Faktencheck

Pädophile (angebliche) Codewörter und eine alte Troll-Flagge

Da gibt es viel aufzudröseln: Auf einem Sharepic wird von angeblichen Codewörtern Pädophiler geschrieben, deren gewollter Inklusion in die LGBTQ+-Szene und einer Flagge, die als Troll-Aktion geboren wurde. Aber an den Behauptungen stimmt so gut wie nichts.

Ralf Nowotny, 19. Oktober 2022

Die Behauptung

Auf einem Sharepic wird von angeblichen Codewörtern Pädophiler geschrieben, deren gewollter Inklusion in die LGBTQ+-Szene und einer Flagge, die als Troll-Aktion geboren wurde.

Unser Fazit

Die angeblichen Codewörter entstanden durch ein gefälschtes FBI-Dokument und einem anonymen Posting, die abgebildete Flagge existiert in der Form nicht, die Pädophilen-Flagge entstand aus einer Trollerei heraus, und seitens der LGBTQ-Community stand niemals zur Debatte, das „P“ in die Abkürzung aufzunehmen.

Grundsätzlich: Pädophilie als solches ist nicht strafbar, die praktische Ausübung (Erstellung und Besitz von Fotos und Videos mit sexueller Gewalt gegen Minderjährige, Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen) jedoch schon, wodurch sich im Prinzip jede Person, die sich als pädophil outet, in die Gefahr begibt, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Trotzdem gab es anscheinend wirklich auf einer CSD-Parade sich öffentlich bekennende Pädophile, was die Diskussion anheizte und schließlich zu einem Sharepic führte, welches aber viele falsche Informationen enthält.

Das verbreitete Sharepic

Dieses Sharepic wird derzeit auf Social Media verbreitet:

Das Sharepic über Pädophile
Das Sharepic über Pädophile

Demnach haben Pädophile bestimmte Codewörter: Käsepizza (cheese pizza) = Kinderpornografie, Pizza = bestätigtes Codewort bei den Strafverfolgungsbehörden, Nudeln = kleiner Junge, Pizza = Mädchen, Hotdog = Junge, Käse = kleines Mädchen.

Zudem ist in der Mitte des Sharepics eine Flagge zu sehen, die eine Symbiose einer modernisierten Version der Regenbogenflagge und einer angeblich offiziellen Pädophilen-Flagge darstellt, bezeichnet wird sie als LGBTQP-Flagge (P = Pedophile).

Im Folgenden gehen wir auf die einzelnen Behauptungen ein und betrachten auch die Geschichte hinter der Pädophilen-Flagge (der rechte Teil der Flagge im Sharepic), die mittlerweile wohl tatsächlich mindestens einmal bei einer CSD-Parade gesehen wurde, aber eigentlich aus einer Troll-Aktion stammt.

Die angeblichen Codewörter

Denken wir mal ganz kurz logisch (auch wenn dies machen Leuten schwerfällt): Wenn ihr ein Pädophiler wärt, der irgendwie an ein Kind herankommen oder eines anbieten will: Würdet ihr dann wirklich irgendwelche offenen Foren verwenden und dann auch noch Codewörter benutzen, die die halbe Welt zu kennen scheint?

Korrekt. Zwar finden sich, wenn man genug buddelt, tatsächlich in 4chan oder 8kun-Foren, in denen jeder anonym agiert, tatsächlich solche Anfragen nach beispielsweise Hotdog und Käse, doch werden diese (wie Trolle unter sich nun mal so sind) zumeist mit Lachen quittiert und schnell wieder gelöscht – ernsthafte Anfragen stecken in den allerseltensten Fällen dahinter.

Doch einen Ursprung haben diese angeblichen Codewörter schon, wenn auch einen, der schon längst widerlegt wurde: Ein angebliches FBI-Dokument, welches seit 2016 immer wieder im Internet kursiert, aber eine Mischung aus einem echten Dokument und einem Teil des Pizzagate-Verschwörungsmythos.

