Was wäre, wenn die Werbung, die du täglich auf Facebook siehst, gar nicht von echten Unternehmen stammt? Was, wenn hinter scheinbar harmlosen Seiten ein Netz aus Betrug, Desinformation und gezielter politischer Manipulation steckt?
Genau das deckt eine umfassende Untersuchung der Organisation Reset.Tech auf. Im Zentrum stehen 3,8 Millionen inaktive Facebook-Seiten, die darauf warten, für bezahlte Kampagnen aktiviert zu werden, ob für gefälschte Gesundheitsprodukte, unseriöse Bitcoin-Investments oder prorussische Propaganda.
In diesem Artikel zeigen wir dir:
- wie diese Fake-Seiten funktionieren,
- wie sie aufgebaut und gesteuert werden,
- welche realen Schäden sie verursachen,
- warum Facebook (bzw. Meta) trotz aller Warnungen kaum etwas dagegen unternimmt,
- und wie sich EU-Gesetze wie der Digital Services Act (DSA) dagegenstellen – bisher erfolglos.
Diese Serie ist kein Technikbericht, sie ist eine Warnung. Für dich, für deine Daten, für deine Meinung. Und sie beantwortet eine unbequeme Frage:
Wer verdient eigentlich daran, dass du manipuliert wirst?
Gefahr im Verborgenen: Wie Fake-Seiten unser digitales Leben manipulieren
Auf Facebook ist nicht alles, was nach „Gefällt mir“ aussieht, echt. Hinter scheinbar gewöhnlichen Seiten lauern Strukturen, die in Wahrheit Teil von ausgeklügelten Manipulations- und Betrugsnetzwerken sind. Diese Seiten gehören nicht Menschen, Vereinen oder Unternehmen, sie gehören automatisierten Systemen, die auf Knopfdruck aktiviert werden können, um gezielt Millionen Menschen mit Werbung zu erreichen. Werbung, die nicht immer harmlos ist, sondern häufig politisch aufgeladen, manipulativ oder betrügerisch.
Laut einem aufrüttelnden Bericht der Organisation Reset.Tech gibt es auf Facebook mehr als 3,8 Millionen solcher Seiten, die auf den ersten Blick vollkommen harmlos erscheinen. Sie haben keine Follower, posten selten oder nie, und haben Namen, die wie zufällig wirken: „Stunning glr4“, „Pulchritudinous awx7“, „Acidic birth“. Doch hinter diesen scheinbar bedeutungslosen Namen steckt ein Plan.
Diese Seiten sind systematisch und automatisiert erstellt worden, mit Skripten, die tausende Seiten pro Tag anlegen. Meist enthalten sie generische Profilbilder, oft mit Icons, Symbolen oder KI-generierten Gesichtern. Die Beschreibungen und Kategorien der Seiten wirken beliebig. Der Zweck dieser Seiten ist nicht, mit Menschen zu kommunizieren, sondern später als Werbekonten genutzt zu werden, mit dem Ziel: Manipulation durch Bezahlung.
Diese Fake-Seiten bleiben zunächst „dormant“, also inaktiv, sie sind stillgelegt, solange sie nicht gebraucht werden. Doch sobald eine politische oder kommerzielle Kampagne startet, werden einzelne Seiten aus dem Netzwerk „aufgeweckt“ und mit bezahlter Werbung gefüttert. Diese Werbung kann alles Mögliche sein: Pro-Kreml-Propaganda, gefälschte Investitionsangebote oder Werbung für angebliche Heilmittel, die keine sind.
Die Drahtzieher dahinter nutzen diese Seiten wie Wegwerfartikel: Eine Seite schaltet zehn oder zwanzig Anzeigen und verschwindet wieder. Dann wird die nächste Seite aktiviert. Dieses System macht es extrem schwer, solche Netzwerke zu stoppen, es sei denn, man geht gezielt gegen das ganze Netzwerk vor. Genau das passiert jedoch nicht.
Obwohl viele dieser Fake-Seiten klare Muster aufweisen, z. B. wiederholte Namensstrukturen, identische Bilder, gleichlautende Texte, unternimmt Meta erstaunlich wenig, um sie zu stoppen. Reset.Tech konnte in ihrem Bericht sogar belegen, dass einige der betrügerischen Anzeigen von Facebooks eigenem System erkannt und dokumentiert wurden, ohne dass die dahinterstehenden Seiten gesperrt wurden. Die Netzwerke blieben bestehen. Die Werbeeinnahmen flossen weiter.
