Faktencheck

Karl May: der beste Freund des „roten Mannes“?

Winnetou hatte seinen ersten Auftritt in der frühen Abenteuerzählung „Old Firehand“ von 1875. Die bald 150-jährige Romanfigur von Karl May ist noch immer für den einen oder anderen Aufreger verantwortlich.

Walter Feichtinger, 7. September 2022

Die Behauptung

Sioux-Häuptling Big Snake soll am Grab von Karl May gesagt haben: „Du großer toter Freund! Du hast unserem sterbenden Volk im Herzen der Jugend aller Nationen ein bleibendes Denkmal errichtet. Wir möchten Dir Totempfähle in jedem Indianerdorf aufstellen, denn nie hatte der rote Mann einen besseren Freund.“

Unser Fazit

Ja, diese Worte wurden so im Jahr 1928 in Englisch oder Lakota im Rahmen der so bezeichneten „Indianer-Huldigung“ ausgesprochen. Die Sioux standen unter Vertrag des Zirkus Sarrasani und wurden im selben Jahr für weitere Werbeauftritte engagiert. Daher ist zweifelhaft, ob die Worte von Herzen kamen.

Die aktuelle Debatte um den Kinofilm „Der junge Häuptling Winnetou“ ist um eine Facette reicher. Diese hatte begonnen, als der Ravensburger Verlag zwei Kinderbücher aus dem Programm genommen hatte. Der Vorwurf: Rassismus, klischeehafte Darstellung und Verharmlosung des Genozids an den amerikanischen Indigenen. Als Gegenreaktion kochten auf Social Media die Gemüter hoch: Cancel-Culture und Wokeismus wurden verteufelt und Verschwörungstheorien geschmiedet, warum denn die ARD keine Karl May-Filme mehr ausstrahlt. Wir haben über den Hintergrund und die folgenden Phantomdebatten berichtet.

Was aktuell insbesondere auf Twitter die Runde macht, ist ein Ereignis, das bereits 1928 stattgefunden hatte. Zur später als „Indianerhuldigung“ bezeichneten Veranstaltung reiste ein Häuptling der Sioux an und sprach am Grab von Karl May Worte der Ehrung, die wie folgt übersetzt wurden: „Du großer toter Freund! Du hast unserem sterbenden Volk im Herzen der Jugend aller Nationen ein bleibendes Denkmal errichtet. Wir möchten Dir Totempfähle in jedem Indianerdorf aufstellen. In jedem Wigwam sollte Dein Bild hängen, denn nie hat der rote Mann einen besseren Freund gehabt als Dich!“

Faktencheck abgeschlossen? Nicht ganz.

Wir wären nicht Mimikama, wenn wir uns nur mit diesen oberflächlichen Details zufriedengeben würden. Was steckt nun wirklich hinter diesem Ereignis? Wer waren eigentlich diese „Indianer“, die an der Huldigung am Grab in Radebeul bei Dresden erschienen waren?

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Rekonstruierte Stummfilmfragmente des Sächsischen Staatsarchivs

Die Geschichte hinter der Geschichte

Die Entdeckungen der Neuzeit nach Christoph Kolumbus weckten zwei Begehrlichkeiten: eine Gier nach den Schätzen der neu entdeckten Völker und ihrer Arbeitskraft sowie eine Neugier auf die fremden Länder, Tiere, Pflanzen und Kulturen. Ersteres führte zu jahrhundertelangen Gewaltbeziehungen zwischen Kolonialherren und Ausgebeuteten, zweiteres zu einer Reihe von weiteren Entdeckungsfahrten. Die Namen von Ferdinand Magellan, James Cook oder Alexander von Humboldt sind so in Erinnerung geblieben.

