Nein, südkoreanische Studie beweist nicht, dass Corona-Impfstoffe Krebs verursachen

AfD verzerrt südkoreanische Studie: Die Autoren warnen selbst vor dieser Interpretation.

Die Behauptung

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Kay-Uwe Ziegler behauptet in einem Social-Media-Beitrag: „IMPFSTOFFSTUDIE MIT 8,1 MILLIONEN TEILNEHMERN ZEIGT: +69% PROSTATAKREBS, +53% LUNGENKREBS, +35% SCHILDDRÜSENKREBS – SO GEFÄHRLICH IST DER COVID-IMPFSTOFF WIRKLICH!“

Der Beitrag präsentiert eine südkoreanische Forschungsarbeit als wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Corona-Impfstoffe zu erheblich erhöhten Krebsrisiken führen.

Aufgestellt von: Social Media

Falsch

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für die Behauptung, dass Corona-Impfstoffe Krebs verursachen. Die Studie selbst betont ausdrücklich, dass sie nur statistische Assoziationen gefunden hat – keine Ursachen. Die Autoren schreiben:

„However, further studies are warranted to elucidate potential causal relationships.“ (Weitere Studien sind erforderlich, um mögliche Kausalzusammenhänge aufzuklären.)

Wenn weitere Studien erforderlich sind, dann ist Kausalität NICHT bewiesen. Der Beitrag von Ziegler verzerrt die wissenschaftlichen Erkenntnisse massiv.

→Welche Mythen kursieren rund um Gesundheitsthemen? Antworten finden Sie im Leitfaden Gesundheits-Desinformation.

Screenshot des Original-Beitrags von Kay-Uwe Ziegler (05. November 2025):

Screenshot des Posts auf Social Media; Nein, südkoreanische Studie beweist nicht, dass Corona-Impfstoffe Krebs verursachen
Screenshot des Posts auf Social Media

Detaillierte Analyse

Was die Studie wirklich sagt

Die südkoreanische Studie wurde am 26. September 2025 in der Fachzeitschrift „Biomarker Research“ veröffentlicht. Sie analysierte Daten von 8.407.849 südkoreanischen Versicherten zwischen 2021 und 2023.

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Die Forscher untersuchten, ob es statistische Zusammenhänge (Assoziationen) zwischen COVID-19-Impfungen und Krebsdiagnosen gibt. Ja, sie fanden statistische Muster.

Aber: Statistisches Muster ≠ Kausalität (Ursache-Wirkung-Beziehung)

Die Autoren selbst schreiben in ihrer Schlussfolgerung (Conclusion):

„Given the limited availability of real-world data, our population-based cohort study in Seoul, South Korea suggested epidemiological associations between the cumulative incidence of cancers and COVID-19 vaccination, which varied by sex, age, and vaccine type. However, further studies are warranted to elucidate potential causal relationships, including the underlying molecular mechanisms related to COVID-19 vaccine–induced hyperinflammation.“

Deutsch: „Angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von Daten aus der Praxis deutete unsere bevölkerungsbasierte Kohortenstudie in Seoul, Südkorea, auf epidemiologische Zusammenhänge zwischen der kumulativen Inzidenz von Krebserkrankungen und COVID-19-Impfungen hin, die je nach Geschlecht, Alter und Impfstofftyp variierten. Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um mögliche kausale Zusammenhänge aufzuklären, einschließlich der zugrunde liegenden molekularen Mechanismen im Zusammenhang mit einer durch COVID-19-Impfstoffe ausgelösten Hyperinflammation.„

Besorgnis: Herausgeber warnen vor der Studie

Am 22. Oktober 2025 wurde die Studie mit einer „Change History“ Warnung versehen:

„Readers are alerted that concerns with this article have been raised with the Editors. Editorial action will be taken as appropriate once the concerns have been fully investigated.“

Das bedeutet: Die Herausgeber von Biomarker Research selbst untersuchen die Studie auf methodische Mängel. Eine mögliche Retraction (Zurückzug) oder ein „Expression of Concern“ sind realistisch.

Die AfD-Behauptungen basieren also auf einer Studie, deren wissenschaftliche Integrität bereits angezweifelt wird.

Methodische Probleme der Studie

Durch das Propensity Score Matching – ein übliches Verfahren zur Angleichung der Gruppen – wurde die Ausgangsstichprobe von über 8,4 Millionen auf knapp 3 Millionen Personen reduziert (etwa 595.000 Geimpfte, 2,38 Mio. Ungeimpfte). Zwar verbessert das Matching die Vergleichbarkeit, doch bei einer Reduktion dieser Größenordnung ist unklar, wie viele relevante Merkmale durch die Selektion verzerrt wurden. Die Autoren räumen selbst ein, dass „Residual Confounding“ (nicht kontrollierte Einflussfaktoren) nicht ausgeschlossen werden kann.

Surveillance Bias (Überwachungsverzerrung): Menschen, die sich impfen lassen, gehen tendenziell häufiger zum Arzt und machen mehr Vorsorgeuntersuchungen. Das bedeutet: Krebserkrankungen werden bei ihnen früher diagnostiziert – aber nicht verursacht durch die Impfung, sondern nur früher entdeckt.

Der sogenannte Surveillance Bias – also die verzerrte Häufung von Diagnosen durch häufigere medizinische Untersuchungen – betrifft besonders Krebsarten, für die Vorsorgeprogramme existieren (z. B. Brust-, Schilddrüsen-, Darmkrebs). Bei Magen- und Prostatakrebs kann ein solcher Bias ebenfalls entstehen, etwa durch PSA-Tests oder Gastroskopien. Da geimpfte Personen nachweislich häufiger im medizinischen System erscheinen (z. B. durch Impfberatung oder Nachsorge), kann dies zu einer erhöhten Entdeckungsrate führen – ohne dass die Impfung selbst die Ursache ist. Die Autoren erwähnen diese Möglichkeit explizit in ihrer Supplement-Analyse.