Ein grob gefälschtes Dokument und die Ursprungsbehauptung in einem Forum
Ein grob gefälschtes Dokument und die Ursprungsbehauptung in einem Forum

Während das grob gefälschte FBI-Dokument erst seit etwa 2020 kursiert, entstand die Behauptung, dass es sich um einen Code handele, bereits 2016 in einem anonymen Forum als Troll-Versuch, einen E-Mail-Austausch über Bestellungen bei einer Pizzeria als Pädophilen-Austausch zu entlarven (die immer benannte Pizzeria hat übrigens gar keinen Keller, in dem Kinder gefoltert werden könnten, was rauskam, als ein bewaffneter Mann diese stürmte, um die angeblich sich dort angeblich gefangenen Kinder zu befreien).

Tatsächlich gibt es aber ein echtes FBI-Dokument von 2007 (siehe HIER) über Symbole und Logos, die damals von Pädophilen verwendet wurden, heutzutage jedoch sicherlich nicht mehr. Ein FBI-Dokument mit verwendeten Codewörtern ist jedoch nirgends auffindbar – und wenn, dann nur schlecht gefälscht.

Die angeblichen Codewörter entstammen also einem Troll-Posting von 2016 im Rahmen des Pizzagate-Verschwörungsmythos, in dem versucht wurde, Bestellungen bei einer Pizzeria als Code zu entlarven. Durch einen bewaffneten Überfall auf die Pizzeria und die dadurch notwendige polizeiliche Untersuchung brach der Mythos jedoch endgültig zusammen.

Kommen wir als Nächstes zu der im Sharepic abgebildeten Flagge, denn diese existiert so gar nicht.
Stattdessen wurden dort zwei verschiedene Flaggen zusammengeschustert, die allerdings nichts miteinander zu tun haben.

Die Flagge: Linke Hälfte

Bei dem linken Teil der Flagge handelt es sich um eine modernisierte Version der Pride-Flagge, die 2018 von Daniel Quasar designed wurde und „Progress Pride Flag“ genannt wird.

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Die Flagge enthält schwarze und braune Streifen, um marginalisierte farbige LGBT-Gemeinschaften zu repräsentieren, sowie die Farben Rosa, Hellblau und Weiß, die auch auf der Transgender Pride Flagge verwendet werden.

Die Flagge: Rechte Hälfte

Dabei handelt es sich um die anscheinend mittlerweile auch verwendete MAP Pride Flag. MAP steht für „Minor Attracted Person“ und ist der Name, den sich eine gewisse Gruppe Pädophiler gegeben hat, in einem Versuch, sich in die LGBTQ Bewegung einzufügen.
Das Kuriose daran ist, dass diese Flagge aus einer Trollerei entstand, erschaffen von jemanden, der damit einen Honeypot für Pädophile auf Tumblr aufstellte.

Aber der Reihe nach:
2018 entstand auf Tumblr die Seite „Don’t Mistake Our Geography“, dort wurde ein Beitrag mit dem Titel „Support NOMAPs“ gepostet (NOMAP = non-offending minor attracted persons) gepostet, der jene Flagge erstmals zeigte:

Das erstmalige Auftauchen der Flagge 2018 (Quelle)

Die Erklärung lautete, dass die NOMAP-Community (wie sich verharmlosend genannt wird) keine echte Pride-Flagge hätte, weswegen die Person eine erstellte. Die oberen blauen Streifen stünden für Personen, die sich zu (kleinen) Jungs hingezogen fühlen, die unteren rosa Streifen für (kleine) Mädchen, die gelben Streifen stünden für Kindheit und die allgemeine Anziehung zu Minderjährigen, die weiße Mitte stünde für deren Unschuld und Unwillen, andere zu verletzen.

Die Flagge bekam sehr viel Zustimmung seitens Pädophiler, bis jedoch der Ersteller die Bombe platzen ließ: Das obige Banner und der Name wurden geändert.

Oben: altes Banner, Unten: neues Banner (Quelle)

Die Überschrift lautete nun „Ihr alle braucht einen Therapeuten, keine Community“, die Beschreibung der Seite wurde auf „Kein Anti, kein Verbündeter, nur ein Ausbildungspsychologe mit etwas verdammten Verstand“. Der Ersteller beschrieb sich in einem weiteren Text als jemand, der selbst als Kind von einem Pädophilen missbraucht wurde und deshalb diesen „Honeypot“ aufstellte.

