Das sind keine Veganer – Sie wollten sich von Licht ernähren!

Ralf Nowotny, 29. Oktober 2021
Das sind keine Veganer - Sie wollten sich von Licht ernähren!
Das sind keine Veganer - Sie wollten sich von Licht ernähren!

Ein kursierendes Bild zeigt angeblich vier Veganer, doch die Wahrheit ist viel extremer: Ihre Nahrung ist Licht, und eine Frau verstarb mittlerweile.

Das verbreitete Bild zeigt drei Frauen und ein Mann, schon seit längerer Zeit kursiert es auf diversen Seitigen mit mal mehr, mal weniger witzigen Memes und Sharepics. Mit dem verbreiteten Bild soll sich über Veganer lustig gemacht werden, doch die wahre Geschichte hinter den Menschen auf dem Foto ist so skurril wie erschreckend.

Um dieses Bild handelt es sich:

Nein, das sind keine Veganer
Nein, das sind keine Veganer

Über dem Foto der vier Personen steht „Ernähre dich Vegan, deine Ausstrahlung wird es dir danken“. Hätten die vier Personen sich tatsächlich im gesunden Maße vegan ernährt, wäre die Frau ganz links im Bild wahrscheinlich nicht gestorben, doch hauptsächlich ernährten sie sich angeblich nur durch Licht.

Wer sind die vier Personen?

Die vier Personen (Originalquelle des Fotos HIER), drei Frauen und ein Mann, stammen aus den Niederlanden. Es handelt sich um (von links nach rechts) Jeannette, Leonoor, Marthe und Erik. Jeannette und Leonoor waren Geschwister, Erik ist mit Leonoor verheiratet und zudem der Cousin von Marthes Mutter.

Jeannette ist am 8. Juni 2017 im Alter von 62 Jahren verstorben. Die Todesursache erregte Aufsehen in der niederländischen Presse, denn sie starb an Unterernährung.

Die Wohngemeinschaft, die nur von Licht lebt

Der Tod Jeannettes erregte nationales Aufsehen, da die Umstände ihres Todes skurril und erschreckend sind: Sie lebte mit Leonoor, Marthe und Erik in einer spirituellen Wohngemeinschaft in Utrecht, deren Ideal es ist, sich rein von Licht zu ernähren – also ohne jegliche Nahrung.

Leonoor, Marthe und Erik wurden zwar vorerst von der Polizei festgenommen, da die Staatsanwaltschaft sie der „unterlassenen Hilfeleistung für eine bedürftige Person“ verdächtigte, sie kamen jedoch einen Tag später wieder frei. Laut den Nachbarn sprach die Polizei von einem „natürlichen Tod unter verdächtigen Umständen“.

Seit 2014 war es das erklärte Ziel der Wohngemeinschaft, sich rein von Licht zu ernähren. Um ihre spirituelle Einstellung auch anderen zugänglich zu machen, stellten sie auch eine Webseite online (siehe HIER). Dort schildern sie, dass die Polizei von der Schilderung ihrer Lebensweise „beeindruckt gewesen sei“ und „nicht mehr belästigt werden würden“.

Ganz ohne Nahrung geht es dann aber doch nicht: Am Abend wurde Obst und Gemüse aus dem Garten gegessen und Säfte aus Brennnessel, Löwenzahn und Waldmeister getrunken. Davon aber abgesehen seien nach Ansicht der Wohngemeinschaft nur drei Dinge zum Leben notwendig: Luft, Licht und Liebe.

Was danach geschah

Im Oktober 2018 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Leonoor, Marthe und Erik ein. Es fanden sich keine Beweise, dass die Fürsorgepflicht verletzt oder Jeannette zu einer „Licht-Diät“ gezwungen wurde.

2019 zog Erik aus der Wohngemeinschaft aus, Leonoor und Marthe führen den Lebensstil weiter. Nach eigenen Angaben kommunizieren sie mit der verstorbenen Jeannette über Tonband-Aufnahmen. Zudem soll Jeannette sich mal als Schmetterling im Garten, mal als flackernde Lampe bemerkbar machen.

2020 faszinierte die Schriftstellerin Gerda Blees die Geschichte so sehr, dass sie ihren Debütroman „Wij zijn licht“ (Wir sind Licht) darüber schrieb.

„Ich glaube, sie wollten an etwas Höheres glauben und sich vom Gewöhnlichen, vom Irdischen befreien. Sie dachten, es sei geistig möglich, sich so zu entwickeln, dass man keine Nahrung mehr braucht. Es ist nicht so, dass sie gar nichts essen, aber sie streben danach, immer weniger zu essen“

so Gerda Blees. Auch in ihrem Roman spielt dieses Streben eine wichtige Rolle. Man muss spüren, wann man essen muss, aber die Norm in der Gruppe ist, dass man so wenig wie möglich isst – bis man schließlich gar nichts mehr essen muss.

„Breatharians“ – kein neues Phänomen

In den frühen 1920er-Jahren propagierte die katholische Nonne Therese Neumann, dass man „durch den heiligen Atem alleine“ leben könne.
Im Jahre 2007 gab es rund 5.000 „Breatharians“ und Menschen, die behaupteten, sich rein von Licht zu ernähren, einzig als Nahrung erlaubt sei ein Glas verdünnter Fruchtsaft am Tag, um „den Körper zu entgiften“.

Prominentester Vertreter der Lufternährung war die Australierin Ellen Greeve, die sich selbst „Jasmuheen“ nannte. In den 1990er Jahren scharte sie eine große Anhängerschaft um sich, bis ein Reporter bei ihr einen mit Essen gut gefüllten Kühlschrank entdeckte.

In dem australischen TV-Format „60 Minutes“ solle sie dann beweisen, dass sie wirklich ohne Nahrung leben könne, was sie dann auch tun wollte.
Nach zwei Tagen zeigten sich bei ihr physiologische Stresssymptome, nach vier Tagen wurde das Experiment abgebrochen, da sie ernsthafte, gesundheitliche Probleme hatte.

Ellen Greeve behauptet seitdem, das Experiment sei nur abgebrochen worden, da der Sender fürchtete, dass sie recht behalten würde.
Tragischerweise wurde nur einige Tage später der verhungerte Leichnam von Verity Linn in Schottland aufgefunden, laut ihrem Tagebuch einer begeisterten Anhängerin der Schriften von Ellen Greeve.

Fazit

Nein, die vier Personen auf dem Bild sind keine Veganer, die Frau ganz links im Bild ist auch schon vor einigen Jahren verstorben – Es sind „Breatharians“, Menschen, die glauben, sich nur von Licht ernähren zu können.

Aus der Sicht der vier Personen ist das Foto aus einer glücklichen Zeit, als die vier noch in einer Wohngemeinschaft zusammenlebten. Doch eine der Frauen ist tot, der Ehemann zog aus der WG aus.

Und heute? Heute wird es als Witzbildchen gebraucht, um sich vermeintlich über Veganer lustig zu machen. Voll witzig.


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