My Corona-Story: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“

Claudia Spiess, 8. Januar 2022
My Corona-Story: "Geimpfte gegen Ungeimpfte - DAS ist Brutalität."
My Corona-Story: "Geimpfte gegen Ungeimpfte - DAS ist Brutalität."

Menschen erzählen uns ihre Geschichte. Menschen senden uns ihre „My Corona-Story“ (sic!)


„Ham’S scho g‘hört, die Regierung schickt uns um 22 h ins Bett!“ ruft mir die empörte Nachbarin zu, als ich gerade mit meinem Einkaufssackerl1 in den 1. Stock hochschnaufe.

Dabei fuchtelt sie mit einer Ausgabe der „Heute“2, die eben diese Schlagzeile verkündet und – Achtung Sarkasmus! – bekannt ist für ihren Qualitätsjournalismus, vor meiner Nase herum. „Naaa, naaa, so schlimm is es nicht, im Wirtshaus hocken bis in die frühen Morgenstunden geht halt nicht, aber daheim dürfen’S aufbleiben, solange Sie wollen, sogar die ganze Nacht durchmachen, wenn’S möchten, da hat die Regierung gar nix dagegen“, versuche ich meine aufgebrachte Nachbarin zu beruhigen. Die Nachbarin fühlt sich von mir offenbar unverstanden, denn sie murmelt irgendwas Ungnädiges vor sich hin und verschwindet hinter ihrer Wohnungstür, immer noch mit der Zeitung wedelnd.
Das nächste Stiegenhaus-Drama lässt nicht lang auf sich warten. Der Nachbar von Tür 12 tut kund, dass er leider seine Karten fürs Neujahrskonzert stornieren musste. „Die Wiener Philharmoniker?“ frage ich nach, denn diese Art von Kulturbeflissenheit hätte ich ihm gar nicht zugetraut. „Die Fielhamooon…? Nein, das Neujahrskonzert von unserem Kirchenchor!“, antwortet er. Ich täusche tiefstes Bedauern vor, verabschiede mich höflich und verschwinde hinter meiner Wohnungstür.

„Im Jänner werden wir wieder eingesperrt, wirst schon sehen!“

Meine Bekannte K. ruft mich an, fuchsteufelswild und zornig – glücklicherweise nicht auf mich – und schimpft ins Telefon: „Jetzt hab ich mich dreimal impfen lassen und wofür? Dass wir erst wieder eingesperrt werden!“ Ich wundere mich und frage sie: „Wieso, ist doch eh alles offen, kannst überall hin, einkaufen, Essen gehen, Kaffee trinken gehen, usw usf.“. Meine Bekannte K: „Ja, aber im Jänner werden wir wieder eingesperrt, wirst schon sehen! Wir werden total entmündigt! Ist ja ärger, als besachwaltet zu werden!“.
Ich muss zugeben, ich verstehe ihre Aufregung nicht. Du meine Güte, ein paar wenige Wochen halt mal nicht im Wirtshaus oder Kaffeehaus sitzen können, die Shoppinggelüste etwas zu zügeln, kann doch nicht so schlimm sein, vor allem, weil sie es doch eh so hasst, durch unzählige, übervolle Geschäfte zu laufen, um sich am alljährlichen, weihnachtlichen Geschenke-Wettrennen zu beteiligen. Mit Entmündigung bzw Besachwaltet-Werden hat das wirklich nichts zu tun. „Und mit Urlaub ist dann auch wieder nix!“ erbost sie sich weiter. Dabei war sie erst vor fünf Monaten für zwei Wochen in Italien auf Urlaub. Hm…
Eine andere Bekannte möchte – wie jeden Winter – ihren üblichen Schiurlaub machen, ist aber total stinksauer, dass das ganze ohne Apres-Ski samt zünftiger Hüttengaudi stattfinden muss. Klar, Schifahren macht halt nur b’soffen3 so richtig Spaß.