Die Menschen aus den neu erschlossenen Welten und ihre Kultur weckten die Neugier auch von den Zuhausegebliebenen. Diese mussten sich aber zunächst mit Kolonialberichten zufriedengeben – durchsetzt mit Missverständnissen und Vorurteilen. Bildende Kunst und Literatur entdeckten den „Edlen Wilden“, der in einem „Naturzustand“ lebe, als Projektionsfläche für sich. Aber auch einfache Leute waren begierig auf das exotisch Neue. Damit diese „für fünfzig Pfennig um die Welt“ reisen konnten, wurden nicht nur Tiere und Objekte aus den Kolonien gezeigt, sondern auch lebende Menschen im Rahmen sogenannter „Völkerschauen„.

Die ersten Indigenen aus Nordamerika brachte Carl Hagenbeck 1910 nach Deutschland, der in seinem Tierpark in Hamburg und in „authentischen Schauen“ Wildtiere mit großen Menschengruppen aus den Tierfanggebieten kombinierte. Bereits im Frühling 1913 folgte der Zirkus Sarrasani – damals noch größer und bekannter als der Zirkus Krone – diesem Beispiel. Er krönte seine Vorstellung mit „einer Gruppe authentischer Indianer aus dem Pine Ridge Indianerreservat in South Dakota, angeführt von dem alten Häuptling Edward Two-Two“, der bereits ein Jahr später verstarb.

Nach einer Weltreise kehrte der Zirkus Sarrasani 1927 mit neuem Programm nach Deutschland zurück; mit dabei: eine Reihe von „Völkerschaften“ wie einer weiteren Gruppe Indigener aus der Reservation der Pine Ridge Agency in South Dakota. Der Umzug zur Deutschlandpremiere in Berlin am 3. März 1927 wurde vom Sioux-Häuptling Susetscha Tanka (Große Schlange) angeführt. Die Idee zum Besuch von Heimstätte und Grab von Karl May stammte vom Hans Stosch-Sarrasani und Patty Frank, dem Leiter des Karl-May-Museums in Radebeul:

Es wird Sie sicher interessieren, daß meine Indianer die gleiche Begeisterung für die Werke Ihres Mannes empfinden, wie die deutsche Leserschaft und die übrige Welt. Die Rothäute haben den Wunsch geäußert, das Heim Ihres Mannes kennenzulernen, der ein so glühender und leidenschaftlicher Verehrer ihrer Rasse war. Voller Dankbarkeit wollen sie dem Grab des Mannes, der ihr temperamentvollster Bewunderer gewesen ist, huldigen.

Brief von Hans Stosch-Sarrasani an Klara May, 4. Dezember 1927

Die „Indianerhuldigung“ in Radebeul

Mimikama
CC BY-NC-SA @Karl-May-Museum gGmbH. (2022-01-13). Postkartenheft „Indianer-Huldigung in Radebeul“, Januar 1928; 12 Aufnahmen. abgerufen unter https://nat.museum-digital.de/object/1099396

Bereits in Dresden, als die Sioux vor dem Zirkusbau „Sarrasani“ mehrere Kraftwagen bestiegen, hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge angesammelt. Unterwegs wurde der Konvoi bejubelt. In Radebeul warteten Unzählige vor dem Friedhof Radebeul-Ost. Pressevertreter hatten sich bereits im Innern des abgesperrten Friedhofes postiert, darunter auch ein Reporter der New York Times: „American Indians honor Karl May“ – unter dieser Schlagzeile sollte die Zeitung tags darauf seinen Kabelbericht veröffentlichen.

Voran marschierte die argentinische Gaucho-Kapelle Sarrasanis, einen Choral anstimmend. Feierlich bewegte sich der Zug dem Grabmal Karl Mays zu. Unter den Gästen befanden sich der Dresdner Generalkonsul der Vereinigten Staaten, Arminius T. Haeberle, Zirkusdirektor Stosch-Sarrasani, Euchar Albrecht Schmid als Leiter des Karl-May-Verlages und Patty Frank.

