Die Bilder vom Krieg aus der Ukraine können bei diesen Menschen dazu führen, dass Gedanken und Gefühle von früher wieder zurückkehren. Im Gespräch mit dem Apothekenmagazin „Senioren Ratgeber“ erklärt Psychologin Christine Knaevelsrud, was Betroffene tun können und ab wann man Hilfe braucht.

Niemals Nachrichten vorm Schlafengehen

Viele Betroffene denken bei den Bildern vom Krieg: „Jetzt geht´s wieder los. Ich wusste es doch.“ Sie waren seit dem Zweiten Weltkrieg innerlich auf der Hut, haben dem Frieden in Europa nie ganz getraut, sagt Professorin Knaevelsrud, die die klinisch-psychologische Intervention der Charité Berlin leitet und unter anderem zu den Folgen von Kriegstraumata und Folter forscht: „Hat jemand im Krieg ein schweres Trauma erlitten, kann das durch aktuelle Kriegsbilder wieder aktiviert werden. Das heißt: Erinnerungen kommen hoch, Bilder von Toten, der eigenen Flucht.“ Schnell entstehe ein übermannendes Gefühl von Ausgeliefertsein – als wäre der Krieg hier, so Christine Knaevelsrud

Die Psychologin rät Betroffenen, sich zu überlegen: Was kann ich anders machen? Wie viel Nachrichten möchte ich anschauen? Und vor allem wann? „Abends vor dem Schlafengehen sind Nachrichten für niemanden eine gute Idee“, so Knaevelsrud. „Wichtig ist, weiterhin eine Tagesstruktur zu haben. Damit immer wieder klar wird: Der Krieg ist nicht hier bei mir.“

Für eine Psychotherapie ist es nie zu spät

Wenn man trotz Gesprächen und Zuwendung von Angehörigen und Pflegenden merkt, dass die Angst über Wochen nicht weniger wird oder die Belastung sogar zunimmt, ist es sinnvoll, hausärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Auch wenn jemand unter Schlafstörungen leidet, sich Gedanken und Bilder immer wieder ungewollt aufdrängen, vielleicht zu Herzrasen führen, sollte man handeln“, rät Psychologin Knaevelsrud.

Zu spät ist es übrigens nie für eine Psychotherapie. Es gibt Behandlungsansätze, die auch bei Älteren sehr wirksam sind, und man muss dabei nicht seine gesamte Biografie aufarbeiten, sondern kann konkrete Themen angehen, erläutert Christine Knaevelsrud: „Für die Betroffenen beginnt danach teils noch einmal ein neues Leben.“ Allerdings gibt es nur wenige Therapieplätze. Daher ist als Erstes der Weg zum Hausarzt sinnvoll. „Sieht er die Notwendigkeit, kann er helfen, den Weg zum Psychotherapeuten zu bahnen“, sagt Charité-Professorin Knaevelsrud.

Artikelbild: Pexels
Quelle: PT/Apothekenmagazin „Senioren Ratgeber“ 9/2022

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