Die Fussel und Fädchen auf den Wattestäbchen

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Autor: Ralf Nowotny

Die Fussel und Fädchen auf den Wattestäbchen
Die Fussel und Fädchen auf den Wattestäbchen, Artikelbild: YouTube-Video

Schön, wenn Menschen im Shutdown die Wissenschaft für sich entdecken. Blöd, wenn der Blick durch das Mikroskop aber Fädchen als Lebewesen interpretiert.

Eine wichtige Grundlage bei wissenschaftlichen Experimenten: Nicht zielorientiert experimentieren. Einfaches Beispiel: Ein Experiment sollte nicht lauten „Ich will beweisen, dass die Erde flach ist“, sondern „Ich will überprüfen, ob die Erde rund, flach, eiförmig, ein Donut oder sonst was ist“.

Derzeit aber sehen wir in vielen Videos und Fotos exakt ein Vorgehen, wie es nicht sein sollte: Menschen entdecken Fädchen auf einem Wattestäbchen und sehen damit ihre Erwartung erfüllt: Da befindet sich etwas, was nicht sein sollte, unter Umständen bewegt es sich sogar auch! Ganz klar, das muss ein Lebewesen sein, vielleicht sogar ein „Morgellon“ – Beweis erbracht, dass man uns mit Wattestäbchen töten will!

Die kämpfenden Silberfädchen

Ein sehr verbreitetes Video zeigt, wie eine Frau ein Teststäbchen von einem COVID-19 Test mit einer Pinzette auseinander zupft. Sie erkennt, dass das Wattestäbchen nicht komplett aus Watte besteht, sondern sich silberne Fädchen darin befinden, die sich scheinbar bewegen und sogar gegeneinander zu kämpfen scheinen.

Hier ein Ausschnitt aus dem Video:

Die Teststäbchen stammen, wie man am Anfang des Videos auch gezeigt bekommt, aus einem FLOQSwab-Testkit. Schauen wir nun mal in die Anleitung dieses Tests (siehe HIER, PDF-Datei), erfahren wir, dass die Stäbchen nicht nur aus Baumwolle, sondern auch aus Polyester und Viskose (Fasern, die aus den Zellstoffen aus Buche, Eukalyptus oder Fichte hergestellt werden) bestehen. Beide Materialien glänzen silbrig.

Und diese Materialien bewegen sich in dem Video, scheinen sogar zu „kämpfen“, doch dafür gibt es mehrere Erklärungen: Kleinste Luftzüge, während die Frau spricht, Wärme und, was den „Kampf“ angeht: Elektrostatische Ladung!

Gerade Polyester ist eigentlich recht bekannt dafür, sich elektrostatisch aufzuladen (siehe HIER): Die Fäden kämpfen nicht etwa, sondern ziehen sich durch die elektrostatische Ladung gegenseitig an.

Ein anderes YouTube-Video (siehe HIER) in polnischer Sprache zeigt ebenfalls ein Fädchen unter dem Mikroskop, welches sich scheinbar auf ein anderes Objekt zubewegt, doch auch hier zeigt sich das Phänomen der elektrostatischen Ladung.
Ein Labor untersuchte diese Stäbchen ebenfalls genau unter deren Mikroskope (siehe HIER) und kam zu einem eindeutigen Ergebnis:

„Die Wahrheit ist jedoch, dass ein frisch ausgepacktes Teststäbchen zum Abstrich der Nase nichts dergleichen enthält. Antigentests auf Basis eines Nasenabstrichs sind im Gegensatz zu den Problemen, die das Coronavirus verursacht, sicherlich kein Grund zur Sorge.“

Ein kleines Elektrostatik-Experiment

Wir sind uns sicher, dass dieses Experiment jeder schon einmal gemacht hat:
Blast einen Luftballon auf und reibt ihn an eurem Kopf!

Wir setzen einfach mal voraus, dass ein Großteil von euch Haare hat. Dann werdet ihr feststellen, dass die Haare sich augenscheinlich wie von selbst zu dem Luftballon hinbewegen. Das wird durch die elektrostatische Ladung zwischen dem Luftballon und euren Haaren bewirkt.

Deswegen sind eure Haare aber keine eigenständigen Lebewesen, die unbedingt mit dem Luftballon kuscheln wollen! Es ist einfach nur Physik.

Und exakt diese Physik sehen wir auch immer wieder in den Videos, wenn sich dort Fädchen scheinbar aufeinander oder ein anderes Objekt zubewegen: Elektrostatische Anziehung!

Die Fussel auf den Wattestäbchen und in Schutzmasken

Viele Hobby-Wissenschaftler legen nun Teststäbchen und Schutzmasken unter das Mikroskop und finden dort winzig kleine Fussel, die sich manchmal sogar bewegen, wenn sie beispielsweise angehaucht oder Wasser ausgesetzt werden.

Und da haben wir schon ein Problem, was die „Lebensfähigkeit“ von Fusseln angeht:
Echte Lebewesen, besonders die mikroskopisch kleinen, sind eigentlich in ständiger Bewegung, sie zappeln und kreisen wie wild unter dem Mikroskop rum.

