Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Fünf Kapitel über eine Schattenindustrie, die Meinung steuert, Märkte täuscht und Wahlen beeinflusst – ohne dass wir es merken.

→Woran erkennt man betrügerische Investment-Angebote? Antworten finden Sie im Leitfaden Investmentbetrug.

Der unsichtbare Markt – wie eine Schattenwirtschaft mit Identitäten handelt

Stell dir vor, du könntest mit ein paar Klicks Tausende von Konten auf Facebook, Telegram, TikTok oder WhatsApp erstellen – ganz ohne Ausweis, ohne Namen, ohne Gesicht. Das Einzige, was du brauchst, ist eine Telefonnummer. Aber nicht irgendeine, sondern eine gemietete Nummer. Für wenige Cent.

Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

Das ist keine Zukunftsvision, sondern ein real existierender Markt, der jeden Tag wächst. Plattformen wie sms-activate.org, 5sim.net oder smspva.com bieten genau das an: virtuelle Telefonnummern zur Massenregistrierung von Konten. Damit lassen sich Accounts auf über 500 Online-Diensten erstellen – von Google über Instagram bis hin zu Online-Banken und Krypto-Plattformen.

Diese Dienste bilden das Rückgrat einer globalen Manipulationsökonomie. Sie ermöglichen es Akteuren aus Politik, Wirtschaft oder Cyberkriminalität, schnell und in großem Stil Fake-Identitäten zu erzeugen. Und mit jeder erzeugten Identität wächst die Möglichkeit zur Täuschung, Beeinflussung und Desinformation.

Diese Accounts wirken täuschend echt. Viele nutzen gestohlene Profilbilder, KI-generierte Namen oder sogar automatisierte Posting-Muster. Sie sind kaum zu unterscheiden – weder für Menschen noch für Algorithmen. Der Schutzmechanismus der SMS-Verifizierung, einst als Sicherheitsmerkmal gedacht, wurde in sein Gegenteil verkehrt: Er wurde zur Eintrittskarte in ein System gezielter Manipulation.

Die Maschinerie hinter dem Fake – drei Schichten für gezielte Täuschung

Dieser Markt funktioniert nicht zufällig. Er ist systematisch aufgebaut, hochgradig arbeitsteilig und auf Effizienz getrimmt. Die Forscher:innen des Projekts identifizieren drei klare Ebenen:

1. Die Infrastruktur-Schicht:
Hier läuft die technische Basis. SIM-Karten werden massenhaft gekauft, in sogenannte „SIM-Farmen“ gesteckt und per Software gesteuert. Gleichzeitig sorgen Proxys dafür, dass IP-Adressen verschleiert werden. Captcha-Löser knacken Sicherheitsabfragen, E-Mail-Generatoren erzeugen tausende neue Adressen. Ziel: Plattformen sollen keine Anomalien bemerken. Alles läuft automatisiert.

2. Die Fake-Account-Schicht:
Diese Ebene produziert Identitäten am Fließband. Accounts werden für Facebook, Twitter/X, TikTok, Telegram oder YouTube erstellt – teilweise mehrere Tausend pro Tag. Ob für politische Kampagnen, gefälschte Produktbewertungen oder Krypto-Scams: Hier entstehen die digitalen Werkzeuge für gezielte Einflussnahme.

3. Die Ausführungs-Schicht:
Am Ende stehen Anbieter, die diese Fake-Accounts für alles Mögliche nutzen: Likes, Kommentare, Retweets, Bewertungen, Reviews oder Follower. Je nach Zielgruppe wird das Verhalten der Accounts angepasst: Sie agieren wie echte Menschen, reagieren auf Themen, teilen Inhalte. In dieser Schicht arbeiten auch Akteure mit politischen Zielen: Sie mieten Infrastruktur oder kaufen fertige Netzwerke, um gezielt Meinung zu machen.

Das Ergebnis: Ein vollständig funktionierendes Manipulationssystem, in dem jeder Schritt automatisiert, skaliert und vermarktbar ist. Wer zahlt, bekommt Macht – auf Bestellung.