Das ist nicht nur fahrlässig, sondern möglicherweise auch gesetzeswidrig. In der Europäischen Union verpflichtet der Digital Services Act (DSA) große Plattformen wie Facebook dazu, gegen „systemische Risiken“ wie koordinierte Fake-Accounts, Desinformation oder automatisierte Manipulation aktiv vorzugehen. Doch bislang scheint Meta diese Verpflichtung eher als Vorschlag, denn als Pflicht zu sehen.
Dieses Kapitel kratzt nur an der Oberfläche. In den nächsten Abschnitten zeigen wir, wie tief dieses System reicht, welche konkreten Kampagnen bereits gelaufen sind, und wie Social-Media-Werbung systematisch missbraucht wird, ohne dass Nutzer:innen oder Behörden davon rechtzeitig erfahren.
Das Schattenreich von Facebook, Millionen inaktive Seiten warten auf ihren Einsatz
Facebook ist riesig. Täglich werden dort Milliarden von Inhalten geteilt, Beiträge, Fotos, Likes, Kommentare. Doch unter diesem Strom des Digitalen lauert ein Schattenreich, das fast niemand sieht: ein unsichtbares Netzwerk aus Millionen gefälschter Seiten, die weder Freunde haben noch echten Content teilen. Sie sind stillgelegt, inaktiv, aber jederzeit einsatzbereit.
Reset.Tech hat im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung sieben große Netzwerke solcher Seiten aufgedeckt, die zusammen mindestens 3,8 Millionen Facebook-Seiten umfassen. Das Besondere: Diese Seiten sind nicht zufällig entstanden, sondern wurden systematisch und automatisiert erstellt, mit Skripten, die in kurzer Zeit Tausende Accounts anlegen. Dabei folgen die Seiten oft bestimmten Namensschemata: Ein Adjektiv, ein zufälliger Buchstabencode und eine Zahl. Etwa „Charming rfy6“ oder „Pulchritudinous ews3“.
Der Zweck: Diese Seiten dienen als „Burner Pages“, also Wegwerf-Konten, die nur existieren, um in kurzer Zeit Werbung zu schalten. Danach werden sie entweder wieder deaktiviert oder einfach ignoriert. Sie hinterlassen kaum Spuren, lassen sich leicht ersetzen, und sind für Plattformen schwer zurückzuverfolgen, wenn man nicht gezielt nach Mustern sucht.
Diese Fake-Seiten sind nicht nur bloßes Beiwerk, sie sind der Kern eines funktionierenden Geschäftsmodells, das sich um politische Einflussnahme und digitalen Betrug dreht. In den Jahren 2022 bis 2024 wurden solche Seiten in koordinierten Propagandakampagnen eingesetzt. Die bekannteste darunter: Doppelgänger, eine prorussische Operation, die über Fake-News-Seiten und Anzeigen gezielt europäische Nutzer:innen manipulierte. Inhalte wurden auf Französisch, Deutsch, Polnisch und anderen Sprachen ausgespielt, oft mit täuschend echten Headlines und gefälschten Logos bekannter Medien.
Diese Netzwerke nutzen automatisierte Namensmuster, um Tausende Werbeseiten schnell und systematisch zu erstellen. Eine Analyse von Reset.Tech zeigt folgende Beispiele:
🧾 Tabelle 1: Namensmuster und Netzwerke
| Typisches Namensmuster / Alias | Aktiv im Netzwerk (Zeitraum) | Anzahl betroffener Seiten |
| Russischer Frauenname (z. B. Nora Vyypeava) | 03.03.2024 – 06.06.2024 | 676 |
| Adjektiv + Nomen + 3 Großbuchstaben (Cozy Fashion XWD) | 14.04.2024 – 27.05.2024 | 101 |
| Adjektiv + Adjektiv (Mature Tedious) | 15.03.2023 – 24.05.2024 | 494 |
| Zukunftsbegriff + Nomen (Future Zebra) | seit 27.12.2023 | 5 |
| Vorname + Abstrakter Begriff (Donna Ideas) | 16.02.2024 – 18.05.2024 | 153 |
| Vorname + Nachname + „online“ + 5 Ziffern (Emily Thompson Online, 23608) | 30.11.2023 – 27.12.2023 | 47 |
| Fantasiewort + Jahr + „Dream“ (Nizoleats1981 Dream) | 12.01.2024 – 19.01.2024 | 38 |
| Klassischer Vorname + Nachname (Barbara Thomas) | 12.07.2023 – 17.05.2024 | 15 |
| 7-stelliger Code + Ziffern + „-tm“ (B3cyirk-tm) | 02.12.2023 – 03.12.2023 | 12 |
| Substantiv + Einzelbuchstabe (Unexpectedness L) | 13.12.2023 – 14.05.2024 | 10 |
Die Netzwerke funktionieren wie modulare Baukästen: Wird eine Kampagne gestartet, greifen die Drahtzieher auf beliebige Seiten im Netzwerk zurück, befüllen sie mit Anzeigen, bezahlen Facebook, und schon beginnt die Manipulation. Wird eine Seite auffällig, wechselt man einfach zur nächsten. Laut Reset.Tech wurden in einer einzigen Kampagne über 6.000 Anzeigen geschaltet, mit einem geschätzten Budget von bis zu 675.000 Dollar. Die Reichweite: knapp 58 Millionen Menschen allein in der EU.
