Das “Nichtsesshafte Balkan-Migrationsschnitzel”

Autor: Kathrin Helmreich

Hat das Restaurant „Gerstenkorn“ in Hannover tatsächlich das Gericht „Zigeuner-Schnitzel“ durch „Nichtsesshaftes-Balkanmigrationsschnitzel“ ersetzt?

Ein angeblicher Auszug aus der Speisekarte des Lokals macht momentan im Netz die Runde. Darauf ist das Gericht „Zigeuner-Schnitzel“ demonstrativ durch „Nichtsesshaftes-Balkanmigrationsschnitzel“ ersetzt worden.

Wir erhielten Anfragen zu der Authentizität. Wird das Gericht tatsächlich so geführt?

So kursiert das Bild auf Facebook:

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Der Faktencheck

Die Antwort ist „ja“.

Hintergrund der Aktion war ein Streit mit der Stadt, die auf die entsprechende Forderung des dortigen Vereins „Forum für Sinti und Roma“ reagiert hatte. Dieser hatte darum gebeten, den mit einer diskriminierenden Konnotation behafteten Begriff „Zigeuner“ – aus Gründen des Respekts verlinken wir hier das Selbstverständnis der Betroffenen – bzw. nachbenannte Lebensmittel wie „-Schnitzel“ bzw. „-Sauce“ aus dem öffentlichen Sprachgebrauch zu streichen.

„Sinti“ bezeichnet die in Mitteleuropa seit dem ausgehenden Mittelalter beheimateten Angehörigen der Minderheit, „Roma“ jene ost- bzw. süd-osteuropäischer Herkunft.

Den Umstand, dass die Hauptzutat der nämlichen Gerichte, die Paprikafrucht, ebenfalls aus der Balkanregion stammt, zieht die deutsche Volksseele seit Jahrzehnten zur Rechtfertigung des durch das „bayerische Zigeunergesetz von 1926“ geprägten und später durch das NS-Regime genutzten Begriffs heran.

Damals wurden „Zigeuner“ gleich den Juden aufgrund absurder Rassentheorien geächtet, zu Tausenden in Konzentrationslagern gefangen gehalten und ermordet. (1)

Da kann einem die „Verteidigung“ des Herstellers der gleichnamigen Sauce schon einmal im Hals stecken bleiben: „Mit Zwiebeln und Tomatenpaprika abgerundet, schmecke sie „herzhaft heiß und kalt zu Zigeunerspießen“, … so die Firma Kühne in einer Stellungnahme gegenüber dem „tagesspiegel.

Der Zentralrat der Sinti und Roma äußerte sich gegenüber dem Magazin „Spiegel Online“ wie folgt:

„Es ist eine Frage des respektvollen Umgangs miteinander, dass man die Eigenbezeichnung einer Gruppe benutzt und ihnen keinen Fremdbegriff aufdrückt. Im Nationalsozialismus wurden diese Menschen als „Zigeuner“ verfolgt, und bis heute bezeichnen Rechtsextreme und Rechtspopulisten sie so.“

Vor diesem Hintergrund hat Hannover jetzt als erste Kommune entsprechend reagiert, ein Beispiel, dem hoffentlich andere folgen werden. Über die peinlich-provokante Umsetzung kann man, wie über Geschmack im allgemeinen, trefflich streiten – zeigen die Restaurantbesitzer damit doch, dass sie in der Debatte über politische Korrektheit und die Auswirkungen auf den öffentlichen Sprachgebrauch offenbar übehaupt nichts verstanden haben – oder verstehen wollten:

Mit schlecht verhohlener Häme machen sie mehr als deutlich, dass sie den Anspruch auf das „Recht auf Diskriminierung“ eigentlich nur sehr ungern aufgegeben haben.

Dass es auch anders geht, zeigen Mitbewerber, die dem Appell mit dem angebrachten Respekt begegnet sind.

„Die Gerichte nennen sie stattdessen Puzsta-Schnitzel oder Schnitzel Ungarischer Art, Pikante Sauce oder Paprika-Sauce und Paprikagulasch“,

so das „Bremer Sprachlog“ in einem ausführlichen Artikel zum Thema Sprache und politische Korrektheit.

Autor: Dagmar K. – mimikama.org
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