofür wurde die Gruppe gegründet?

Facebook zeigt bei jeder Gruppe, wie sie früher hieß. Diese hier startete am 10. November 2021 als „schnelle und einfache Rezepte“. Am 2. Februar 2022 hieß sie plötzlich „Haarschnitt“. Seit 3. September 2023 heißt sie „Omas Beste Rezepte“. Umbenennen ist erlaubt, und die Mitglieder bleiben dabei einfach in der Gruppe. Der Name verrät also wenig darüber, wofür eine Gruppe gerade benutzt wird.

Gruppenverlauf auf Facebook: erstellt am 10.11.2021 als „schnelle und einfache Rezepte“, am 02.02.2022 umbenannt in „Haarschnitt“, am 03.09.2023 in „Omas Beste Rezepte“.
Der Verlauf der Gruppe. Screenshot: Facebook

Wohin führen die Links?

Viele Beiträge führen auf zwei Internetadressen: omas-rezepte.techevs.com und kochrezepte.techevs.com. Beide gehören zur selben Hauptadresse, techevs.com. Dort liegen Artikel über ein angebliches „dreifaches Erdbeben“ in Italien, über „schreckliche Neuigkeiten“ zum Wetter und über „Zwei Lebensmittel verursachen Krebs (schockierend!)“. Dort liegt auch eine Geschichte über Steffi Graf, und zwar gleich auf beiden Adressen.

Diese Graf-Geschichte fanden wir unter anderem bei „Omas Beste Rezepte“, „alte Oma Rezepte“, „Familienrezepte für jeden Tag“ und „Einfache köstliche Rezepte“ – und sogar in einer Gruppe namens „Hundeerziehung“. Gepostet haben sie verschiedene Accounts, in „Omas Beste Rezepte“ ein Moderator. Verschiedene Leute schicken ihre Leser also auf dieselben Seiten.

Was passiert nach dem Klick?

Auf Facebook lief die Graf-Geschichte mit einem Trauerbild und „Ruhe in Frieden“. Die Überschrift lautet: „Vor 11 Minuten wurde Steffi Graf als… bestätigt.“ Was bestätigt wurde, steht nicht da. Die Lücke soll neugierig machen. Und die „11 Minuten“ sind erfunden: Laut der Seite selbst erschien der Artikel schon am 3. September 2026. Die Zeitangabe steht fest in der Überschrift und ändert sich nie.

Auf der Seite steht dann gar keine Todesmeldung, sondern ein allgemeiner Text über Grafs Karriere. Die Trauer gibt es nur auf Facebook. Dass Steffi Graf lebt, haben wir in einem eigenen Faktencheck gezeigt.

Ein Klick, viele Seiten
So ist der Graf-Artikel auf techevs.com aufgebaut.
1
Der Beitrag
Dramatisches Bild, halber Satz, „Mehr anzeigen“.
2
Die Seite
Werbung von Google vor und nach der Überschrift und nach dem Bild.
3
Der Abbruch
Nach ein paar Absätzen hört der Text auf. Es kommt der Knopf „Nächste →“.
4
Die nächste Seite
Derselbe Artikel geht weiter, und wieder kann Werbung kommen.
Aus einem Klick auf Facebook werden mehrere Seitenaufrufe. Jeder Aufruf wird außerdem von einem Zähldienst namens Histats gezählt.
Quelle: Mimikama-Auswertung der Seite kochrezepte.techevs.com. Wie viel Geld damit verdient wird und wer es bekommt, lässt sich daraus nicht ablesen. Stand: 27. September 2026.

Wer steckt dahinter?

Was wir zeigen können – und was nicht
Belegt
Dieselben Links tauchen in mehreren Facebook-Gruppen auf.
Manche der Accounts, die sie posten, sind Moderatoren dieser Gruppen.
Die Artikel liegen auf mehreren Adressen, die alle zu techevs.com gehören.
Nicht belegt
Dass alle Accounts von derselben Person oder Firma gesteuert werden.
Dass jemand alle Gruppen gemeinsam lenkt.
Dass ähnlich gebaute Seiten wie foodmeld.com oder recipesrice.com zu denselben Betreibern gehören.
Wie die Beiträge verteilt werden, ist klar zu sehen. Wer das steuert, ist offen.
Quelle: Mimikama-Recherche in Facebook-Gruppen und auf techevs.com. Stand: 27. September 2026.

Warum ausgerechnet Rezeptgruppen?

Rezeptgruppen sind groß und wirken harmlos. Man tritt bei, weil man ein Kuchenrezept sucht, und bleibt dann oft jahrelang Mitglied. Wer dort postet, hat sofort Zehntausende Leser. Und Angst oder Trauer wirken bei allen, egal ob jemand wegen Apfelkuchen oder Gulasch beigetreten ist.

Bei Steffi Graf ist die Sache schnell geklärt. Bei Gesundheit ist es schwieriger. Ein Satz wie „Zwei Lebensmittel verursachen Krebs“ klingt nach Warnung, nennt aber keine Quelle. Solche Beiträge können Menschen unnötig Angst machen.

Zwei Facebook-Beiträge: „Ärzte warnen: Tägliches Gehen kann zu … führen. Mehr dazu“ mit einem spazierenden Paar, daneben eine Familiengeschichte über eine Schwiegermutter, die mit „Mehr anzeigen“ endet. Namen und Gesichter sind verpixelt.
Zwei weitere Beispiele aus der Recherche. Screenshot: Facebook
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor man in einer Gruppe klickt
Passt der Beitrag zur Gruppe?
Eine Todesmeldung in einer Rezeptgruppe ist ein Warnsignal.
Ist der Satz vollständig?
„Wurde als … bestätigt“ oder „kann zu … führen“: Wer etwas Wichtiges weiß, schreibt es aus.
Was heißt „Moderator“?
Nur, dass jemand die Gruppe mitverwaltet. Ob ein Beitrag stimmt, sagt das nicht.
Mimikama-Recherche zu Facebook-Rezeptgruppen. Stand: 27. September 2026.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)