Die Behauptung

„Die Kapazität der deutschen Speicher ist ca. 250 TWh [Terawattstunden, d. Red.]. 90 Prozent davon sind 225 TWh. Von Okt 20 bis März 21 wurden 632 TWh verbraucht. Die Füllung der Gasspeicher reicht also bis circa Weihnachten.“

Unser Fazit

Bis zum 1. November 2022 müssen die Gasspeicher gesetzlich zu 95 % gefüllt sein. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch würde diese Menge bis Anfang Januar 2023 ausreichen. Was bei der Behauptung jedoch nicht mitbedacht wurde ist, dass Deutschland auch im Winter weiter Gas importiert.

Dabei werden allerdings wichtige Fakten nicht berücksichtigt: Die gesetzlich vorgeschriebenen Speichervorräte und die Tatsache, dass es auch im Winter möglich ist, weiterhin Gas zu importieren. Wie lange reicht das Gas nun also aus?

Behauptungen zur Gasspeicherkapazität

Unter einigen Behauptungen im Netz, konnte man auch eine auf Twitter ausfindig machen, in der ein Nutzer am 30.09.2022 schreibt, dass die deutschen Gasreicher zwar gut gefüllt seien, die Kapazität aber nicht ausreicht, um über den kompletten Winter Deutschland mit Gas zu versorgen:

Screenshot: Twitter zu "Die Füllung der Gasspeicher reicht also bis circa Weihnachten.“"
Screenshot: Twitter

„Die Kapazität der deutschen Speicher ist ca. 250 TWh [Terawattstunden, d. Red.]. 90 Prozent davon sind 225 TWh. Von Okt 20 bis März 21 wurden 632 TWh verbraucht. Die Füllung der Gasspeicher reicht also bis circa Weihnachten.“

Gesetzliche Speicherziele in Deutschland

Laut dem Energiewirtschaftsgesetz ist genau festgelegt, wie viel Gas in den deutschen Speichern enthalten sein muss. Die Speicherziele ab Paragraf 35, der mit „Füllstandsvorgaben für Gasspeicheranlagen und Gewährleistung der Versorgungssicherheit“ überschrieben ist, wurden Ende Juli dieses Jahres durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Kilmaschutz erhöht. Demnach mussten die Gasspeicher am 1. September zu 75 % gefüllt sein, am 1. Oktober zu 85 % und am 1. November zu 95 %. Laut aktuellen Daten der AGSI hat Deutschland diesen Wert Mitte Oktober bereits überschritten. Am 20.10. lag der Füllstand bei 96,49 %.

Dennoch ist es also erst sinnvoll eine Rechnung darüber anzustellen, wie lange das Gas ausreichen wird, wenn der erste November überschritten ist. Zum Zeitpunkt des Twitter-Posts Ende September konnte der Nutzer noch keine adäquate Berechnung durchführen, da die Gasspeicher im Laufe des Oktobers noch weiter befüllt wurden.

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Kontinuierlicher Gaseinkauf – Gas reicht länger als bis Weihnachten

Nach Berechnungen und Recherchen von Correctiv würde das Gas mit dem Erreichen des Speicherziels zum 1. November auch länger als nur bis Weihnachten ausreichen. Zu dem Thema äußerte sich Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck in der Bundespressekonferenz vom 12. Oktober ebenfalls mit der Aussage, dass Deutschland mit der gespeicherten Gasmenge in einem durchschnittlichen Winter für zweieinhalb Monate versorgt werden kann. Das wären ab dem 1. November, also etwa bis Mitte Januar.

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Außerdem muss beachtet werden, dass Deutschland kontinuierlich Gas einkauft und sich deshalb nicht ausschließlich auf die Speicherkapazitäten verlassen muss. Dadurch ist es möglich, dass die Ressourcen noch um ein bis zwei Monate länger anhalten werden. Aktuelle Kalkulationen verraten genaueres.

Aufruf zum Gassparen: Nicht die komplette Heizperiode 2033/2023 abgedeckt

Bei einem Füllstand von 95 % zum 1. November befinden sich in den deutschen Gastanks rund 233 Terawattstunden (TWh). Betrachtet man Daten aus den letzten Jahren, geht daraus hervor, dass im November durchschnittlich 3.483 und im Dezember 3.818 Gigawattstunden (GWh) verbraucht wurden. Hochgerechnet würde Deutschland also ungefähr 196.122 GWh bis Weihnachten verbrauchen und damit wären noch über 30 TWh in den Tanks.