„Ich möchte mein Leben wieder zurück!“

… und „Ich will endlich wieder leben!“ lese ich in vielen Kommentaren auf diversen Mailinglisten und zahlreichen Userforen angesichts des letzten Lockdowns, wo alle nichtlebensnotwendigen Geschäfte, die Gastronomie, Bars und Discos und anderes für gerade mal drei Wochen dichtmachte.
Ich verstehe das alles nicht. Bedeutet „Leben“ für viele Menschen wirklich nur saufen, kaufen und Party machen? Ist das Leben tatsächlich inhaltsleer und sinnlos, wenn Einkaufsstraßen, Wirtshäuser und Discos geschlossen sind?
In diversen Userforen lese ich immer häufiger Aussagen wie „Ich habe mich impfen lassen, ich habe mich für die Gesellschaft (oder auch: für andere) geopfert“ u.ä. Und das kommt mir irgendwie bekannt vor. Hat das nicht Jesus gesagt? „Ich bin für euch gestorben“ oder so ähnlich? Das klingt jetzt doch arg nach Märtyrertum und Heiligsprechung. Darüber muss ich jetzt erst mal nachdenken…

Wie funktioniert das eigentlich mit dem Märtyrertum und der Heiligsprechung?

Leider bin ich zu wenig Christin und muss da bei einer Freundin nachfragen, die in ihrem früheren Leben mal Theologie studiert hat und in der Bibel und „Kirchologie“ mindestens so sattelfest ist wie weiland Benno Berghammer und der Herr Prälat in „Der Bulle von Tölz“.
Sie erklärt mir: Das sogenannte „Martyrologium Romanum“ ist ein Verzeichnis, das alle Heiligen und Seligen der römisch-katholischen Kirche auflistet und den Tag ihres Todes, meist mit Angabe ihrer Lebensumstände und der Art ihres Martyriums erfasst. Beim Akt der Heiligsprechung (auch Kanonisation genannt) ist die Eintragung in dieses Verzeichnis der entscheidende Schritt:4 Ein Procedere, das unverzichtbar und unerlässlich ist für die anschließende Aufnahme in den Heiligenkalender, denn ohne Martyrium, das nichts anderes als Gefoltert-werden bedeutet, geht nämlich gar nichts: Wer nicht zu Tode gequält und gemartert wurde, hat weder im „Martyrologium Romanum“ noch im Heiligenkalender was verloren.
Das würde jetzt bedeuten – um der Logik jener User-Kommentare zu folgen – dass der kleine Pieks mit dem bisschen Aua als „Foltern“ und „Quälen“ verstanden wird. Das find ich jetzt doch – um es mal vorsichtig auszudrücken – ein wenig übertrieben.
In einem erzkatholischen und stockkonservativen Land wie Österreich kommt Märtyrertum natürlich gut, da kann sich jeder gleich mal zu Jesus oder einem anderen x-beliebigen Heiligen hochstilisieren. Den passenden Glorienschein dazu gibt es möglicherweise bei Amazon günstig zu erwerben.
Österreich hat ja leider einen eher unangenehmen Hang, sich selbsternannten Erlösern zuzuwenden. Unseren letzten Messias, den jugendlichen Alt-Kanzler Kurz, konnten wir mittlerweile glücklicherweise im Silicon Valley zwischenparken. Offenbar brauchen die dort gerade ein Kind. Mögen ihm weitere Lichtgestalten aus seiner „Familie“ folgen.