Effekte nach Booster-Dosen: differenziertes Bild
In einer gesonderten Analyse untersuchte die Studie, ob sich Krebsrisiken auch nach Verabreichung von Booster-Dosen zeigen. Bei häufig diskutierten Krebsarten wie Brust-, Lungen-, Schilddrüsen- und Prostatakrebs lagen die Hazard Ratios bei etwa 0,91 bis 1,26 – nicht signifikant. Für Magen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs blieben jedoch signifikante Assoziationen bestehen (HR 1,64 bzw. 1,71, p < 0,05). Die Studie liefert dazu keine biologisch plausible Erklärung, warum gerade diese Tumorarten betroffen sein sollten. Ob es sich um zufällige Befunde, Verzerrungen oder reale Effekte handelt, bleibt offen.

Keine Bestätigung in der Realität

Die wichtigste Frage: Sehen wir diesen massiven Krebsanstieg in Südkorea tatsächlich?

Die Antwort: NEIN.

Bisherige Registerdaten (z. B. Korean Cancer Registry bis 2022) zeigen keine auffällige Zunahme der betroffenen Krebsarten im Anschluss an die Impfkampagnen. Auch aus Fachgesellschaften, Klinikverbünden oder Frühwarnsystemen sind keine Hinweise auf sprunghafte Veränderungen bekannt. Vollständige, landesweite Inzidenzanalysen mit Daten ab 2023 stehen jedoch noch aus – hier ist in der Bewertung Zurückhaltung geboten, bis neue Auswertungen vorliegen.

Politische Instrumentalisierung durch die AfD

Propaganda mit Pseudo-Studien

Die AfD nutzt solche Publikationen, um:

  • Misstrauen in staatliche Institutionen zu schüren,
  • die öffentliche Impfkampagne zu diskreditieren,
  • und politische Gegner als „Lügner“ darzustellen.

Dabei verschweigt Ziegler:

  • die Warnungen der Autoren,
  • die Überprüfung durch die Herausgeber,
  • und die fehlende Evidenz in realen Daten.

Desinformationstaktiken erkannt

Der Beitrag von Ziegler nutzt mehrere klassische Desinformationsstrategien:

1. Kausalität aus Korrelation

  • Findet statistische Muster
  • Präsentiert sie als Beweis für Verursachung
  • Ignoriert die explizite Warnung der Autoren:

„However, further studies are warranted to elucidate potential causal relationships.“

2. Große Zahlen ohne Kontext

  • „+69% Prostatakrebsrisiko“ klingt dramatisch
  • In der Realität: KEIN Anstieg dieser Krebsarten sichtbar

3. Selektive Berichterstattung

  • Erwähnt nur positive Assoziationen
  • Verschweigt: Bei Booster-Dosen verschwinden die Effekte
  • Verschweigt: Die Autoren warnen vor dieser Interpretation
  • Verschweigt: Herausgeber haben Bedenken gegen die Studie

4. Politische Instrumentalisierung

  • Die AfD nutzt die Studie systematisch für ihre Propaganda
  • Mehrere Kleine Anfragen und Anträge folgen ähnlichen Mustern
  • Ziel: Verunsicherung der Bevölkerung und Regierungskritik

Was sagen Experten?

World Health Organization (WHO): „Beobachtungsstudien können nützlich sein, um Hypothesen zu bilden, aber sie beweisen nicht Kausalität. Eine einzelne Studie sollte nie isoliert betrachtet werden.“

Al Jazeera Faktencheckartikel: „Die Behauptungen, dass die Studie ‚beweist‘, dass Impfstoffe Krebs verursachen, sind eine direkte Verzerrung der Fakten.“

Full Fact (britisches Faktenchecking-Portal): „Es gibt keine guten Belege für einen Zusammenhang zwischen COVID-19-Impfstoff und Krebsrisiko.“

Cancer Research UK: „Der Impfstoff ist eine sichere und wirksame Möglichkeit, sich vor der Infektion zu schützen.“

Die zentrale Erkenntnis

Die südkoreanische Studie mit ihrem Fazit:

„However, further studies are warranted to elucidate potential causal relationships.“

sagt deutlich: Wir wissen es nicht. Mehr Forschung nötig.

Kay-Uwe Ziegler macht daraus: Es ist bewiesen!

Das ist nicht Wissenschaftskommunikation. Das ist Propaganda.

Warum das gefährlich ist

  • Menschen könnten sich nicht impfen lassen und infizieren sich stattdessen mit COVID-19
  • Vertrauen in öffentliche Gesundheit wird ohne Grund untergraben
  • Wissenschaft wird politisiert
  • Desinformation wird in Echtzeit verbreitet

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Anmerkung der Redaktion (Update vom 10.11.2025): Nach Hinweisen eines Lesers und erneuter Prüfung haben wir einzelne Formulierungen in diesem Faktencheck präzisiert. Insbesondere die Aussagen zu den Booster-Daten der südkoreanischen Studie sowie zur Datenreduktion im Rahmen des statistischen Matchings wurden überarbeitet. Auch der Hinweis auf mögliche Verzerrungen durch Überwachungseffekte (Surveillance Bias) wurde differenzierter erläutert. Die Kernaussage des Faktenchecks bleibt unverändert:
Die Studie zeigt keine kausale Verbindung zwischen COVID-19-Impfung und Krebserkrankungen.
Sie belegt lediglich statistische Assoziationen, die laut den Autoren selbst weiterer Forschung bedürfen.

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