Doch das politische Geschäft ist nur ein Teil des Problems. Die meisten dieser Netzwerke werden laut der Analyse hauptsächlich für kommerzielle Betrugskampagnen genutzt, etwa für Fake-Gewinnspiele, unseriöse Finanzangebote oder gefälschte Gesundheitsprodukte. Und das ist besonders perfide: Während politische Werbung von Plattformen etwas strenger überprüft wird, haben betrügerische kommerzielle Kampagnen fast freie Bahn.
Diese Inaktiv-Seiten sind wie tickende Zeitbomben. Sie sind unscheinbar, kaum auffindbar, doch in Wahrheit jederzeit bereit, in neue Werbeoffensiven eingebunden zu werden. Und solange Meta diese Seiten nicht systematisch identifiziert und löscht, wird dieses Schattenreich weiter wachsen, zum Schaden von Verbraucher:innen, Wähler:innen und der demokratischen Öffentlichkeit.
Doppelgänger & Co.: Politische Propaganda als Teil eines Werbegeschäfts
Was wäre, wenn die politische Meinung von Millionen Menschen nicht durch offene Debatten geformt wird, sondern durch gekaufte Lügen? Genau das ist die bittere Realität auf sozialen Netzwerken wie Facebook. In Kapitel 2 haben wir gesehen, wie sogenannte „dormante Seiten“, also inaktive Fake-Profile, vorbereitet werden. In diesem Kapitel geht es um einen besonders gefährlichen Einsatzzweck: gezielte politische Desinformation, bezahlt und verbreitet über Meta.
Im Zentrum steht dabei die Operation Doppelgänger, eine prorussische Propagandakampagne, die seit 2022 europaweit aktiv ist. Die Masche ist ebenso simpel wie effektiv: Gefälschte Nachrichten-Webseiten werden erstellt, die bekannten Medien wie Spiegel, Le Monde oder The Guardian zum Verwechseln ähnlich sehen. Über Facebook-Anzeigen werden dann gezielt Inhalte verbreitet, die angeblich von diesen Medien stammen, in Wahrheit handelt es sich um staatlich gelenkte Desinformation, mit dem Ziel, das Vertrauen in westliche Institutionen zu untergraben und prorussische Narrative zu stärken.
Besonders perfide: Diese Inhalte werden nicht in russischer Sprache ausgespielt, sondern in den Landessprachen der Zielgruppen, etwa auf Deutsch, Französisch oder Italienisch. Die Werbung erscheint dabei nicht von einem offiziellen Absender, sondern über anonyme Werbekonten, die zu den Fake-Netzwerken gehören. Nutzer:innen, die die Anzeigen sehen, erhalten also manipulierte Inhalte, ohne zu wissen, wer sie bezahlt hat, oder dass es sich überhaupt um Werbung handelt.
Laut Reset.Tech hat die „Doppelgänger“-Kampagne zwischen 2022 und 2024 mehr als 6.000 solcher Anzeigen auf Facebook geschaltet, mit einer geschätzten Reichweite von 58 Millionen Menschen in der EU. Das Werbebudget: zwischen 118.000 und 675.000 US-Dollar. Und das ist nur der dokumentierte Teil. In Wahrheit dürfte der tatsächliche Einfluss noch größer sein.
Ein besonders schockierendes Detail: Die Verantwortlichen hinter der Kampagne, etwa die russische Agentur Social Design Agency (SDA), wurden bereits 2023 von der EU, den USA und Großbritannien sanktioniert. Trotzdem konnten sie über Facebook weiterhin Anzeigen schalten. Meta verdiente also weiter an Inhalten, die eindeutig gegen seine eigenen Richtlinien, und sogar gegen internationale Sanktionen, verstoßen.