Offiziell existiert die Flagge also gar nicht, sie entstand aus einer Troll-Aktion!

Nun kommt das große Aber, denn in der Öffentlichkeit wurde diese Flagge tatsächlich mindestens einmal gesehen. Mitglieder eines Online-Portals „zur Berichterstattung und Information zu den Themen Pädophilie, Päderastie und toleranter Homosexualität“ nahmen nach eigenen Angaben im Sommer 2022 am Christopher Street Day in Köln teil und zeigten dort ein Plakat sowie jene Flagge.

Sie waren jedoch „nur“ anwesend, nahmen aber nicht aktiv an dem Umzug teil. Von einer direkten „Unterwanderung“ der LGBTQ-Szene, wie an manchen Stellen berichtet wird, kann nicht wirklich die Rede sein. Die Betreiber der Plattform schreiben auch selbst, dass sie keine angemeldete Gruppe bildeten, weswegen es auch korrekt sei, dass der Veranstalter des CSD nichts davon wusste.

Das „P“ wird sicher nicht in LGBTQ inkludiert

Behauptungen diesbezüglich kursieren schon seit Jahren, doch bisher ist noch kein Vertreter irgendeiner LGBTQ-Organisation jemals dafür eingestanden, LGBTQ in LGBTP zu ändern, geschweige denn Pädophile zuzulassen – auch wenn bestimmte Vereinigungen Pädophiler dies vielleicht gerne hätten.

In einem Artikel von Reuters kommt ein Sprecher der Human Rights Campaign, einer Bürgerrechtsorganisation, die sich für die Gleichstellung von LGBTQ einsetzt, bezüglich der Thematik zu Wort:

„Die LGBTQ-Bewegung weist jede Andeutung zurück, dass unsere Gemeinschaft mit nicht-einvernehmlichen zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht wird.“

Und GLAAD, eine Organisation, die sich für die Akzeptanz der LGBTQ-Gemeinschaft in den Medien einsetzt, teilte Reuters per E-Mail mit:

„Keine LGBTQ-Organisation hat Pädophilie gutgeheißen oder sich dafür eingesetzt, dass dem Akronym ein ‚P‘ zur Unterstützung von Pädophilen hinzugefügt wird.

Es ist eine seit langem bestehende, homophobe und transphobe Taktik, LGBTQ-Personen fälschlicherweise mit Pädophilen und LGBTQ-Sein mit Pädophilie zu vergleichen. Das ist entwürdigend und abscheulich. Es schmerzt mich, klarstellen zu müssen, dass die LGBTQ-Gemeinschaft Pädophilie nicht befürwortet und dass LGBTP kein Akronym ist, das von der LGBTQ-Gemeinschaft verwendet oder unterstützt wird.“

Fassen wir zusammen

  • Die angeblichen Codewörter, wenn sie denn je Verwendung fanden, werden heute sicherlich nicht mehr verwendet, deren Ursprung liegt in einem anonymen Posting, welches zu einem gefälschten FBI-Dokument verarbeitet wurde.
  • Die abgebildete Flagge existiert in der Form nicht. Im Gegenteil wehrt sich die LGBTQ-Community vehement dagegen, Pädophile zu inkludieren.
  • Die Pädophilen-Flagge entstand aus einer Trollerei heraus, eine verbreitetere Verwendung, abgesehen von wenigen Leuten bei einem CSD, konnte bisher nicht festgestellt werden.
  • Es stand und steht seitens der LGBTQ-Community niemals zur Debatte, das „P“ in die Abkürzung aufzunehmen.

Im Gesamten ist das verbreitete Sharepic also ein Sammelsurium an Desinformationen.

Weitere Quellen:

LeadStories, Snopes, AFP
Auch interessant: Soziale Medien sind unsichere, diskriminierende Orte für Nutzer aus der LGBTQ-Gemeinschaft. Das belegt der jüngst erschienene „Social Media Safety Index“ der Gay and Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD).
Social Media unsicher für LGBTQ-Community


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