„Geimpfte gegen Ungeimpfte – DAS ist Brutalität.“

In den letzten Monaten hab ich das Wort „Solidarität“ so oft gelesen oder gehört wie noch nie in meinem ganzen Leben zuvor – und gleichzeitig so wenig davon erlebt. Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer, sich nicht impfen lassen wollen oder können – werden mit einem Ausmaß an Häme und Gehässigkeit seitens geimpfter Menschen überschüttet, dass es mir mittlerweile mehr als kalt den Rücken hinunterläuft. Gleichzeitig verlangen eben genau diese Menschen (die geimpften) von den Ungeimpften Solidarität. Das ist dann schon irgendwie schräg.
Wer ständig verlacht und als „Covidiot“, „Esoterik-Spinner“ oder gar als „rechtsradikal“ beschimpft wird, dessen Sorgen und Ängste nicht gehört, geschweige denn ernst genommen werden; wenn vorhandene und bescheinigte Allergien als lächerliche Mode-Erscheinung abgetan werden, wenn persönliche Schicksale zu lustigen Anekdoten verunglimpft werden, wie es z.B. der Fernsehdoktor Siegfried Meryn gerne macht, wird wohl kaum Solidarität für die Auslachenden aufbringen können – das wäre dann schon ein bissl arg viel verlangt.
„Simmering gegen Kapfenberg – DAS ist Brutalität“, der Satz des legendären österreichischen Kabarettisten Helmut Qualtinger, könnte heutzutage umgeschrieben werden in „Geimpfte gegen Ungeimpfte – DAS ist Brutalität.“ Das sprichwörtliche „goldene Wiener Herz“ scheint zu großen Teilen aus Spott und Hohn zu bestehen und erstreckt sich mittlerweile leider auch über andere Bundesländer.

Man möge den Ärzten vertrauen

Reichlich Spott und Schadenfreude im Netz gibt es vor allem für jene, die Ivermectin (ein Medikament, das gegen Milben, Läuse, Krätze u.ä. eingesetzt wird) eingenommen haben und daran fast oder tatsächlich verstorben sind. Nun, bei derartig infantil gehaltenen Werbekampagnen wie z.B. jene mit dem Babyelefanten, die da auf die Bevölkerung losgelassen wurden, wundert es mich eigentlich nicht, dass es dann auch wirklich Leute gibt, die jeden Schmarrn5 glauben.
Diejenigen, die Ivermectin genommen haben, in dem Glauben, es bewahre oder heile sie von einer Infektion mit Covid, haben im Grunde nur das getan, was uns doch seit jeher gepredigt wird: Man möge den Ärzten vertrauen (die haben schließlich jahrelang Medizin studiert) und sich von ihnen beraten lassen. Diese Menschen haben ihrem Arzt vertraut, wurden ganz offensichtlich jedoch sehr schlecht beraten.
Ivermectin ist schließlich nicht vom Himmel gefallen, sondern das Medikament wurde an Menschen verschrieben, die definitiv nicht an Krätze leiden. Die Rezepte dafür wurden von mindestens einem Arzt ausgestellt, vermutlich sogar von mehreren. Und Apotheken haben es verkauft. Bis die Lager in ganz Oberösterreich und halb Salzburg leer gekauft waren (und eifrig nachbestellt werden musste). Niemand hat sich gewundert, niemand fand das seltsam.

Ich lebe seit knapp zwanzig Jahren de facto in einem Dauer-Lockdown

Mir persönlich fallen ja ungefähr tausend andere Dinge ein, die mich ärgern, stören oder meine Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Stornierte Kirchenchor-Tickets, fehlender Hüttenzauber, Verzicht auf den sommerlichen Badeurlaub oder frühe Sperrstunden gehören da definitiv nicht dazu.
Viel belastender ist es für mich, dass ich heuer meine Wohnung nicht heizen kann, weil die Energiekosten vergangenen Herbst und Winter derartig explodiert sind und der günstigste Stromanbieter immer noch fast viermal so viel teurer ist wie der alte, der meinen Vertrag vor Ablauf der Preisgarantie gekündigt hat. Dank dem Klimawandel (welch Ironie!) hatten wir jetzt, Ende Dezember/ Anfang Jänner, einige Tage um die 16 Grad, so konnte ich meine Wohnung etwas aufwärmen, indem ich die Fenster öffnete: Draußen war es nämlich wärmer als drinnen.
Ich war seit ewig nicht mehr im Urlaub; Vergnügungen wie Kino, Theater, Gasthaus etc. sind mir schon lange nicht mehr möglich. Das Geld, das nach Abzug von Miete, Strom, Internet und Handy übrigbleibt, reicht gerade für Lebensmittel; Shopping-Exzesse sind sowieso völlig ausgeschlossen. Soziale Kontakte haben sich auf ein Minimum reduziert. So gesehen lebe ich seit knapp zwanzig Jahren de facto in einem Dauer-Lockdown.
Dass das nicht gut tut und psychischen Erkrankungen wie z.B. Depressionen Vorschub leistet, weiß ich daher nur allzu gut. Nur hat es halt nie wen interessiert. Da war nichts mit der vielbeschworenen Solidarität, die so gern eingefordert, aber selten geleistet wird.

