Faktencheck

„Alkohol“ bedeutet nicht „körper-essender Geist“ – Ihr seid nicht besessen, wenn ihr betrunken seid!

Das Wort „Alkohol“ soll von dem arabischen Wort Al-Khul stammen, was auf Deutsch „körper-essender Geist“ bedeute – wenn man betrunken ist, sei man also von einem (bösen) Geist besessen. Glauben Esoteriker. Doch das stimmt nicht wirklich.

Ralf Nowotny,

Die Behauptung

Das Wort „Alkohol“ soll von dem arabischen Wort Al-Khul stammen, was auf Deutsch „körper-essender Geist“ bedeute.

Unser Fazit

Der Begriff „Spirituosen“ in Bezug auf Alkohol wurde schon vor dem arabischen Begriff verwendet, das Wort selbst entstand dann wahrscheinlich aus einer Mischung der Wörter „al-Koh’l“ und „al-ghawl“, was bei der Rückverfolgung des Ursprungs von Wörtern oder Sätzen nicht ungewöhnlich ist. Fest steht aber, dass es nicht von „körper-essender Geist“ kommt und der Begriff „Spirituosen“ auch nicht darauf hindeutet.

Warum wir beim Trinken von Alkohol betrunken werden, ist hinlänglich bekannt: Das Ethanol wirkt sich im Gehirn auf den Botenstoffwechsel aus, hemmt die Signalverarbeitung, verändert dadurch die Wahrnehmung und das Verhalten, führt bei höheren Mengen zu Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit bis hin zur Ohnmacht.
Die spirituelle Erklärung ist jedoch viel aufregender: Bei einem „Filmriß“ wird man in Wirklichkeit von einem Geist besessen, und dies werde durch die Medien und die Regierung gesteuert! Wusstet ihr auch nicht, oder?

Alkohol, du böser Geist!

Dieser längere Text purzelte mir in die Facebook-Timeline:

Alkohol-Wirkung, mal anders erklärt
Alkohol-Wirkung, mal anders erklärt, Quelle: Facebook

Hier die wichtigsten Passagen:

„Auch stammt das Wort Alkohol vom arabischen Begriff Al-khul, was -KÖRPER-ESSENDER GEIST- bedeutet (auch der Ursprung des Begriffs Ghul). In der Alchemie wird Alkohol verwendet, um die Seelenessenz eines Wesens zu extrahieren.

Durch den Konsum von Alkohol im Körper extrahiert er tatsächlich die eigentliche Essenz der Seele, wodurch der Körper empfänglicher für benachbarte Wesenheiten wird, von denen die meisten niedrige Frequenzen haben.

Warum, denkt Ihr, nennen wir bestimmte alkoholische Getränke SPIRITUOSEN.
Aus diesem Grund werden Menschen, die übermäßig viel Alkohol konsumieren, oft ohnmächtig und können sich nicht erinnern, was passiert ist.
Dies geschieht, wenn die gute Seele (mit der wir hierher geschickt wurden) geht, weil die Lebensbedingungen zu verschmutzt und zu traumatisch sind, um sie zu ertragen.

Ist euch bewusst, dass wir bereits in einem uralten religiösen Kult leben, der in Bezug auf die dunklen Mächte des Alkohols geschult ist?
Es ist dieser Kult, der Alkohol durch die Medien und die Regierung, die er kontrolliert, populär macht, um einer sehr alten und dunklen Agenda zu dienen.

Wir werden sogar als Nahrungsenergie für dunkle Geister verwendet, die außerhalb der Frequenz des sichtbaren Sehens leben.“

Kurz gefasst: Die Medien und die Regierung, die von einem uralten, religiösen Kult kontrolliert werden, reden uns ein, dass wir Alkohol trinken müssen (eigentlich wird eher davor gewarnt, aber okay), damit wir von dunklen Geistern besessen werden. Warum auch immer.

Alkohol = Spirituose = Spirit = körper-essender Geist?

Der wahre Ursprung des Begriffs „Spirituose“ mag zwar ein Rätsel sein, aber eines ist sicher: Der Ausdruck reicht weit in die Geschichte zurück. Viele glauben, dass der Begriff bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht. Andere behaupten, dass das Wort „Alkohol“ aus dem Nahen Osten stammt. Der Begriff bestand aus der Vorsilbe „al“, die zweifellos arabisch ist, aber es ist umstritten, ob der vollständige Begriff „al-Koh’l“ oder „al-ghawl“ lautete.

Was für „al-ghawl“ spricht:
Im Arabischen bedeutet das Wort „Geist“. Das Wort findet sich im Koran, Sure 37, Vers 47 und wird als Ghoul beschrieben, der Menschen berauscht oder verwirrt.