Zahlreiche Organisationen haben diese Missstände aufgezeigt: AI Forensics, CheckFirst, DFRLab und natürlich Reset.Tech selbst. Alle kamen zu dem gleichen Schluss: Meta kontrolliert politische Anzeigen nicht ausreichend. Ein Großteil der Anzeigen ist nicht ordnungsgemäß gekennzeichnet („Paid by“-Label fehlt), viele werden unter falscher Identität geschaltet, und das Kontrollsystem zur Erkennung politischer Inhalte funktioniert nur in einem Bruchteil der Fälle.
Noch gravierender: Selbst wenn Anzeigen erkannt und entfernt werden, bleiben die Werbeseiten dahinter meist online. Es wird nur an der Oberfläche moderiert, die Wurzel des Problems bleibt bestehen. Reset.Tech konnte nachweisen, dass viele dieser Fake-Seiten über Monate hinweg aktiv blieben, obwohl sie mehrfach gegen Facebooks Werberichtlinien verstießen. Einige liefen sogar parallel mit Werbungen für politische Propaganda und betrügerische Produkte.
Die politischen Kampagnen zeigen: Facebook ist nicht nur eine Plattform, auf der Desinformation passieren kann, es ist eine Plattform, auf der sie aktiv finanziert, verbreitet und profitabel gemacht wird. Und das oft ohne, dass die Betroffenen, die Nutzer:innen, überhaupt merken, dass sie Teil eines orchestrierten Manipulationsversuchs sind.
Werbung als Waffe: Wie Betrugsnetzwerke auf Meta Millionen verdienen
Nicht nur Politik wird auf Facebook manipuliert. Viel öfter, und viel lukrativer, ist die zweite große Kategorie von Fake-Werbung: kommerzielle Betrugskampagnen. Dahinter stecken gut organisierte Netzwerke, die mithilfe von Facebook-Anzeigen echte Menschen zu falschen Investitionen, wirkungslosen Gesundheitsprodukten oder nicht existierenden Gewinnspielen verleiten. Die Schäden für Betroffene gehen in die Millionen, genauso wie die Werbeeinnahmen für Meta.
Ein prominentes Beispiel ist die Operation „ScamEmpire“, die 2023 durch Recherchen von Qurium, der OCCRP und schwedischen Medien aufgedeckt wurde. Die Betreiber, ansässig u. a. in Georgien, Zypern, Israel und der Ukraine, nutzten Facebook und Google, um gefälschte Anzeigen mit Prominenten zu schalten. Oft wurden bekannte Persönlichkeiten wie Elon Musk, Markus Lanz oder Politiker:innen mithilfe von Deepfakes für angebliche „Investitionen“ oder „neue Wundermittel“ missbraucht. Die Opfer landeten auf Callcenter-Seiten, wo sie teure „Anlagepakete“ kauften, und dabei oft ihr gesamtes Erspartes verloren.
Reset.Tech bestätigt: Auch die in Kapitel 2 beschriebenen Fake-Seiten werden für solche Kampagnen eingesetzt. Besonders problematisch ist, dass viele dieser Seiten nicht einmal gehackt sind, sondern von Anfang an als Werbe-Fake angelegt wurden. Einmal aktiviert, schalten sie Werbeanzeigen, die z. B. behaupten:
- „Promi X verrät das geheime Mittel gegen Diabetes“
- „TV-Star investiert in revolutionäre Bitcoin-Plattform“
- „Nur heute: Gratis-Kapseln für ewige Jugend!“
Diese Werbeanzeigen folgen meist dem gleichen Schema: auffällig, emotional, unseriös. Dennoch schaffen sie es durch Facebooks Werbefilter, und bleiben oft über Wochen online. Meta löscht gelegentlich einzelne Anzeigen, aber die Werbekonten dahinter bleiben meist aktiv, sodass die Täter einfach weitermachen können.
Und es geht um riesige Summen: Qurium beziffert den Schaden zweier solcher Kampagnen auf zusammen fast 300 Millionen Dollar. Die tatsächlichen Einnahmen von Meta durch diese Fake-Werbung lassen sich nicht beziffern, denn das Unternehmen veröffentlicht keine Budgetdaten für kommerzielle Anzeigen, die als „nicht-politisch“ gelten. Ein gefährliches Transparenzloch.
Reset.Tech dokumentierte unter anderem eine Gesundheitskampagne mit über 35.000 betrügerischen Werbeanzeigen, in der angebliche Heilmittel gegen schwere Krankheiten angeboten wurden. Selbst explizite Inhalte, etwa Nacktbilder zur Bewerbung von Potenzmitteln, wurden als bezahlte Werbung durchgewunken, obwohl solche Inhalte laut Meta-Richtlinien verboten sind.