Wer hinter dieser Infrastruktur steckt, ist längst kein Geheimnis mehr. Die Forscher:innen haben über Monate hinweg den Traffic und die Struktur der größten Anbieter weltweit analysiert. Herausgekommen ist ein klares Bild: Einige wenige Plattformen dominieren den Markt, darunter SMS-Activate, 5sim und SMSPVA.

Die folgende Tabelle zeigt, welche Anbieter den meisten Webverkehr aufweisen, aus welchen Ländern der Großteil der Nutzer:innen kommt – und wie diese Anbieter von den Forschenden im Hinblick auf Zuverlässigkeit und Transparenz bewertet wurden:

Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Auffällig ist: Anbieter mit besonders hohem Traffic wie sms-activate.org sind gut strukturiert, liefern öffentlich Preise und Lagerbestände – und sind deshalb im COTSI-Index enthalten. Andere wiederum, etwa aus Russland, sperren Informationen hinter Logins oder verkaufen nur an Reseller – sie werden aus der Analyse ausgeschlossen oder nur als Reserve geführt.

Auch hier zeigt sich: Nicht alle Anbieter arbeiten offen, aber alle bedienen den Markt. Viele agieren grenzübergreifend und bieten eine Infrastruktur, mit der sich jederzeit zigtausende Fake-Accounts automatisiert erstellen lassen.

Diese Infrastruktur ist kein Gerücht, sondern ein konkret messbarer Markt. Die folgende Tabelle zeigt, welche Anbieter weltweit die meisten Zugriffe generieren – und wie sie in das Manipulationssystem eingebunden sind:

Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Deutlich wird: Anbieter wie SMS-Activate (über 16 Millionen Besuche in nur drei Monaten!) oder 5Sim bedienen vor allem China, Russland und Nigeria. Nur vier Anbieter wurden in den offiziellen COTSI-Index aufgenommen – der Rest bleibt in der Grauzone oder wird als „Reserve“ betrachtet. Doch auch diese „Reservisten“ betreiben millionenfache Verifizierungen und ermöglichen eine riesige Zahl gefälschter Accounts. Es ist ein offener Markt mit globaler Reichweite, kaum Regulierung und hoher Schlagkraft.

Telegram & Wahlen – Wenn der Preis plötzlich steigt

Einer der spannendsten Befunde der Studie: Vor nationalen Wahlen steigen die Preise für bestimmte Fake-Verifizierungen deutlich an. Besonders betroffen: Telegram und WhatsApp. Warum das? Die Erklärung liegt in der Funktionsweise dieser Plattformen.

Um die statistischen Aussagen zu untermauern, haben die Forscher:innen auch Konfidenzintervalle und Durchschnittswerte berechnet, die zeigen, wie stark Preise und Bestände tatsächlich schwanken – und ob die Schwankungen über reinen Zufall hinausgehen.

Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Zwei Plattformen stechen dabei klar heraus:
Bei Telegram zeigt sich eine statistisch signifikante Preisveränderung vor Wahlen (p < 0,05). Auch bei WhatsApp ist dieser Effekt messbar – und sogar besonders ausgeprägt beim Durchschnittswert (+14,3 Cent).

Andere Plattformen wie Facebook, TikTok oder LinkedIn zeigen keine eindeutigen Ausschläge – was nicht heißt, dass dort keine Manipulation stattfindet, sondern dass sie nicht in Preis- und Verfügbarkeitsdaten nachweisbar ist.

Interessant: Die Konfidenzintervalle bei Telegram sind relativ eng (0,00054 bis 0,223), was auf eine stabile Preisanpassung hinweist – also eine wiederholbare Marktreaktion. Der Effekt ist subtil, aber systematisch.

Telegram zeigt die Landeskennung jeder Telefonnummer. Wer also vor einer Wahl eine gezielte Kampagne in Frankreich starten will, braucht französische Nummern. Und die sind teurer – besonders, wenn viele gleichzeitig danach fragen.

Die Studie hat 61 nationale Wahlen zwischen Juli 2024 und Juni 2025 analysiert. In diesem Zeitraum stiegen die Preise für Telegram-Accounts signifikant im Zeitraum von 30 Tagen vor der Wahl. Bei WhatsApp war die Tendenz ähnlich, aber nicht ganz so statistisch eindeutig.

