Die Behauptung

Angeblich sei ein Draht an einer Autotür eine Masche von Entführern und Menschenhändlern, um die Besitzerin oder den Besitzer eines Wagens abzulenken.

Unser Fazit

In dem viralen Video sieht man keinen Draht, sondern ein Geschenkbändchen an der Autotür. Seit Jahren kursiert die Behauptung, doch es gibt keinen einzigen Polizeibericht oder Warnungen vor dieser Masche. Es handelt sich rein um eine urbane Legende.

Entführungsmaschen existieren, daran gibt es einen Zweifel. Eine bestimmte Methode wird jedoch schon seit Jahren als Methode beschrieben, dabei gibt es nur ein einziges Ursprungsvideo, in dem dies erstmals behauptet wurde: Ein an einem fremden Auto entdeckten Draht an der Autotür soll eine Masche von Entführern sein. Eine Bestätigung dieser Masche findet sich jedoch nirgendwo.

Die Behauptung

Bereits seit 2018 kursiert die Behauptung über jene Kidnapper-Masche, damals noch mit Kabelbindern an den Autotüren. Seit Januar 2021 sollen es nun Drähte sein, die sich an den Autos potenzieller Entführungsopfer befinden sollen, wie in einem weit verbreiteten TikTok-Video behauptet wird, welches beispielsweise aktuell HIER als Grundlage eines Artikel genommen wird.

Um dieses TikTok-Video handelt es sich:

@ice.lemon.water We thought it was a joke at first until we found the second one 😳 #fyp #foryou #foryoupage #scary #viral #trending #BoseAllOut ♬ Scary – Background Sounds

In dem Video werden zwei Autos gezeigt, an deren Türgriffen Kabel befestigt sind. Eine weibliche Computerstimme sagt dazu: „WTF Ist das ein Witz? Hoffentlich wird da niemand entführt. Wir haben einen zweiten gefunden. Ich hau von hier ab.

Mehrere Nutzer erklären in den Kommentaren auch, wie die Masche funktionieren soll: Demnach sei der Draht als Ablenkung gedacht. Während die Besitzerin oder der Besitzer des Autos versucht, den Draht zu entfernen, könnten sich Entführer anschleichen und die Person oder wahlweise auch die Kinder entführen.

Ein genauer Blick auf den „Draht“

Die Nutzerin entdeckte also auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums mindestens ein Auto, an dessen Tür scheinbar ein Draht befestigt war und schließt daraus, dass es sich um eine Entführungsmasche handelt, über die es schon 2018 Gerüchte gab (keine Sorge, dazu kommen wir noch).

Doch schauen wir uns den Draht in dem Video doch einfach mal genauer an:

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Der "Draht" ist ein Bändchen
Der „Draht“ ist ein Bändchen

Nur sehr kurz zoomt die Erstellerin des Videos an den vermeintlichen „Draht“ heran. In der Vergrößerung ist aber sehr gut erkennbar, dass es sich nur um glänzendes Geschenkband handelt, welches nicht einmal langwierig auseinandergedröselt werden muss, sondern mit einem festen Ruck vom Griff entfernt werden kann.

Die Wahrscheinlichkeit ist da größer, dass daran ein Luftballon befestigt war, wie es beispielsweise bei Autos gemacht wird, die als Korso hinter dem Auto des Brautpaars bei einer Hochzeit hinterherfahren.

Schon 2018 existierte die Behauptung, die Polizei dementierte

Nun wissen wir schon mal, dass die in dem aktuell wieder geteilten TikTok-Video gezeigten „Drähte“ an Autotüren in Wirklichkeit Geschenkbänder sind, somit nicht einmal den angeblichen Zweck erfüllen würden, die Besitzerin oder den Besitzer des Autos lange genug abzulenken. Doch frei erfunden hat die Erstellerin des Videos die Behauptung nicht, denn sie kursiert schon seit mindestens 2018.

Damals waren es aber keine Drähte, sondern Kabelbinder, die von Entführern angeblich an Autos befestigt wurden.

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Die Polizei in San Angelo bestätigte allerdings nicht, wie behauptet, dass diese Masche existiert, sondern widersprach der Behauptung nur einen Tag später (archiviert HIER):

„Das San Angelo Police Department hat keine Berichte über Menschenhandel, Entführungen oder versuchte Entführungen im Zusammenhang mit Menschenhandel erhalten, und wir haben auch keine Berichte darüber erhalten, dass schwarze Kabelbinder als Mittel zur Markierung eines Ziels irgendeiner Art von Verbrechen verwendet werden.

Darüber hinaus hat sich unsere Verwaltung an die Polizeibehörde der Angelo State University gewandt und deren Verwaltung hat bestätigt, dass sie keine derartigen Meldungen erhalten hat.

Bei der Untersuchung der gemeldeten Beiträge hat das Department bestätigt, dass eine der Frauen, die die ursprünglichen Beiträge verfasst hat, in Wirklichkeit nicht die Eigentümerin des Fahrzeugs war und dass die Frau die Behauptung online gesehen und das Foto und die Warnung kopiert und eingefügt hatte, um Frauen vor Menschenhandel zu warnen.“

Quelle: San Angelo Police

Auch damals kursierten nur sehr wenige Fotos von Kabelbindern an Autotüren oder an einem Rückspiegel, die aber von vielen Nutzern kopiert wurden.

Ergibt die Behauptung überhaupt Sinn?

Auf den ersten Blick erscheint es logisch: Die Besitzerin oder der Besitzer eines Autos sieht einen Draht an der Autotür und entfriemelt diesen erst einmal. In dieser Zeit ist er abgelenkt, ein Entführer kann sich unbemerkt anschleichen. Soweit klar, oder?

Aber warum sollte dann ein Entfüher statt dem Draht ein sehr einfach zu entfernendes Geschenkbändchen an die Tür knoten? Oder gegenteilig einen Kabelbinder, der nur mit einer Schere oder einem scharfen Messer zu entfernen ist, was üblicherweise niemand mit sich trägt?

Die Drahtsache würde ja noch Sinn ergeben, wenn die Drähte beispielsweise am Abend befestigt werden, wenn das Auto in einer einsamen Gegend steht und Besitzerin oder Besitzer des Autos dort dann alleine und ungesehen an dem Draht rumfriemeln müsste – wenn überhaupt, denn die Chance ist ja auch groß, dass der Draht dann gar nicht gesehen wird oder es Besitzerin oder Besitzer des Autos egal ist – dann haben die Entführer ganz umsonst Stunden gewartet. Und dann aber noch mitten am Tag auf dem Parkplatz eines Einkaufscenters?

Wie man es also dreht und wendet: Die Methode ist zwar theoretisch möglich, aber auch ziemlich unsinnig.

Fazit

Im Endeffekt haben wir also nur sehr wenige Videos und Fotos, die einen Draht (der eigentlich ein Geschenkbändchen ist) oder einen Kabelbinder an Autotüren oder einem Rückspiegel zeigen. Zudem finden sich keine Polizeimeldungen oder -Warnungen darüber, dass diese Masche je von Entführern oder Menschenhändlern durchgeführt wurde.

Die Behauptung ist somit als urbane Legende einzuordnen.

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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.