Noch gravierender: Ein und dieselbe Anzeige wird bei einem Account gelöscht, bei einem anderen bleibt sie aktiv. Dieses inkonsistente Vorgehen, bekannt als „Missmoderation“, sorgt dafür, dass viele Betrugsanzeigen bis zur Erschöpfung ihres Werbebudgets online bleiben. Danach verschwinden sie, und machen Platz für neue Anzeigen aus dem gleichen Netzwerk.
Der Grund ist offensichtlich: Jede Anzeige bringt Meta Geld. Selbst wenn sie gefälscht, irreführend oder gefährlich ist. Und solange die Werbekonten im Hintergrund nicht gelöscht werden, bleiben Facebook & Co. ein idealer Verbreitungskanal für professionelle Scammer.
Meta schaut weg obwohl es die Muster kennt
Dass betrügerische Werbung und politische Manipulation auf Facebook existieren, ist längst kein Geheimnis mehr. Doch besonders beunruhigend ist, wie wenig der Konzern Meta dagegen unternimmt, obwohl viele der betrügerischen Netzwerke und deren Muster längst bekannt sind. Die Recherchen von Reset.Tech zeigen: Facebook hätte die Werkzeuge, um diese Fake-Seiten zu erkennen und zu löschen. Doch stattdessen schaut der Konzern oft einfach weg, oder schlimmer noch: er verdient weiterhin daran.
Die betrügerischen Seiten folgen fast immer erkennbaren Mustern. Beispielsweise teilen sie:
- identische oder fast identische Benutzernamen (z. B. „Pulchritudinous rxj3“, „Graceful hrf8“, „Bold wqv2“),
- die gleichen Profilbilder oder Logos,
- ähnliche Textbausteine in Werbeanzeigen,
- gleichen Werbestil, etwa reißerisch, emotional oder medizinisch dubios.
Diese Muster sind nicht zufällig, sondern das Ergebnis automatisierter Skripte, die Tausende von Seiten nach einem Baukastenprinzip erstellen. Seiten mit denselben Strukturmerkmalen posten dann Werbeanzeigen für völlig unterschiedliche Inhalte: Mal geht’s um ein angebliches Medikament, dann um Kryptowährungen, dann wieder um einen „Enthüllungsbericht“ eines gefälschten TV-Magazins.
Die folgende Übersicht zeigt, wie automatisierte Netzwerke aus einer vordefinierten Wortliste hunderttausende Fake-Seiten erzeugen – mit immer neuen Kombinationen.
🧾 Tabelle 2: Baukastensystem zur Generierung von Fake-Seitennamen
| Adjektiv (Position 1) | Themenbegriff (Position 2) | Allgemeines Substantiv (Position 3) |
| Abenteuerlich | Schönheit | Campus |
| Künstlerisch | Kunst | Gesellschaft |
| Mutig | Astrologie | Plattform |
| Klug | Bildung | Netzwerk |
| Cool | Umwelt | Ecke |
| Kreativ | Mode | Forum |
| Gemütlich | Bücher | Raum |
| Stilvoll | Katzen | Spielplatz |
| Innovativ | Business | Galerie |
| Trendy | Fitness | Werkstatt |
(Auszug – Liste stark gekürzt für Leserfreundlichkeit; vollständiges Muster im Bericht von Reset.Tech.)
Und doch: Obwohl diese Muster leicht zu erkennen sind, und Reset.Tech sie sogar in öffentlichen Berichten dokumentiert hat, reagiert Meta kaum. Seiten bleiben aktiv. Werbekonten werden nur vereinzelt gelöscht. Und neue Fake-Seiten tauchen schneller auf, als alte verschwinden.
Ein besonders drastisches Beispiel ist das sogenannte „Botiful“-Netzwerk:
Bereits 2022 identifizierte Meta das Netzwerk in einem eigenen „Adversarial Threat Report“. Die Seiten nutzten auffällige Namenskombinationen wie „Handsome kjt4“, „Glorious ywt2“ oder „Pretty fhr5“. Trotzdem blieb das Netzwerk aktiv. Reset.Tech fand heraus, dass 2023 bereits über 240.000 Seiten zu „Botiful“ gehörten. Selbst ein Jahr später, 2024, waren rund 47.000 dieser Fake-Seiten noch immer online, bereit für neue Anzeigenkampagnen.