Auf einmal ist es ein großes, gesellschaftliches Thema

Erst jetzt, als wegen der Pandemie auch wohlhabendere Menschen von einigen Einschränkungen betroffen sind – und das auch nur für einen vergleichsweise sehr kurzen Zeitraum – ist es auf einmal ein großes, gesellschaftliches Thema.
Anfangs haben mir diese Menschen und ihre vermeintlichen Nöte leidgetan. Wer einen gewissen, gehobenen Lebensstandard gewohnt ist, zwei-bis dreimal im Jahr Urlaub macht, dabei gern um die halbe Welt fliegt und auch ein Auto sein eigen nennt, regelmäßig in schicke Restaurants essen geht, sich jedes Monat neue Kleidung kauft, keine Existenzsorgen bekommt, wenn Waschmaschine oder Kühlschrank kaputt gehen, kommt mit Einschränkungen oder gar Verzicht nur sehr schlecht zurecht. Ich verstehe das.
Doch schön langsam verliere auch ich die Geduld und meine anfängliche Empathie schwindet immer mehr. Das ständige Raunzen und Sudern6 jener, die finanziell deutlich wohlhabender sind als ich, und die jetzt mal ab und zu auf ein wenig Komfort und Behaglichkeit verzichten müssen, finde ich mittlerweile schwer erträglich. Da geht mir ganz sprichwörtlich das (kürzlich erneut verabreichte) „G‘impfte“ auf!7

Ich vergleiche die Covid-Impfung gern mit einem löchrigen Regenschirm

Mich ärgert auch, dass viele Geimpfte sich derart in Sicherheit wiegen, dass dabei auf einfachste Vorsichts- und Hygienemaßnahmen verzichtet wird: Abstand halten, Pratzen8 waschen? Fehlanzeige!
Diese Leute haben offenbar immer noch nicht verstanden, dass die Lage wirklich ernst ist. Und dass sie immer noch andere anstecken können, wird offenbar verdrängt und scheinbar hat es sich auch immer noch nicht überall herumgesprochen, dass die Impfung nicht vor einer Infektion schützt, sondern lediglich vor einem schweren Verlauf.
Ich vergleiche die Covid-Impfung gern mit einem löchrigen Regenschirm – der schützt auch nicht vor Regen. Man wird halt nur ein bisserl weniger nass…
Meine beste Freundin, eine der wenigen, die mir in all den Jahren noch verblieben sind, ruft mich an. Vor einigen Jahren hatte sie mit massiven gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, wurde daraufhin auch arbeitsunfähig. Ihre Familie hat sich allerdings nie sonderlich dafür interessiert, geschweige denn sie – in welcher Art auch immer – unterstützt.
„Und jetzt plötzlich ruft mich mein Vater einmal die Woche an und fragt nach meinem Impfstatus!“, erzählt sie. „Und in den Weihnachtsfeiertagen haben sie sich in einem Lokal getroffen, zum Essen und Feiern, ich wurde dazu sogar eingeladen!“ „Und, bist hingegangen?“, frage ich. „Na, glaubst, ich setz mich mit Mutter, Vater, Schwestern und dem angeheirateten Zugehör in einen geheizten, ungelüfteten Raum, wo noch wer weiß wieviele andere sitzen, ohne Maske, und setz mich all den Virenschleudern aus? Bin ja ned wahnsinnig!“. „Gell, wenn man sich gegen „Familie“ impfen lassen könnt…!“ sag ich. „Ich tät mich heut noch boostern lassen!“, antwortet sie. Wir lachen beide.