„Wir stehen hier am Grabe eines Mannes, der der größte Freund der Indianer war“, begann Patty Frank seine Begrüßungsansprache auf Englisch. „All sein Denken, all sein Tun war das eines Indianers. In mehr als dreißig Büchern, die in der ganzen Welt verbreitet sind, erzählt er, wie er seine roten Freunde verehrt. Seine Haut war weiß, sein Gesicht war weiß, aber sein Herz war rot wie jenes der roten Männer.“

Unter Trommelschlag näherten sich einige Indianer der Gruft, stimmten ein Klagelied an und legten zwei Kränze nieder. Big Snake stellte sich auf die Stufen des Grabmals und hielt eine gestenreiche Rede in der Sprache der Lakota, die Mr. Shoultz übersetzte: „Du großer toter Freund! … Du hast unserem sterbenden Volk im Herzen der Jugend aller Nationen ein bleibendes Denkmal errichtet. Wir möchten Dir Totempfähle in jedem Indianerdorf aufstellen. In jedem Wigwam sollte Dein Bild hängen, denn nie hat der rote Mann einen besseren Freund gehabt als Dich!“

Vor der „Villa Bärenfett“ begrüßte Klara May auf Englisch ihre Gäste. Mit einem Tanz dankten es ihr die Indianer. Patty Frank zeigte ihnen die im Blockhaus angehäuften Schätze indianischer Kultur.

Auszug aus „Die Indianerhuldigung in Radebeul“ in Karl-May-Jahrbuch 1929

Kontext, Kritik und andere Blickwinkel auf das Ereignis

Der zitierte Blockbau „Villa Bärenfett„, das Wohnhaus von Patty Frank, und die Villa Shatterhand, das Wohnhaus von Karl und Klara May, beherbergen seit Dezember 1928 das örtliche Karl-May-Museum.

Die Begründung des Karl-May Museums geht zurück auf Karl Mays Frau Klara May, die das Museum „zu Ehren ihres Mannes“ und zu Präsentationszwecken seiner Werke gegründet hat. Der Artist und Sammler Patti Frank als Kurator erzählte den Besucher_innen am Lagerfeuer Geschichten und „zelebrierte die Cowboy und Wildwestkultur“. Schon im Gründungsjahr des Museums wurde eine „Indianer-Huldigung“ am Grab von Karl May inszeniert. Abgeordnete des Zirkus Sarasani machten eine Prozession und hielten vorgeschriebene Reden, die Karl May glorifizierten.

Robin Leipold, heutiger Direktor des Museums in Radebeul im Rahmen von (UN)SICHTBAR #4 Von der Kolonialausstellung zum Menschenzoo, nachzuhören auf Soundcloud

Die New York Times druckte am 18. Jänner 1928 einen kurzen Bericht über das Ereignis:

American Indians honor Karl May. Twenty Lay Wreath on Grave of German Writer of Wild West Stories.
Berlin, Jan. 17.

Headed by a band of music and followed by a large crowd of children and curios men and women, twenty American Indians attached to the Circus Sarrasani and wearing full war dress drove this afternoon to the village of Radebeul, near Dresden, in autos to deposit a wreath on the grave of Karl May, the most famous German writer of Wild West and travel stories, who died sixteen years ago.
The redskinned guests were greeted at the mausoleum by Dr. Schmid, publisher of May’s works and administrator of his estate, who recalled that just twenty years ago the late author at Buffalo laid flowers on the grave of the great Indian Chief Sagoyewatha.
Patty Frank, caretaker of a Wild West log-house near May’s villa ‘Shatterhand’, welcomed the guests from North Dakota in English and Indian speeches, closing with the Indian salute to the dead.
After a mourning chant accompanied by the beating of drums, Chief Zuzeca Tanka made a speech in Indian, extolling May’s friendship for the Indian race. The chief said the German writer was known to all American redmen, who would like to erect totem poles to his memory in every village, because his heart was red though his skin was white.
A reception by Mrs. May, the writer’s aged widow, and a luncheon for the Indian and other guests followed the ceremonies, which were attended by Consul General Haeberle as representative of the American Government.