Noch beunruhigender: Viele dieser Seiten waren offiziell als Werbekonten in Meta’s Ad Library gelistet. Das bedeutet, sie sind mit Business-Accounts verknüpft und könnten jederzeit neue Werbeanzeigen starten. Teilweise liefen von diesen Seiten sogar gleichzeitig politische und kommerzielle Fake-Kampagnen, also Propaganda und Betrug aus demselben Netzwerk.
Das alles passiert trotz geltender Plattformrichtlinien, die eigentlich genau solche inauthentischen Netzwerke verbieten. Laut Metas eigenen Standards ist das „Erstellen von Konten, Seiten oder Gruppen in hoher Anzahl und mit automatisierten Mitteln“ untersagt. Auch die EU schreibt im Digital Services Act (DSA) vor, dass große Plattformen systemische Risiken wie Fake-Accounts, Bot-Aktivitäten und Desinformationskampagnen frühzeitig erkennen und abstellen müssen.
Doch in der Praxis bleibt vieles nur Theorie. Meta konzentriert sich lieber auf das Moderieren einzelner Anzeigen, während im Hintergrund ganze Netzwerke unangetastet bleiben. Dieses Vorgehen ist nicht nur kurzsichtig, sondern hochgefährlich: Denn es erlaubt es Scammern, politische Akteuren und staatlich unterstützten Propagandisten, wieder und wieder dieselben Methoden zu nutzen, mit immer neuen Seiten, aber den gleichen Tricks.
Was die EU vorschreibt, und was Meta ignoriert
Die Europäische Union hat die Bedrohung durch Fake-News, Desinformation und betrügerische Online-Werbung längst erkannt. Deshalb wurde 2022 der sogenannte Digital Services Act (DSA) verabschiedet, ein umfangreiches Gesetzespaket, das große Online-Plattformen wie Meta verpflichtet, systemische Risiken aktiv zu erkennen und zu beseitigen.
Doch ein Blick auf die Realität zeigt: Meta ignoriert zentrale Vorgaben des DSA, während die problematischen Werbenetzwerke weiterlaufen, mit verheerenden Folgen für Verbraucher:innen, demokratische Prozesse und die Informationsqualität im Netz.
Was der DSA vorschreibt
Der DSA gilt seit Februar 2024 verbindlich für sogenannte „Very Large Online Platforms“ (VLOPs), also Plattformen mit mehr als 45 Millionen aktiven Nutzer:innen in der EU. Facebook und Instagram fallen beide darunter. Die wichtigsten Pflichten für diese Plattformen im Kontext dieses Berichts lauten:
- Artikel 34 DSA: Plattformen müssen systemische Risiken bewerten, darunter:
- die Verbreitung illegaler Inhalte,
- Manipulation durch automatisierte Systeme (z. B. Fake-Accounts, Bots),
- Desinformationskampagnen, etwa im politischen Kontext,
- Gefahren für die öffentliche Sicherheit und demokratische Wahlen.
- Artikel 35 DSA: Plattformen müssen geeignete Maßnahmen ergreifen, um diesen Risiken entgegenzuwirken. Dazu gehören z. B.:
- Deaktivierung inauthentischer Netzwerke,
- Verbesserung der Transparenz,
- Kooperation mit Forschern und Behörden.
- Artikel 39 DSA: Plattformen müssen ihre Werbebibliotheken offenlegen, inkl. Angaben zu:
- Werbendem Unternehmen,
- Zielgruppenausrichtung,
- Höhe der ausgegebenen Budgets.
Was Meta (nicht) tut
Trotz dieser Pflichten zeigt Reset.Techs Bericht, dass Meta:
- tausende inaktive Werbeseiten weiter online lässt, obwohl sie nachweislich zu Desinformationskampagnen gehören,
- kaum Informationen zu Werbebudgets bereitstellt, vor allem bei kommerziellen (nicht-politischen) Anzeigen,
- die Identität der Werbetreibenden oft verschleiert, da viele Anzeigen ohne offizielle Absenderangabe geschaltet werden,
- keine öffentlich einsehbaren Maßnahmen zur Risikobewertung veröffentlicht hat, wie es der DSA verlangt.
Dabei liegt genau hier die Krux: Wenn Meta nicht klar offenlegt, wer für welche Anzeigen wie viel Geld zahlt, wie diese Anzeigen systematisch vernetzt sind und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden, können weder Behörden noch Nutzer:innen erkennen, ob und wie die Plattform gegen diese Risiken vorgeht.
