Vor der Wahl die Briefwahl, danach die Auszählung: Wie sich Wahlbetrugsgerüchte auf Telegram verbreiten

Eine spanische Auswertung von Telegram-Beiträgen zeigt, wie Wahlbetrugsverdächtigungen rund um den Wahltag wechseln. Mimikama ordnet die Ergebnisse anhand dokumentierter Fälle aus Deutschland und Österreich ein.

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Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verbreitete sich Anfang September 2026 ein angeblicher SPD-Flyer mit einer auffälligen Aufforderung: „Jetzt Briefwahl beantragen! Sonst haben wir keine Chance!“ Wer das Bild sah, konnte meinen, die Partei verrate damit eine besondere Abhängigkeit von Briefwahlstimmen oder sogar eine geplante Manipulation. Der Faktencheck von Mimikama zeigte: Der zweite Satz war nachträglich hinzugefügt worden. Im Original stand lediglich die übliche Aufforderung zur Briefwahl.

Schon bevor eine Stimme ausgezählt war, lag damit ein angeblicher Hinweis auf Betrug auf dem Tisch. Eine neue Auswertung aus Spanien zeigt, wie gut solche Verdächtigungen in den zeitlichen Ablauf einer Wahl passen. Je nachdem, ob die Abstimmung bevorsteht, gerade läuft oder bereits vorbei ist, verändern sich die Vorwürfe.

Was die Auswertung von 18.542 Telegram-Kanälen zeigt

Der spanische Analyst Marcelino Madrigal untersuchte nach Angaben der Faktencheck-Redaktion Newtral Nachrichten aus 18.542 spanischsprachigen Telegram-Kanälen und -Gruppen. Der untersuchte Zeitraum reicht von 2015 bis September 2026. Gesucht wurde unter anderem nach Ausdrücken für Wahlbetrug, Briefwahl und nach dem Namen des spanischen Technikunternehmens Indra, das in entsprechenden Verdächtigungen häufig vorkommt.

In 2.655 der untersuchten Kanäle und Gruppen fand Madrigal einschlägige Nachrichten. Insgesamt erfasste die Suche 59.594 Beiträge, davon 20.240 mit Bezug zu Spanien. Die Veröffentlichungszahlen stiegen laut der Auswertung am Wahltag und in der darauffolgenden Woche auf mehr als das Dreifache des sonst üblichen Niveaus. Das bedeutet vorerst: In diesen ausgewählten Telegram-Räumen wurde rund um Wahlen besonders oft über vermeintlichen Betrug gesprochen. Ob und wie viele Menschen dadurch ihre Meinung änderten, hat die Auswertung nicht gemessen.

Der Verdacht wechselt mit dem Zeitpunkt

Vor einer Wahl richten sich die untersuchten Beiträge häufig gegen die Briefwahl. Es geht dann etwa um angeblich vernichtete Wahlbriefe oder die Unterstellung, Post und Verwaltung würden bestimmte Stimmen verschwinden lassen. Am Wahltag verschiebt sich der Schwerpunkt laut Madrigal auf den Vorwurf des Stimmenkaufs. Nach der Wahl werden Auszählungen, Ergebnisprotokolle und Unterschiede zwischen Zahlen zu vermeintlichen Beweisen erklärt.

Der Ablauf ist leicht nachvollziehbar: Solange noch gewählt wird, kann man behaupten, Stimmen würden verschwinden. Wenn ein Ergebnis vorliegt, lässt sich dasselbe Misstrauen auf dessen Entstehung richten. Auch tatsächliche Einzelfälle können dabei als Ausgangspunkt dienen. Newtral verweist auf reale Fälle von Stimmenkauf in Spanien aus dem Jahr 2023, die in Telegram-Beiträgen zur Behauptung eines landesweiten, systematischen Betrugs ausgeweitet wurden. Aus einem dokumentierten Fall folgt eine solche Aussage nicht.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die über einzelne Wahlabende hinausgeht: Laut Madrigal treten seit 2024 starke Wellen entsprechender Beiträge auch außerhalb unmittelbarer Wahltermine auf. Dafür werden etwa Debatten über Einbürgerung und Wählerverzeichnisse aufgegriffen, um schon lange vor der nächsten Abstimmung Zweifel am Verfahren zu säen.

