Während des Live-Streams einer britischen Journalistin, die über deutsche Weihnachtsbräuche erzählte, fiel auch die Behauptung, man hänge in Deutschland eine Gurke in den Weihnachtsbaum – die sogenannte Weihnachtsgurke. Und tatsächlich scheint auch in den USA bekannt zu sein, dass Deutsche dies tun. Doch warum hörten wir noch nie etwas davon?

In Onlineshops finden sich diverse Produkte rund um die deutsche Weihnachtsgurke, die hierzulande anscheinend kaum jemand kennt:

Eine deutsche Tradition
Eine deutsche Tradition? Quellen: homeloft, TeeShirt

Was hat es mit der Gurke auf sich und warum wird behauptet, die Tradition stamme aus Deutschland?

Die angebliche Tradition

Wir fragten einige Amerikaner, die diese Tradition kennen und uns erzählten, worum es dabei geht: Demnach wird am Abend vor Weihnachten eine Gurke im Weihnachtsbaum versteckt, die durch das Grün natürlich nicht wirklich auffällt. Das Kind, welches am Weihnachtsmorgen die Gurke als Erstes findet, bekommt ein besonderes Geschenk vom Nikolaus.

In anderen Varianten bekommt man ein wenig Geld, oder das Finden der Weihnachtsgurke bedeutet besonderes Glück für das kommende Jahr.

Neben nach Gurken aussehenden Ornamenten und Glasgurken kann man sich auch einen „Pickle Rick“ in den Baum hängen, basierend auf einer bekannten Episode der Serie „Rick and Morty“, in der sich der durchgeknallte Wissenschaftler in eine Gurke verwandelte.

Pickle Rick im Weihnachtsbaum
Pickle Rick im Weihnachtsbaum, Quelle: fun.com
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Was an der „deutschen“ Tradition nicht so ganz stimmt

Da wäre als Erstes, dass hierzulande nicht der Nikolaus an Weihnachten die Geschenke bringt, so wie in Amerika, sondern das Christkind – der Heilige St. Nikolaus hat zumindest in Deutschland „seinen“ Auftritt bereits am 6. Dezember. Zudem werden hierzulande im Allgemeinen die Geschenke bereits an Heiligabend ausgepackt, nicht erst am Weihnachtsmorgen.

Lesen Sie auch >   Stromversorgung in Deutschland: Ohne französische Importe kein Problem

Das größte Problem ist aber: Niemand scheint je von dieser Tradition gehört zu haben. Bei einer Umfrage von YouGov von 2016 (siehe HIER) gaben nur 8 Prozent an, davon gehört zu haben, nur 2 Prozent praktizieren den Brauch auch.

Auf Twitter startete der Autor des Artikels auch dazu mal eine Umfrage, wir sind gespannt auf das Ergebnis!

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Auf der Suche nach dem Ursprung

Wie The German Way (siehe HIER) berichtet, dass die Journalistin Rita Mace Walston sich vor einigen Jahren auf die Suche nach dem Ursprung der angeblich deutschen Tradition machte.

Zwar kannte keiner ihrer deutschen Bekannten und Freunde die Tradition, jedoch erfuhr sie schließlich eine Geschichte, die den Ursprung klären könnte:

Ein gewisser John Lower (vielleicht Hans Lauer?), geboren 1842 in Bayern, soll im amerikanischen Bürgerkrieg gefangen genommen worden sein und bat im Gefängnis in Andersonville, Georgia um eine letzte Mahlzeit, da er am Verhungern war: Um eine Essiggurke.

Durch die Gnade Gottes (und die Gurke) erlangte Lower die geistige und körperliche Kraft, zu überleben. Nachdem er wieder mit seiner Familie vereint war, soll er die Tradition begonnen haben, eine Gurke im Weihnachtsbaum zu verstecken – der Finder werde mit einem Jahr Glück gesegnet.

Das klingt zwar recht hübsch, aber immer noch nicht sehr Deutsch – außer dass der Soldat vielleicht ein deutscher Einwanderer war oder deutsche Vorfahren hatte, aber auch das ist nur eine vage Vermutung.

Eine Spur führt nach Thüringen

Insbesondere Gurken aus Glas scheinen in den USA beliebt zu sein, und da findet sich eine (wenn auch ein wenig dünne) Spur nach Deutschland, genau genommen nach Thüringen.

Lesen Sie auch >   Schockanrufe erkennen und richtig reagieren: Schutz vor falschen Polizeianrufen

Die thüringsche Stadt Lauscha ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt für ihre Glasbläserei. Im Jahre 1847 begannen Handwerker in Lauscha mit der Herstellung von Glasschmuck in Form von Früchten und Nüssen. Diese Glaskugeln wurden in einem einzigartigen mundgeblasenen Verfahren in Verbindung mit Formen (formgeblasener Christbaumschmuck) hergestellt. Schon bald wurde dieser einzigartige Weihnachtsschmuck auch in andere Teile Europas sowie nach England und in die USA exportiert.

Auch heute noch sind Glasornamente aus Lauscha bekannt und beliebt (siehe z.B. HIER und HIER), und einige Hersteller importieren diese Christbaum-Anhänger in Gurkenform auch in die USA, wo sie zusammen mit der Geschichte jener Tradition verkauft werden – und zwar von Woolworth, dessen Gründer Frank Winfield Woolworth sich diese Geschichte ausgedacht haben soll, um 1880 den Schmuck besser verkaufen zu können.

Doch auch in manchen Städten Deutschlands finden sich in den Märkten mittlerweile diese Weihnachtsgurken – und werden augenscheinlich vielleicht zu einer Tradition, die es vorher gar nicht gab.

Fazit

Wirklich klar, woher nun die angeblich deutsche Tradition der Weihnachtsgurke kommt, ist es also nicht. Am wahrscheinlichsten ist der Ursprung des Marketing-Tricks von Woolworth, der so viele Amerikaner glauben lässt, die Weihnachtsgurke sei in Deutschland eine Tradition.

Es gibt noch einige andere Legenden, die als Ursprung gelten können (siehe HIER und HIER und HIER und HIER), und vielleicht kehrt jene Tradition, die nie Deutsch war, wieder nach Deutschland zurück.

Eine hübsche Idee ist es allemal.

Weitere Quellen: Digital Journal, Welt

Lesen Sie auch: Kein Fake: Schokoladenvergiftung bei Hund und Katze!

Hinweise: 1) Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.
2) Einzelne Beiträge entstanden durch den Einsatz von maschineller Hilfe und wurde vor der Publikation gewissenhaft von der Mimikama-Redaktion kontrolliert. (Begründung)