Bei anderen Plattformen wie TikTok, Facebook oder X (Twitter) war kein Preisanstieg messbar – aus einem einfachen Grund: Dort ist die Telefonnummer oft nicht sichtbar. Fake-Accounts mit vietnamesischer Nummer posten dann einfach auf Englisch oder Spanisch – niemand merkt es. Bei Telegram funktioniert das nicht. Nutzer:innen sehen, woher ein Account kommt. Deshalb ist der Druck auf die Anbieter größer, „lokale“ Nummern bereitzustellen – was die Preise steigen lässt.

Diese Preisbewegung ist ein deutliches Warnsignal: Wo die Nachfrage nach Fake-Accounts vor Wahlen steigt, ist mit Manipulationsversuchen zu rechnen. Ein Markt zeigt, was sonst verborgen bleibt.

Die Forscher:innen wollten genau wissen, auf welchen Plattformen Wahlereignisse tatsächlich Einfluss auf den SMS-Verifizierungsmarkt haben – und wann es nur Zufall ist. Dafür analysierten sie sogenannte p-Werte, also statistische Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein Effekt als „signifikant“ gilt.

Das Ergebnis: Vor allem bei WhatsApp, Google/YouTube, Instagram und TikTok gibt es signifikante Veränderungen in den verfügbaren Mengen an Fake-Verifizierungen. Auch bei Twitter/X und WhatsApp zeigen sich auffällige Preisveränderungen.

Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Besonders bemerkenswert: Telegram – oft als Hauptplattform für politische Kampagnen genannt – zeigt keine signifikante Preisschwankung, wohl aber starke absolute Ausschläge in den Rohdaten. Es bleibt also wahrscheinlich manipuliert, aber schwerer eindeutig zu belegen.

📊 Wichtige Erkenntnis aus der Tabelle:

  • Bei WhatsApp ist der Zusammenhang am stärksten – sowohl bei Preisen als auch beim Angebot.
  • Twitter/X zeigt signifikante Preisveränderungen – vermutlich wegen Wahlbeobachtungen.
  • Plattformen wie Facebook und LinkedIn zeigen kaum Ausschläge – möglicherweise wegen besserer Filtermechanismen oder geringerer Attraktivität für Wahlkampagnen.

Diese Tabelle macht sichtbar, wo politische Ereignisse direkte Spuren im Schwarzmarkt für digitale Identitäten hinterlassen. Wer die Preise kennt, sieht, wo gerade Meinung gekauft wird.

Was Zahlen verraten – Der COTSI-Index und seine brutale Klarheit

Um diese Dynamiken messbar zu machen, haben die Forschenden den COTSI-Index (Cost of Online Manipulation Index) entwickelt. Dieser Index zeigt für jedes Land und jede Plattform, wie hoch der aktuelle Preis für eine SMS-Verifizierung ist – und wie viele davon verfügbar sind.

Einige überraschende Ergebnisse:

  • Je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, desto teurer sind Fake-Verifizierungen. Reiche Länder sind „lohnendere Ziele“ – oder schwerer zu manipulieren.
  • Je mehr Handys pro Kopf, desto günstiger die Verifizierungen. Länder mit vielen SIM-Karten gelten als „lieferfreudig“.
  • Je höher die Kosten für eine SIM-Karte, desto teurer der Fake. Logisch: Wo echte Nummern teuer sind, sind auch Fake-Nummern teurer.
  • Bestimmte Plattformen (z. B. OpenAI, Telegram) kosten deutlich mehr pro Verifizierung – weil sie schwerer zu täuschen sind.

Die Unterschiede sind krass: Für 100 Dollar bekommt man in manchen Ländern über 1.000 Verifizierungen für Facebook. In anderen nur 30 bis 40 für Telegram. Der Preis zeigt die Nachfrage – und damit den Brennpunkt möglicher Manipulationen.

COTSI ist mehr als ein Preisvergleich – er ist ein Frühwarnsystem. Wo der Preis steigt, steigen auch die Risiken für Demokratie, Sicherheit und öffentliche Meinung.