Nach Daten der Bundesnetzagentur lag der Gasverbrauch von Mai bis September 2022 unter dem durchschnittlichen Verbrauch für die Jahre 2018 bis 2021. Sollte der Verbrauch auch weiterhin unter dem Durchschnitt liegen, könnte die gespeicherte Gasmenge dieses Jahr also noch länger reichen.

via Correctiv: Berechnung des Science Media Centers: verschiedene Szenarien für Deutschland von Oktober 2022 bis Mai 2023. Angenommen werden unterschiedlich kalte Winter und unterschiedlich hohe Importmengen von Gas (in TWh pro Tag). (Quelle: Science Media Center, Gasspeicherreport vom 30. September 2022)
via Correctiv: Berechnung des Science Media Centers: verschiedene Szenarien für Deutschland von Oktober 2022 bis Mai 2023. Angenommen werden unterschiedlich kalte Winter und unterschiedlich hohe Importmengen von Gas (in TWh pro Tag). (Quelle: Science Media Center, Gasspeicherreport vom 30. September 2022)

In der Grafik ist jedoch auch zu erkennen, dass ein durchschnittlicher Verbrauch wie in den Jahren 2018 – 2021 zu einem Gasmangel zum Ende der Heizperiode im Frühjahr 2023 führen würde. Auch die optimistischeren Szenarien deuten auf dieses Problem hin, wie das Science Media Center, welches die Grafik entwarf, erklärt: „Ohne Einsparung von Gas führen alle Szenarien im Laufe des Winters zu einer Gasmangellage, selbst die optimistischen.“

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Deswegen ruft die Bundesregierung aktuell dazu auf, Gas zu sparen, um ohne Gasmangel die Heizperiode zu überstehen: „Wir müssen dringend sparen, zusammen mit den vielen anderen Maßnahmen, die wir getroffen haben, kann das helfen, im Winter eine Gasmangellage zu verhindern, die dann alle hier in Deutschland betreffen würde“, so schreibt Susanne Ungrad, die Pressesprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz an Correctiv.

Zusätzliche Maßnahme: Ausweitung des Gasimportes über den Winter

Bei dem Beitrag und der Behauptung auf Twitter wurde außer Acht gelassen, dass Deutschland auch über den Winter weiterhin Gas geliefert bekommt.

Habeck erwähnt dazu in der Pressekonferenz ebenfalls, dass Deutschland zum Jahreswechsel seine Flüssiggasterminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven in Betrieb nehmen und so zusätzliche Kapazitäten für den Gasimport schaffen werde. Auch die „niederländischen Kapazitäten“ sollten ausgeweitet werden.

Ein Großteil des Gases wird seitens Deutschland, momentan aus Norwegen und den Niederlanden bezogen. Des Weiteren gibt es laut einem Bericht der FAZ ein sogenanntes Solidaritätsabkommen mit Frankreich. Es geht dabei darum, dass Deutschland versprochen hat, mehr Strom in das Land Frankreich zu exportieren, da dort viele Atomreaktoren gewartet werden. Im Gegenzug soll Deutschland Gas erhalten.

Susanne Ungrad informiert darüber, dass Deutschland zudem aktuell schon Flüssiggas aus den Anladepunkten im niederländischen Rotterdam und dem französischen Dünkirchen bezieht.

Täglich wurden im Oktober bislang laut Bundesnetzagentur zwischen 3.100 und 3.500 GWh importiert. Aus welchen Ländern Deutschland im Winter wie viel Gas beziehen wird, ist aber noch unklar.

Fazit

Bis zum 1. November 2022 müssen die Gasspeicher gesetzlich zu 95 % gefüllt sein. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch würde diese Menge bis Anfang Januar 2023 ausreichen. Was bei der Behauptung jedoch nicht mitbedacht wurde ist, dass Deutschland auch im Winter weiter Gas importiert.

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Autor: Nick L.

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Hinweise: 1) Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.
2) Einzelne Beiträge entstanden durch den Einsatz von maschineller Hilfe und wurde vor der Publikation gewissenhaft von der Mimikama-Redaktion kontrolliert. (Begründung)