Die Behauptung
Windkraftgegner behaupten, dass Rotorblätter von Windrädern durch Erosion große Mengen giftiger Mikropartikel freisetzen, die für Mensch und Tier eine Gefahr darstellen. Eine Studie soll zeigen, dass bis zu 62,5 Kilogramm Epoxid-Mikropartikel pro Jahr und Windrad in die Umwelt gelangen.
Aufgestellt von: Unbekannt
Falsch
Die Behauptung stützt sich auf eine nicht unabhängig begutachtete Studie. Experten kritisieren erhebliche methodische Schwächen und eine unzulässige Hochrechnung. Zudem ist die Giftigkeit der freigesetzten Partikel nicht eindeutig nachgewiesen.
Kurze Faktenübersicht:
Erosion an Rotorblättern: Abrieb durch Wind und Wetter ist ein bekanntes Phänomen, aber die freigesetzten Mengen sind weit geringer als behauptet.
Fehlerhafte Studie: Die Berechnungen basieren auf unrealistischen Annahmen und wurden von Wissenschaftlern aus Dänemark und den Niederlanden stark kritisiert.
Bisphenol A: Die Giftigkeit der im Abrieb enthaltenen Stoffe wird wissenschaftlich diskutiert, aber es gibt keine eindeutigen Beweise für eine Gesundheitsgefahr.
Die umstrittene Studie: Eine fragwürdige Grundlage
In sozialen Medien kursiert die Behauptung, dass Windkraftanlagen immense Mengen an giftigen Mikropartikeln freisetzen. Ein Beitrag der österreichischen Webseite „tkp“ stützt sich dabei auf eine Studie des norwegischen Wissenschaftlers Asbjørn Solberg aus dem Jahr 2021. Laut dieser könnten bis zu 62,5 Kilogramm Epoxid-Mikropartikel jährlich von einer einzigen Windkraftanlage abgelöst werden.
Die Studie wurde jedoch nicht unabhängig begutachtet. Solbergs Berechnungen beruhen auf einer Untersuchung der Universität Strathclyde, in der kleine Proben aus einem bestimmten Epoxid-Glas-Material im Labor auf Abrieb getestet wurden. Aus diesen Ergebnissen wurden Hochrechnungen auf große Rotorblätter vorgenommen.
Wissenschaftler widersprechen: Hochrechnung ist „einfach falsch“
Forscher der Technischen Universität Roskilde (Dänemark) kritisieren die Hochrechnung massiv. Sie argumentieren, dass das verwendete Glasmaterial G10 nicht mit den tatsächlichen Rotorblattmaterialien vergleichbar sei. Zudem seien die Ergebnisse von Millimeter-Proben nicht auf riesige Rotorflächen übertragbar.
Die dänischen Forscher berechneten eine reale Abriebmenge von 30 bis maximal 540 Gramm pro Jahr und Rotorblatt. Eine niederländische Forschungsgruppe der TNO kommt auf lediglich 240 Gramm pro Windkraftanlage und beschreibt Solbergs Annahmen als „unverhältnismäßige Überschätzung“.
Ist der Abrieb wirklich giftig? Uneinigkeit über Bisphenol A
Ein weiterer zentraler Punkt ist die vermeintliche Giftigkeit der freigesetzten Partikel. Epoxidharze, die zur Herstellung von Rotorblättern genutzt werden, enthalten Bisphenol A (BPA). Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist BPA potenziell gesundheitsschädlich und wurde 2024 in Lebensmittelkontaktmaterialien verboten.
Allerdings teilen nicht alle wissenschaftlichen Institutionen diese Einschätzung. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) halten die EFSA-Bewertung für überzogen. Sie argumentieren, dass Ergebnisse aus Tierversuchen nicht direkt auf den Menschen übertragbar seien. Zudem sei ausgehärtetes Epoxidharz im Gegensatz zur flüssigen Form nicht mehr gefährlich.
Unabhängig von der Debatte um Windräder gilt: Bisphenol A ist ein seit Jahrzehnten toxikologisch untersuchter Stoff, der nachweislich hormonähnliche Wirkungen haben kann. Deshalb ist er in vielen Anwendungen streng reguliert und seit 2024 in Lebensmittelkontaktmaterialien in der EU verboten. Das bedeutet jedoch nicht, dass Windkraftanlagen in relevanten Mengen BPA freisetzen – für diese Behauptung fehlen bislang wissenschaftliche Belege.
Für die Regulierung und Giftigkeit:
– EFSA: https://www.efsa.europa.eu/en/news/bisphenol-food-safety-eu-toughens-rules
– BfR-FAQ: https://www.bfr.bund.de/cm/343/bisphenol-a-in-alltagsprodukten.pdf
Für die konkrete rechtliche Änderung 2024 (Verbot in Lebensmittelkontakt):
– EU-Verordnung 2023/1442: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32023R1442
Fazit: Keine Beweise für massive Umweltverschmutzung
Die Behauptung, Windräder würden tonnenweise giftige Mikropartikel verbreiten, basiert auf einer wissenschaftlich fragwürdigen Studie. Experten widersprechen den übertriebenen Hochrechnungen und sehen keinen Beweis für eine Umweltgefährdung durch Windkraftanlagen. Bisphenol A bleibt ein umstrittenes Thema, aber die pauschale Behauptung einer massiven Gesundheitsgefahr durch Windkraftanlagen lässt sich nicht belegen.
Quelle: dpa
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Dieser Artikel wurde am 02.09.2025 ergänzt, um die wissenschaftliche Einordnung von Bisphenol A (BPA) zu präzisieren. BPA ist ein streng regulierter Stoff mit nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken. Für eine Gefährdung durch Abrieb von Windkraftanlagen gibt es jedoch weiterhin keine belastbaren Belege.
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