Ein großer Absender, viele Weiterleitungen

Telegram bietet öffentlichen Kanälen die Möglichkeit, Nachrichten an viele Abonnenten zu senden. Andere Gruppen können diese Beiträge anschließend weiterleiten. Madrigals Untersuchung beschreibt ein besonders auffälliges Beispiel: Nachrichten aus dem Kanal des spanischen EU-Abgeordneten Luis Pérez Fernández, bekannt als Alvise, wurden in zahlreichen weiteren Kanälen und Gruppen verbreitet. Nach der bei Newtral wiedergegebenen Berechnung entfielen auf diese ursprünglichen Nachrichten samt Weiterverbreitung rund 66 Prozent der gezählten Aufrufe innerhalb der spanienbezogenen Wahlbetrugs-Beiträge. Besonders stark war seine Stellung rund um die Europawahl 2024.

Die Zahl beschreibt die in der Untersuchung zugeordneten Aufrufe. Sie sagt nicht aus, dass 66 Prozent aller Spanierinnen und Spanier diese Botschaften gesehen hätten. Eine Nachricht kann mehrfach aufgerufen werden, und dieselbe Person kann in mehreren Gruppen unterwegs sein. Die Untersuchung verdeutlicht vor allem, wie ein einzelner Ausgangskanal ein Netz an Weiterleitungen bedienen kann.

Auch in Deutschland und Österreich tauchen diese Erzählungen auf

Die spanischen Zahlen lassen sich nicht auf deutschsprachige Telegram-Kanäle übertragen. Aber einzelne Erzählmuster sind aus unseren Recherchen bekannt. Vor der Bundestagswahl 2025 kursierte etwa ein Video, in dem angeblich AfD-Briefwahlstimmen in Hamburg geschreddert wurden. Mimikama zeigte, dass die verwendeten Wahlunterlagen gefälscht waren. 2026 wurde das bereits widerlegte Video erneut verbreitet und im Umfeld der Wahl in Sachsen-Anhalt aufgegriffen.

Dort gab es zugleich eine echte Panne. In Magdeburg wurden im August 2026 versehentlich 440 Wahlscheine doppelt gedruckt. Die Stadt erklärte am 25. August, dass beide Exemplare dieselbe Nummer hatten, für ungültig erklärt und durch neue Unterlagen ersetzt wurden. Der Fehler war real, eine doppelte gültige Stimmabgabe war nach Angaben der Stadt dadurch ausgeschlossen. Dennoch bot die Panne Anlass für Betrugsverdächtigungen, wie Mimikamas Überblick vor der Wahl dokumentierte.

Ein Beispiel aus Österreich stammt von der Europawahl 2024. Damals verbreitete sich unter anderem die Behauptung, Stimmen für die FPÖ würden bei der Auszählung von politischen Gegnern für ungültig erklärt. Ein Faktencheck von APA und dpa fand für die Vorwürfe keine entsprechenden Belege. Die Entscheidung über ungültige Stimmzettel trifft in Österreich die zuständige Wahlbehörde gemeinsam; die Entscheidungen werden dokumentiert.

Was die Zahlen nicht beweisen

Die Arbeit von Madrigal ist eine Auswertung bestimmter Suchbegriffe in ausgewählten Telegram-Kanälen und -Gruppen. Nicht jeder gefundene Beitrag muss selbst eine Falschbehauptung enthalten. Er könnte einen Vorwurf auch zitieren, kritisieren oder widerlegen. Die vollständigen Rohdaten und eine ausreichend detaillierte Beschreibung der Auswahl und Auswertung lagen für unsere unabhängige Nachprüfung nicht vor. Die Zahlen und die Zuschreibung einzelner Reichweiten geben wir deshalb als Ergebnisse der von Newtral dargestellten Analyse wieder.

Die Beispiele aus Spanien, Deutschland und Österreich belegen außerdem keine gemeinsame Kampagne. Sie zeigen, wie ähnliche Verdächtigungen an unterschiedlichen Stellen auftreten: Vor dem Urnengang gerät die Briefwahl in Verdacht, nachher kann die Auszählung zum Angriffspunkt werden. Wer einen angeblichen Beweis für Wahlbetrug sieht, sollte daher zuerst nach dem konkreten Vorfall fragen: Welche Wahl ist gemeint, sind die gezeigten Unterlagen echt, und was sagen die zuständigen Stellen dazu? Ein Video, eine Zahl oder eine reale Panne reichen für die Behauptung eines systematischen Betrugs nicht aus.


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