Reset.Tech hat bewiesen, dass sich Werbenetzwerke mit einem klaren, datenbasierten Verfahren identifizieren lassen. Der folgende Überblick zeigt, wie dieser Mapping-Prozess funktioniert – ein Verfahren, das Meta selbst einsetzen könnte, aber offenbar vermeidet!
📊 Tabelle 3: Der zweistufige Kartierungsprozess zur Netzwerkerkennung
| Phase / Schritt | Aktion / Ziel |
| Datenanalyse | Analyse öffentlich zugänglicher Werbedaten über die Meta Ad Library oder API |
| Hypothesenphase | |
| – Mustererkennung | Identifikation ähnlicher Seitennamen in Werbeanzeigen (z. B. „Beauty Campus“) |
| – Hypothese validieren | Bestätigung der Muster durch gezielte Facebook-Suchanfragen |
| Phase I: Netzanborung (Scoping) | |
| – Netzwerkgröße abschätzen | Einschätzung, wie groß das betroffene Werbenetzwerk tatsächlich ist |
| – Stichproben & Verifikation | Systematische Stichprobe potenzieller Seitennamen auf tatsächliches Vorkommen |
| – Musterauswahl | Auswahl eines dominanten Musters zur tiefergehenden Untersuchung |
| Phase II: Netzwerkanalyse | |
| – Datensammlung | Auswertung von Seiteninfos: Admin-Standort, Erstellungsdatum, Kategorien etc. |
| – Aktivitätsanalyse | Untersuchung des Posting-Verhaltens der Seite |
| – Weitere Prüfung | Test, ob dasselbe Netzwerk auch andere Kampagnen unterstützt |
Diese Untätigkeit kann als Verstoß gegen EU-Recht gewertet werden, und damit als Rechtsbruch. Der DSA sieht bei Zuwiderhandlung Bußgelder von bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes vor. Bei Meta wären das nach aktuellen Zahlen mehrere Milliarden Euro.
Risiko für die Gesellschaft
Das Problem ist nicht nur juristischer Natur, es betrifft den Kern unserer Informationsgesellschaft. Wenn Plattformen wie Facebook es zulassen, dass automatisierte Werbenetzwerke politische Meinungen beeinflussen oder gezielt Betrug verbreiten, entsteht ein demokratisches Vakuum. Menschen werden nicht mehr durch Journalismus informiert, sondern durch bezahlte Manipulation gelenkt, oft ohne es zu merken.
Und solange Meta diese Netzwerke nicht transparent macht, bleibt das Ausmaß dieser Gefahr unsichtbar. Genau das will der DSA eigentlich verhindern.
Was Nutzer:innen wissen sollten, und was sich dringend ändern muss
Die Erkenntnisse aus dem Reset.Tech-Report sind alarmierend, und sie zeigen: Die Bedrohung durch Fake-Werbenetzwerke ist kein Randproblem. Es ist ein strukturelles Versagen, das Millionen Menschen betrifft, unser demokratisches System angreift und das Vertrauen in die digitale Welt untergräbt. Doch was bedeutet das konkret für uns alle, und was muss sich ändern?
Was du als Nutzer:in tun kannst
Auch wenn die Verantwortung in erster Linie bei den Plattformen liegt, kannst du dich selbst besser schützen. Hier einige Hinweise, woran du betrügerische Werbung erkennst:
- Misstraue Anzeigen mit reißerischen Versprechen wie „Geheime Methode heilt Diabetes“ oder „Diese eine Entscheidung machte ihn zum Millionär“.
- Überprüfe den Absender: Steht unter der Anzeige ein klar erkennbarer Name oder ein anonymer Account?
- Klick nicht blind auf Links, besonders wenn sie zu unbekannten Websites führen, die Nachrichtenportale imitieren.
- Vorsicht bei Promi-Werbung: Wenn eine bekannte Persönlichkeit angeblich ein Produkt empfiehlt, ohne offizielle Quelle, Finger weg!
- Nutze Meldefunktionen: Wenn du eine verdächtige Anzeige siehst, melde sie über die integrierte Option auf Facebook oder Instagram.
Was sich auf Plattformseite ändern muss
Es reicht nicht, einzelne Fake-Werbeanzeigen zu löschen. Was wir brauchen, ist ein systematischer Ansatz, der auf mehreren Ebenen greift:
- Netzwerke statt Einzelfälle löschen: Meta muss aufhören, nur Anzeigen zu entfernen. Die dahinterliegenden Werbeseiten, oft Teil massiver Netzwerke, müssen vollständig identifiziert und deaktiviert werden.
- Transparenz bei Werbebudgets: Nutzer:innen und Forschende müssen erfahren können, wie viel Geld für bestimmte Anzeigen ausgegeben wird, auch bei kommerziellen Kampagnen.