Und dann haben wir diese Fussel, die sich anscheinend nur begnügen, sich mal ein wenig zu bewegen, wenn sie mit Anhauchen (Luftzug + Wärme), mit Licht bestrahlen (Wärme) und Wasser animiert – und wenn man ein Fädchen, welches auch nur in wenig Wasser schwimmt, versucht anzustupsen, wird es sich auch scheinbar durch die Wasserverdrängung bewegen.

Denn exakt so verhalten sich Fussel und Fädchen: Sie verformen sich bei Wärme und bewegen sich bei kleinsten Luftzügen. Lebendig sind sie deshalb allerdings nicht!

Das Problem zumeist ist, dass die wenigsten ein steriles Labor zu Hause haben. Denn so reinlich ein Haushalt auch ist: Es wimmelt trotzdem in der Luft und auf Oberflächen von mikroskopisch kleinen Staubteilchen, Fusseln, abgestorbenen Hautfasern und Pflanzenfasern.

Laboranten, die sehr oft kleinste Dinge mikroskopieren müssen, kennen das Problem leidlich:
Da will man eine Probe in einem Wassertropfen untersuchen, schon schwimmt ein Fussel dazwischen, der da nichts verloren hat. Kleinste Bewegungen im Wasser bewirken bereits, dass er sich bewegt, doch deswegen lebt er nicht.

Wie soll man denn dann Fussel von Lebewesen unterscheiden?

Schaut man sich im Labor so ein Fädchen mit normaler Vergrößerung an, dann wird dort auch gerätselt: Mikrofaser, Staubteilchen, Pflanzenfaser oder vielleicht doch ein Kleinstlebewesen?

Das Geheimnis offenbart sich schnell, indem in Laboren die Objekte eingefärbt werden und mit starker Vergrößerung noch einmal untersucht werden. Denn dann erkennt man, wenn es denn ein Lebewesen ist oder war, auch die Dinge, die ein Lebewesen so hat: Mundöffnungen, Geschlechtsorgane, Innereien.

Der seit 20 Jahren praktizierende Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt in einem Video, wie er diese Fädchen, von denen manche glauben, dass sie Morgellons oder Morgellonen seien, untersucht  – und warum geglaubt wird, dass diese unter der Haut leben.

So zeigt Dr. Benecke mehrere Beispiele von Objekten, die unter einem normalen Mikroskop tatsächlich wie Lebewesen wirken, sich bei näherer Betrachtung aber beispielsweise als mikroskopisch kleine Pflanzenteile oder Kleidungsfasern entpuppen.

Was sollen Morgellons/Morgellonen überhaupt sein?

Dabei handelt es sich um eine psychiatrische Erkrankung, bei der Menschen glauben, dass sie von Fasern oder Parasiten, die sich unter der Haut befinden, befallen sind.  Besonders bei Hypochondern ist die Erkrankung häufig zu beobachten (siehe HIER und HIER).

Der Begriff wird sehr häufig in diversen Verschwörungsmythen verwendet, beispielsweise sollen sich jene Morgellonen auch in „Chemtrails“ befinden. Wie Dr. Benecke im obigen Video erklärt, kann man jene angeblichen Morgellonen auch selbst erzeugen, indem man sich einfach mal über die Haut reibt, nachdem man etwa zwei Tage lang nicht geduscht hat:
Dann sieht man plötzlich so etwas wie Würmer auf der Haut, dabei sind es nur zusammengerollte, abgestorbene Hautreste und Schmutz.

Macht das Selbstexperiment!

Habt ihr eine Schutzmaske, ein Teststäbchen und ein Mikroskop?
Dann schaut einfach selbst nach! Dr. Mark Benecke rief die Zuschauer seines Videos dazu auf, den Eigenversuch zu machen und zu schildern, was sie finden.
Ein Zuschauer folgte der Aufforderung und zeigt auch seine Ergebnisse:

Was anfangs tatsächlich wie ein Lebewesen aussah, entpuppte sich bei starker Vergrößerung als nichts anderes als eine Kunstfaser.

Ihr könnt auch einfach mal mit der Fusselrolle über die Kleidung gehen, eine Faser mit der Pinzette von der Bürste pflücken, auf ein Wattestäbchen legen, stark vergrößert mit dem Smartphone filmen und es leicht anhauchen: Voilà, ein selbst gebasteltes Kleinstlebewesen!

Fazit

Es gibt tatsächlich winzig kleine Lebewesen wie beispielsweise Fadenwürmer. Was es allerdings nicht gibt, sind „Morgellonen“, welche genetisch modifiziert (so der Verschwörungsmythos) in Wattestäbchen versteckt werden, um dann mittels Corona-Tests in den Körper geschleust zu werden.

Ganz abgesehen davon, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für „Morgellons“ gibt, so haben auch Labore und Biologen keine dieser selstamen Kleinstlebewesen auf Teststäbchen oder gar unter der Haut lebend finden können.

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Weitere Quellen: Reuters, The ObserversClaus Nehring, Medizin Heute, DocCheck
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