New York Times,18. Jänner 1928

Über die „Indianerhuldigung“ schrieb auch Hans Reimann (Die Feuerzangenbowle) in seiner Autobiografie Mein blaues Wunder. Reimann war mit dem Ehepaar May befreundet und am 17. Jänner 1928 als Mitglied der „Kaffeetafel“ von Klara May eingeladen. Reimann behauptete, „dass sich die 22 Indianer bei dem Besuch des Indianermuseums betrunken hätten und von Sarassani durch kostümierte Weiße hätten ersetzt werden müssen.“

Dass es ausgerechnet Sioux waren, die Karl May ehrten, wunderte auch dessen Witwe, die während einer Amerikareise darüber sinnierte:

Die Siuox waren [in Karl Mays Geschichten] von jeher die Todfeinde der Apatschen, also auch Winnetous und Old Shatterhands. Und trotzdem! Hier scheint eine eigenartige Laune des Schicksals gewaltet zu haben. Nicht Apatschen sind es gewesen, auch nicht die mit ihnen befreundeten Navajos oder Schoschonen, die dem toten Freund der Indianer eine Huldigung an seinem Grab in Radebeul bereiteten, sondern frühere Feinde Old Shatterhands, Krieger der Sioux, jenes Stammes, als dessen Gegner Old Shatterhand noch im letzten der Werke Karl Mays auftreten mußte. (sic)

Klara May (1931): Mit Karl May durch Amerika. S.22f

Ein letztes, aber sehr wichtiges Detail: Susetscha Tanka und seine Leute waren beim Zirkus Sarrasani unter Vertrag. Ebenso wie eine Vielzahl weiterer damals als exotisch geltender Gruppen. Die nordamerikanischen Indigenen wurden 1927-28 für eine Reihe weiterer Auftritte gebucht. Der Wiener-Karl-Brief, Ausgabe 2-3/2013 zeigt u.a. Bilder von einem Auftritt auf dem Flughafen Dresden-Hellerau 1928.

Fazit

Der Sioux-Häuptling Big Snake hat die zitierten Worte 1928 so ausgesprochen. Er und seine Leute standen allerdings beim Zirkus Sarrasani unter Vertrag und traten nicht nur im Zirkus auf, sondern auch bei weiteren Werbeauftritten. Die Ehrung am Grab von Karl May wurde dabei vom Zirkusdirektor und dem späteren Leiter des Karl-May-Museums in Radebeul eingefädelt. Ein Zeitzeuge sprach von betrunkenen Sioux, die Witwe wunderte sich auch, dass ausgerechnet Vertreter der Todfeinde von Karl Mays Romanfiguren zur Ehrung erschienen. Wir können es heute nicht mehr wissen, aber es besteht doch ein berechtigter Zweifel, ob die kurze Rede des Häuptlings von Herzen kam. Die seltsame Wortwahl macht es nicht besser.

Lesetipp: aktuelles Interview mit Gonzo Flores, einem Nachfahren des legendären Apachen-Führers Geronimo

Quellen:
https://www.karl-may-wiki.de/
https://www.karl-may-museum.de/de/
https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/kmjb/karl-may-jahrbuch_1929.pdf (Karl May Jahrbuch 1929)
http://www.circopedia.org/Circus_Sarrasani
https://sachsen.museum-digital.de/object/37337 (Bilder der Huldigung als Postkarten)
https://www.weiterdenken.de/de/2017/03/15/unsichtbar-4-von-der-kolonialausstellung-zum-menschenzoo
https://www.nytimes.com/1928/01/18/archives/american-indians-honor-karl-may-twenty-lay-wreath-on-grave-of.html
https://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/rez-dreesbach-2005.htm

Beitragsbild: CC BY-NC-SA @Karl-May-Museum gGmbH. (2022-01-13). Postkartenheft „Indianer-Huldigung in Radebeul“, Januar 1928; 12 Aufnahmen. abgerufen unter https://nat.museum-digital.de/object/1099396

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