Der COTSI-Index macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt: Wo SMS-Verifizierungen besonders teuer sind, ist auch die Nachfrage besonders kritisch – etwa bei Wahlmanipulation oder Plattformen mit höherer Sicherheitsbarriere.

Die folgende Grafik zeigt ein konkretes Beispiel: Am 25. September 2025 konnten mit nur 100 US-Dollar über 1.100 Facebook-Verifizierungen gekauft werden. In Ländern wie Japan lag der Preis bei 3 Dollar pro Stück – in den USA nur bei 13 Cent. Deutlich wird: Qualität hat ihren Preis, aber auch ihre Lücke.

Wie Fake-SMS, Bot-Farmen und gekaufte Identitäten unsere digitale Welt unterwandern

Die Karte visualisiert nicht nur die Preise, sondern auch den „Stock“, also die verfügbare Menge. Besonders günstig und massenhaft verfügbar sind Nummern aus Ländern mit hoher SIM-Dichte und schwacher Regulierung: Indien, Spanien, Mexiko. Dort ist der Missbrauch leicht skalierbar. In Ländern mit geringer Verfügbarkeit (z. B. Gibraltar, Malta) hingegen steigen die Preise deutlich – eine Marktdynamik, die Rückschlüsse auf Risiko und Einflussnahme zulässt.

Der COTSI-Index liefert nicht nur Daten – er liefert Beweise. Für ein System, das genau weiß, wo Manipulation billig, wo sie effektiv und wo sie besonders gefragt ist.

Wer wegsieht, macht mit – was jetzt passieren muss

Und jetzt der entscheidende Punkt: Kaum jemand stoppt das. Plattformen wie Meta, Google oder X haben keinen echten Schutz gegen diese Art von Angriff. Ihre Sicherheitsmaßnahmen sind veraltet – viele Bot-Erkennungen fallen auf moderne Fake-Accounts nicht mehr herein.

Ein Beispiel: In einer Studie wurde ein Botnetz mit KI-gesteuerten Accounts analysiert – die Erkennungsrate lag bei 4 Prozent. Selbst Expert:innen konnten diese Accounts nicht als Fakes identifizieren. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen – und niemand schützt die Öffentlichkeit davor.

Auch gesetzlich passiert zu wenig. Einige Länder (UK, Russland) gehen erste Schritte – aber international fehlt eine klare Linie. Dienste wie SMS-Activate oder SMSPVA betonen sogar ihre „Rechtskonformität“. Doch die Realität zeigt: Sie sind die Werkzeuge für systematische Desinformation, Wahlbeeinflussung und massenhaften Betrug.

Was also tun?

  • Plattformen müssen Verifizierungen härter prüfen und Herkunftskennzeichnungen sichtbar machen.
  • Gesetzgeber:innen müssen digitale Identitätsverkäufe regulieren und SIM-Farmen verbieten.
  • Nutzer:innen müssen lernen, digitalen Inhalten zu misstrauen, egal wie echt sie aussehen.

Denn wer heute einem Kommentar glaubt, könnte morgen einem Bot vertrauen. Wer einem geteilten Video zustimmt, könnte Teil einer manipulierten Kampagne sein.

Die Wahrheit ist unbequem: Die Online-Welt wird gefälscht – industriell, effizient und legalisiert durch Inaktivität.

Quellen:

Price of a ‚bot army‘ revealed across hundreds of online platforms worldwide

Mapping the online manipulation economy | Science

Auch interessant: Mimikama 2025 – Orientierung im digitalen Lärm

Kostenlos · der tägliche Mimikama-Newsletter

Fakten statt Aufregung. Direkt in dein Postfach.

Die wichtigsten Faktenchecks und Meldungen des Vortags – jeden Morgen kostenlos und unabhängig vom Social-Media-Algorithmus.

Ich möchte den oben angeführten Newsletter erhalten und stimme zu, dass meine E-Mail-Adresse zu diesem Zweck verarbeitet wird. Ich kann den Newsletter jederzeit abbestellen. Details in der Datenschutzbestimmung.


Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)