Was für „al-Koh’l“ spricht:
Über diese Erklärung sind sich alle Quellen einig, dass sie die Wahrscheinlichere ist, auch wenn sie ungewöhnlich klingt: Die Grundlage des Wortes ist antiker Eyeliner!

Zur Herstellung von Eyeliner wurde in der Antike eine sehr feine, pulverförmige Substanz verwendet, die als Stibnit bekannt ist. Stibnit ist eine schwarze mineralische Substanz und war der Hauptbestandteil des antiken Eyeliners namens „al-Koh’l“, was auf Arabisch „malen“ bedeutet.

Und jetzt kommt die Herleitung: Das Produkt selbst wurde durch eine alte Form der Sublimation hergestellt. Der Prozess ähnelte dem, was wir heute Destillation nennen. Viele gehen davon aus, dass der Begriff zu einer allgemeineren Bezeichnung für jede destillierte Substanz wurde.

Später in der Geschichte wurde der Begriff „Alkohol“ immer häufiger speziell für Ethanol verwendet. Der „Geist“ der Substanz wurde während des Destillationsprozesses freigesetzt.

Natürlich ist es auch durchaus möglich, dass der Begriff aus der Verschmelzung beider, ähnlich klingender Wörter im Laufe der Zeit entstand, was bei der Rückverfolgung des Ursprungs von Wörtern oder Sätzen durchaus üblich ist.

„Spirituosen“ – Älter als „Alkohol“

Im Handbuch des Bartender-Online-Lehrgangs „BarSmarts Advanced“ der renommierten Alkoholkenner und Autoren Dale DeGrodd, David Wondrich und Paul Pacult gibt es sogar eine noch ältere Erklärung, der aber eher widersprochen wird: Demnach soll Aristoteles die Destillation von Spirituosen bereits 327 v. Chr. beschrieben haben: Er soll Alkohol „Spirituosen“ genannt haben, da er der Meinung war, dass man beim Trinken des Alkohols einen belebten „Geist“ zurückbehalten würde.

Manche führen den Begriff „Spirituosen“ auch auf die Bibel zurück: In der Apostelgeschichte, Kapitel 2 werden die Menschen mit dem Heiligen Geist erfüllt und beginnen, in fremden Sprachen zu reden. In Vers 13 heißt es dann „Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken“. Einfach ausgedrückt: Der Heilige Geist wird physisch mit der berauschenden Wirkung verglichen.

Wandern wir aber mal zurück in der Geschichte, fällt auf, dass der Begriff „Spirituosen“ sehr häufig in der Zeit der Alchemie fällt: Während viele Alchimisten für ihre Suche nach Gold berühmt wurden, versuchten viele auch, Elixiere für medizinische Zwecke zu mischen. Um eine Medizin wirksamer zu machen, mischten sie eine Flüssigkeit, destillierten sie, sammelten die Dämpfe und verbesserten dann den „Geist“ (lat. spiritus) der ursprünglichen Mischung.

So wirklich klar ist also nicht, woher nun genau der Begriff „Spirituosen“ stammt, aber einige logische Schlussfolgerungen können wir ziehen. So werden Bier und Wein beispielsweise nicht als Spirituosen bezeichnet, da sie nicht destilliert werden, woraus man schließen kann, dass die Destillierung der Schlüssel ist, also die Erhaltung des „Geistes“ einer Flüssigkeit.

Fassen wir zusammen

Der Begriff „Spirituosen“ in Bezug auf Alkohol wurde schon vor dem arabischen Begriff verwendet, das Wort selbst entstand dann wahrscheinlich aus einer Mischung der Wörter „al-Koh’l“ und „al-ghawl“, was bei der Rückverfolgung des Ursprungs von Wörtern oder Sätzen nicht ungewöhnlich ist.

Fest steht aber, dass es nicht von „körper-essender Geist“ kommt und der Begriff „Spirituosen“ auch nicht darauf hindeutet.

Artikelbild: Pixabay

Weitere Quellen:

Gentlemen Ranters, Tinto Amorio, Science Friday
Auch interessant: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Aber wenn wir schon dabei sind: Für den Preis eines Porsche Taycan bekommt man auch ca. 200 neue Waschmaschinen.
Der Vergleich E-Porsche und Waschmaschinen hinkt gewaltig!



Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

  • Mit deiner Hilfe unterstützt du eine der wichtigsten unabhängigen Informationsquellen zum Thema Fake News und Verbraucherschutz im deutschsprachigen Raum. Ein unabhängiges und für jeden frei zugängliches Informationsmedium ist in Zeiten von Fake News, aber auch Message Control besonders wichtig. Wir sind seit 2011 bestrebt, allen Internetnutzern stets hochwertige Faktenchecks zu bieten.  Dies soll es auch langfristig bleiben. Dafür brauchen wir jetzt deine Unterstützung!

Mehr von Mimikama