- Echte Identitätsprüfung: Wer Werbung auf Facebook schalten will, sollte sich eindeutig identifizieren müssen. Anonyme Werbekonten laden zum Missbrauch ein.
- Zusammenarbeit mit unabhängigen Organisationen: Statt interne Prüfungen im Verborgenen durchzuführen, sollte Meta externe Expert:innen wie Reset.Tech, AI Forensics oder die EU-Digitalaufsicht einbeziehen.
- Rechenschaft gegenüber Behörden: Wenn Plattformen systemische Risiken wie Fake-Werbenetzwerke zulassen, müssen sie dafür haften, rechtlich, finanziell und öffentlich.
Ein digitales Wettrennen gegen die Zeit
Solange diese Maßnahmen nicht umgesetzt werden, bleibt die Tür offen für Desinformation, politische Einflussnahme und großangelegte Betrugswellen. Die Täuschung passiert dabei nicht in dunklen Ecken des Internets, sondern in der Mitte unserer digitalen Öffentlichkeit, mitten in unserem Facebook-Feed.
Der Reset.Tech-Report legt die Beweise auf den Tisch. Jetzt ist es an Meta, und an der Politik, zu handeln. Und an uns allen, genauer hinzusehen.
Fazit: Wenn das Geschäftsmodell Desinformation heißt
3,8 Millionen inaktive Fake-Seiten auf Facebook sind kein technischer Unfall – sie sind das Symptom eines Systems, das nicht aus Versehen versagt, sondern strukturell. Meta hat mit all seinen Daten, Ressourcen und Algorithmen die Mittel, solche Netzwerke zu erkennen, zu stoppen und transparent zu machen. Doch es fehlt an Willen. Denn solange Werbegelder fließen, scheint es akzeptabel, dass Nutzer:innen manipuliert, betrogen oder politisch beeinflusst werden – ganz legal, mit einem Like-Button.
Die Reset.Tech-Recherche zeigt: Was heute in Form von Fake-Investments, Wundermitteln oder prorussischer Propaganda in den Timelines der Menschen auftaucht, ist morgen schon Bestandteil realer Meinungsbildung, Wahlentscheidungen und finanzieller Schäden. Die Konsequenzen sind real, auch wenn die Seiten digital und unsichtbar bleiben.
Wir leben in einer Zeit, in der Plattformen nicht mehr nur Vermittler sind – sie sind Architekten der Realität, Informationsgatekeeper, Meinungsmacher. Wenn sie zulassen, dass gefälschte Seiten, Deepfakes und gekaufte Propaganda das Netz dominieren, dann wird aus einem digitalen Markt ein politischer Krisenherd.
Was jetzt gebraucht wird, ist kein weiteres internes Review von Meta – sondern öffentlicher Druck, klare gesetzliche Vorgaben, konsequente Sanktionen und eine wachsame Zivilgesellschaft. Wer Desinformation duldet, macht sich mitschuldig. Und wer sich schützt, tut es nicht nur für sich selbst – sondern für das digitale Gemeinwohl.
Denn am Ende geht es nicht nur um Facebook – es geht um Vertrauen. In Informationen. In Demokratie. In die Frage, wem wir morgen noch glauben können.
Quellen- und Verweisliste
Reset.Tech Report (April 2025)
- Titel: „3,8 Millionen Fake-Seiten: Wie Facebooks Schweigen uns alle betrifft“
- Inhalt: Detaillierte Analyse über inaktive Facebook-Seiten, die für Desinformations- und Betrugskampagnen genutzt werden.
- Link: Reset Tech Australia
Vertiefende Artikel auf Mimikama.org:
Facebooks Verantwortung & Fake-Werbung
Doppelgänger-Kampagne & russische Desinformation
- Doppelgänger-Kampagne: AEZA-CEO verhaftet
- Verhaftungen im Kontext der Doppelgänger-Kampagne
- Du liest russische Lügen – jeden Tag!
- Russische Spionage, Sabotage und Desinformation
- Putins Schattenarmee in Europa – Faktencheck
- Russische Doppelgänger-Kampagne gegen Parteien
- Die Strategie hinter der Doppelgänger-Kampagne
- Desinformationskampagne Doppelgänger – erklärt
- Russische Propaganda-Kampagne eingeschränkt – aber nicht gestoppt
- Doppelgänger-Operation aufgeflogen
- Wie russische Fake-News uns alle täuschen
- Russische Desinformation zur Bundestagswahl 2025
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