Zurzeit wird ein Sharepic auf WhatsApp geteilt, das folgenden Auszug aus einem Artikel des Ärzteblatts von 2002 zeigt: „Das Ziel muss die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für von Experten therapeutisch, rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um „gesund leben“ zu können.“ Dargestellt wird der Ausschnitt als Beleg für eine Verschwörung, die Menschen absichtlich zu Kranken machen will.
Doch der Auszug ist völlig aus dem Kontext gerissen
In dem Artikel mit dem Titel „Gesundheitssystem: In der Fortschrittsfalle“ geht es nämlich nicht um die Aufdeckung einer großangelegten Verschwörung, bei der Menschen vorsätzlich zu Kranken gemacht werden, sondern um eine philosophische Kritik am damaligen Gesundheitssystem.
Keine Verschwörung, sondern der Fortschritt macht immer mehr Menschen zu Kranken
Das Argument des Artikels ist nicht, dass wir alle Opfer einer großen Krankmach-Kampagne sind, bei der wir auch tatsächlich krank werden, sondern es geht vielmehr darum, dass wir uns als Kranke fühlen, weil Gesundheit ein großes umworbenes Thema ist und wie der Autor beschreibt zu einem Lebenszweck gemacht wird, anstatt einfach nur zum Leben dazuzugehören.
Das Argument, dass Menschen zu Kranken gemacht werden, funktioniert somit nicht darüber, dass es eine Verschwörung, die auf eine Gruppe zurückgeht, gibt. Nein, es geht dem Autor viel mehr darum, dass mit dem herrschenden Fortschrittsgeist, der im Gesundheitssystem besteht, es auch immer mehr Möglichkeiten gibt, nicht nur gesund, sondern auch krank zu sein.
Wenn eine Gesellschaft in Konkurrenz zu anderen Gesellschaften Gesundheit zu einer Leistung macht, passiert laut dem Autor Folgendes: „Die Gesundheitsgesellschaft treibt der Gesellschaft mit der Gesundheit die Vitalität aus.“ Das heißt, eine Gesellschaft definiert sich darüber, wie „gesund“ sie ist, wobei, was wirklich gesund oder krank ist, eigentlich zu diskutieren wäre.
Laut dem Autor passiert dabei auch, dass eine Gesellschaft auf diese Weise schneller gesundheitliche Mängel bei sich entdeckt: „Der Bereich des Krankhaften wird immer weiter aufgebläht. Dafür nur wenige Beispiele: Umgang mit Schlafstörungen, Essstörungen, Angst, Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern, aber auch unerwünschte Kinderlosigkeit oder Schönheitsmängel.“
Wenn man sich ansieht, von wem der Artikel stammt, wird ebenfalls schnell ersichtlich, dass es sich nicht um eine Verschwörungstheorie handelt. Der Autor Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner ist nicht nur Psychiater, sondern auch Psychiatriehistoriker und war Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft.
Es lohnt sich somit auch hier, den Artikel vollständig zu lesen, anstatt zusammenhanglos Teile davon herauszureißen.
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