Viele Menschen meinen, dass ihr Leben nicht lebenswert sei

Trotz so mancher Unbill finde ich dennoch, dass es mir gut geht. Ich kann mich zumindest einmal täglich satt essen, habe genügend Kleidung, ich mag die Wohnung, in der ich lebe und in meinem Land herrscht kein Krieg. Ich finde, das ist enorm viel wert! Und finde es sehr bedauerlich, dass so viele Menschen hier das so gar nicht sehen können und meinen, dass ihr Leben nicht lebenswert sei, wenn sie mal ein paar Wochen nicht shoppen, im Wirtshaus sitzen oder in die Disco dürfen.

Pest, Hunger, Krieg, Hexenprozesse – im Vergleich dazu sind wir heute echt gut dran

Vor kurzem habe ich einiges über den Dreißigjährigen Krieg gelesen, der 1618 begann. Die damaligen Menschen hatten deutlich mehr durchzustehen und auszuhalten als wir in der jetzigen Pandemie. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde das Klima deutlich kühler, es begann die kleine Eiszeit, das Wetter schlug immer wieder Kapriolen: Gewitter, Hagel, Hochwasser, Stürme und Missernten waren die Folge. Bereits im Jahr 1600 fiel im April in Bayern tiefer Schnee, wodurch das angebaute Getreide, Obst und Wein litten; Hagelschlag und Überschwemmungen brachten vielfach Schaden. Die nasskalte Witterung ließ das Getreide verderben und förderte das Wachstum von Mutterkorn auf den Getreidehalmen9,10.
1628 dürfte es besonders schlimm gewesen sein: Im Frühjahr und Sommer war es richtig grimmig kalt, so gedieh mangels ausreichender Wärme nur weniges von der Aussaat und das bisschen verbliebene Getreide wurde – bevor es rechtzeitig eingebracht werden konnte – durch Regen und Hagel zerstört. All dies rief Hungersnöte unter der Bevölkerung hervor.11
Die Pest wütete ebenfalls, auch die Hexenprozesse waren noch in vollem Gang, die Scheiterhaufen loderten. 1632 war immer noch Krieg. Die schwedischen Soldaten rückten plündernd, vergewaltigend und mordend vor.
1648 kehrte endlich Frieden ein, der mühsam errungene Westfälische Friede beendete den dreißig Jahre lang andauernden Krieg, der als Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten begonnen hatte, mit den Jahren aber zu einem Krieg um die territorialen Machtverhältnisse in Europa mutierte. Das kostete immens viele Opfer: 33% Prozent der Stadtbevölkerung und ca. 40% der Landbevölkerung waren allein im damaligen Deutschen Reich durch Krieg, Hunger und Pest ums Leben gekommen.12
Pest, Hunger, Krieg, Hexenprozesse – im Vergleich dazu sind wir heute echt gut dran. Hier in Österreich und Deutschland leben wir in einer exklusiven Wohlstandsgesellschaft, das haben viele vergessen. Gar nicht allzu weit entfernt von uns hungern und erfrieren Menschen (z.B. an der Grenze zu Belarus). Und auch hier gibt es viele, die obdachlos sind, nicht genügend zu Essen haben, außer einem Schlafsack (wenn überhaupt) nichts ihr eigen nennen können und den Winter im Freien überleben (oder eben auch nicht).
Angesichts dieser Tatsachen kommen mir die Klagen über stornierte Badeurlaube, fehlender Hüttengaudi oder anderer „Entbehrungen“ reichlich überzogen vor.

