Arabisch verpflichtend im Kindergärten? Faktencheck!

Autor: Ralf Nowotny

Arabisch verpflichtend im Kindergärten? Faktencheck!
Arabisch verpflichtend im Kindergärten? Faktencheck!

Das Foto eines Zeitungsausschnittes kursiert, darin wird behauptet, dass Kinder in Kitas verpflichtend Arabisch lernen müssen.

Demnach plane das Bundesland Sachsen deutsch-syrische Sprachprojekte für Kindergärten. Die Kosten sollen sich auf 17.000 Euro belaufen, die Teilnahme der Kinder sei Pflicht.

Um dieses Foto handelt es sich:

Die Behauptung über Kindergärten und Arabisch
Die Behauptung über Kindergärten und Arabisch

In jenem Beitrag, der auf Seite 8 in der Rubrik Vermischtes der „Blauen Post“ (eine Zeitung der AfD im Raum Bautzen), Ausgabe April 2020, erschien (danke an die Hinweisgeberin auf Twitter), stellt der Verfasser die Frage, ob nicht eher die syrischen Kinder Deutsch lernen sollten und dass der eigenen deutschen Kultur mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte.

Um zu verstehen, warum überhaupt jener Beitrag in einer Zeitung stand und welche Intention dahinter steckt, und auch, warum der Beitrag bewusst wichtige Faktoren auslässt, ist es wichtig zu wissen, wer den Beitrag verfasst hat.

Der Verfasser

Allgemein ist es eher unwichtig, wer der Verfasser eines Beitrages ist, denn schließlich zählt ja der Inhalt. In diesem, speziellen Fall ist dies jedoch unumgänglich, da der Verfasser dieses Zeitungs-Beitrags seine Argumentation auch auf politischer Ebene nutzte:

Der Beitrag der Zeitung auf Facebook
Der Beitrag der Zeitung auf Facebook, Quelle: Facebook

Der Beitrag in der Zeitung, welcher von „Toni Schneider, Stadtrat Hoyerswerda“ verfasst wurde, findet sich auch wortgleich als Facebook-Beitrag vom 25. Februar 2020 auf der Seite der AfD Hoyerswerda, darunter ein Wahlplakat der Partei mit Toni Schneider – der auch den Beitrag in jener Zeitung verfasste.

Worum es in Wirklichkeit geht

Die Partei vermittelt den Eindruck, als ob es nun Arabisch-Unterricht an Kindertagesstätten allgemein gäbe, wozu die Kinder auch noch gezwungen werden.
Einzig richtig ist daran eigentlich nur, dass die Teilnahme nicht freiwillig ist, also genauso ein „Zwang“ wie die Spielplatzstunde und die Schlafstunde ist.

Grundlage der Aufregung ist nämlich ein Projekt des Vereins Erzählraum e.V., der bereits seit 2016 in Ostsachsen aktiv ist.

Siebenmal im Jahr besucht der Verein für je eine Stunde zwei Kindertagesstätten in den Kreisen Görlitz und Bautzen. Dort werden Märchen und Lieder in verschiedenen Sprachen erzählt und gesungen, bisher u.a. in Tschechisch, Polnisch und Sorbisch. Dieses Jahr ist Arabisch dran.

Die Kinder sollen dadurch andere Sprachen nicht als „fremd“ wahrnehmen, was eher unsicher macht, sondern einfach als das, was es ist: eine andere Sprache. Auch Kinder mit Migrationshintergrund sollen sich dadurch integrierter und sicherer fühlen, wenn sie vertraute Laute hören.

Als irreführende Behauptungen über das Projekt erstmals im Februar und März 2020 kursierten (wir berichteten), zeigte sich der Verein Erzählraum e.V. entsetzt über die damalige, tendenziöse Berichterstattung. Auf der Vereinsseite, die derzeit neu gestaltet wird, fand sich damals dieses Statement (HIER noch im Internet Cache zu finden):

„Unser Projekt „ERZÄHLEN – Ein Schatz für die Zukunft“ verfolgt das Ziel, Geschichten, Märchen und Mythen bereits im frühen Kindesalter zu vermitteln. Wir lesen nicht vor, wir erzählen mit eigenen Worten und die Kinder dürfen miterzählen.

Kein Kind muss es, aber jedes Kind darf es. Deshalb erzählen wir in mehrsprachigen Gruppen mehrsprachig, so können sich alle Kinder beteiligen und die Sprache ihrer Freunde kennenlernen. Wir geben keinen Sprachunterricht, wollen aber die Mehrsprachigkeit des Kulturraums Oberlausitz-Niederschlesien fördern.

Dazu gehören unter anderem die deutsche, sorbische, polnische, tschechische, russische, englische, syrisch-arabische und viele andere Sprachen. In einer Zeit, in der sich die Zusammensetzung von Schulklassen und Wohngebieten zunehmend internationalisiert, können Märchen aus aller Welt Brücken zwischen den Kulturen schlagen.

Gemeinsames Erzählen fördert das Verständnis für einander. Scheinbar Fremdes wird besser verstanden, Ängste werden abgebaut. Solche Brücken wollen wir bauen, über die unsere Kinder in eine friedlichere und weltoffene Zukunft gehen können.“

Fazit

Kein Kind wird nun gezwungen, Arabisch zu lernen!
Es handelt sich einfach nur um ein mehrsprachiges Projekt eines engagierten Vereins mit Geschichten, Märchen, Mythen und Liedern in zwei Kindertagesstätten.

Doch alleine, dass im Jahr 2020 auch Arabisch in das Programm mit aufgenommen wurde, scheint für manche Leute bereits ein rotes Tuch zu sein – so rot, dass diese irreführenden Behauptungen über ein Jahr später wieder ausgegraben werden.

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