Ich plädiere für mehr Herz und Hirn im Umgang mit der Pandemie

Im Internet finde ich ein Interview13 mit dem deutschen Virologen Christian Drosten, er sagt da etwas, was ich sehr interessant finde und mich nachdenklich stimmt: „Viren haben wichtige regulative Funktionen in Ökosystemen wie in tierischen Ökosystemen oder im Meer. Raubtiere werden beispielsweise häufig von Viren befallen, wenn die Population ihrer Beute eine Pause braucht. Die Raubtiere werden durch die Viren träge, die Beute kann sich erholen.“ Was das wohl bedeutet, wenn wir diese Erkenntnis auf unsere Gesellschaft übertragen?
Anstatt der so oft geforderten Solidarität plädiere ich für mehr Herz und Hirn im Umgang mit der Pandemie, das wünsche ich mir von allen: Geimpften wie Ungeimpften (anderes scheint es ja nimmer zu geben). Ich wünsche mir, dass sowohl persönliche Befindlichkeiten wie auch privater Egoismus („ich will endlich wieder reisen, um die Welt fliegen, schifahren, shoppen, Party machen und mich auch sonstigen anderen Ansteckungs-Touren hingeben!“) – zumindest mal vorübergehend – eine Pause machen.
Wir haben erfahren, dass Lockdowns nützlich sind, um das Ansteigen weiterer Infektionen zumindest halbwegs im Zaum zu halten, auch wenn wir das nicht gern hören wollen. Das erfordert zugegebenermaßen etwas Disziplin: Ein altmodisches Wort und ein altmodischer Wert, ich weiß. „Old school“ eben.

„Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

So, und nun grüble ich über eine schöne, richtig reißerische Überschrift für diesen Artikel nach, ganz in der Clickbait-Manier, wie das heute so üblich ist. „Skandal-Enthüllung: Ein Impfdrängler packt aus!“ finde ich schon ganz schick, trifft aber leider den Inhalt nicht. Mein persönlicher Favorit „Babyelefant hat mein Leben zerstört!“ teilt ärgerlicherweise dasselbe Schicksal. Hm, ich glaube, ich bleibe bei dem Zitat von Astrid Lindgren: „Die Menschheit hat den Verstand verloren.“ Ja, das passt.
Oder um es mal mit Karl Valentin bzw. Liesl Karlstadt zu sagen: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“ Die negative Seite kennen wir schon, die positive könnte sein, dass wir drauf kommen, dass ein Leben auch ohne saufen, kaufen und Party machen schön und erfüllend sein kann, und die komische könnte sein: Omikron fährt offenbar gern Schi.


1 Sackerl = Tüte
2 Die „Heute“ ist eine Gratis-Zeitung in Wien, die in den U-Bahnen aufliegt
3 betrunken
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Martyrologium , abgerufen am 24.08.2021
5 Schmarrn = Unsinn
6 „Jammern“ und „klagen“ auf bundesdeutsch.
7 „Da platzt mir der Kragen“ auf bundesdeutsch.
8 Pratzen = Hände
9 https://altevolkstrachten.de/pest-1600/ , abgerufen am 04.01.2022
10 Der Mutterkornpilz produziert Alkaloide und ist daher toxisch. Seine Inhaltsstoffe lösen Wehen aus, deshalb verwendeten Frauen diesen Pilz auch für Abtreibungen, was sehr gefährlich war und für viele Frauen tödlich endete.
11 Panzer, Marita A.; Plößl, Elisabeth: Bavarias Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten. Regensburg, 1997, S.15
12 Ebenda
13 https://www.welt.de/vermischtes/article163534406/Warum-ein-Virus-nie-die-ganze-Menschheit-ausloescht.html , abgerufen am 30.12.2021


Wenn auch du uns deine Corona-Story senden möchtest, dann kannst du diese gerne tun. Lass andere Menschen daran teilhaben. Sende uns bitte dazu eine E-Mail an [email protected] Schreibe uns auch bitte dazu, ob wir deinen Namen veröffentlichen sollen oder nicht.


Weitere Storys findet man hier vor: https://www.mimikama.org/category/mycoronastory/


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
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