Polizistin verhaftet kleinen Jungen. Sieht man doch!

Annika Hommer,

Da hört sich doch alle auf: Nun verhaftet die Polizei schon kleine Jungs! So angeblich geschehen am 11.11.2021 in St. Martin.

Der dazugehörige Facebook-Post vermeldet, der jugendliche Delinquent sei parolenaustoßend und mit Pyrotechnik versehen durch die Straßen der Stadt gezogen. Was war da los? Hätte man das Problem nicht anders lösen können, anstatt direkt zum Mittel der Verhaftung zu schreiten? Oder wollte die junge Kollegin der Polizei durch eine bewusste Eskalation der Situation einen Prozess des Umdenkens bei dem jungen Straftäter initiieren?

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Manches anders als man denkt

Wer aufgepasst hat und auch durch regelmäßige Lektüre der MIMIKAMA-Faktenchecks trainiert ist, hat das Rätsel bereits gelöst. Der Schlüssel liegt im Datum. Der 11.11. ist St. Martin, der Tag, an dem in vielen Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kinder mit ihren Laternen singend durch die Straßen ziehen. Laterne übersetzt sich als Pyrotechnik und die Parolen sind die Laternenlieder. Was für ein lustiger Zufall, dass der Vorfall ausgerechnet in St. Martin stattfand…. 😉

Verhaftung nach Martinszug

So weit, so gut. Ein lustiger Post über Laternenlaufende Kinder. Was aber hat das Bild der Verhaftung des Jungen durch eine Polizistin damit zu tun? Das Kind sieht nicht danach aus, als sei es gerade mit einer Laterne in der Hand durch die Nachbarschaft gezogen. Der Junge trägt ebenso wie andere Kinder auf dem Foto ein kurzärmeliges dunkles T-Shirt. Und kurze Hosen. Klimaerwärmung hin oder her, im November schickt man ca. 8-10-jährige Kinder nicht leicht bekleidet durch die Straßen. Was sollen denn die Nachbarn von der eigenen Performance als Eltern denken? Das Bild passt also nicht zum kolportierten Anlass. Das sollte einen sehr misstrauisch machen.

Entstehungssituation des Bildes recherchiert

Nun kommt die Bild-Recherche und -Rückwärtssuche ins Spiel und es zeigt sich, dass hier erwartungsgemäß ein Foto einer ganz  anderen Gelegenheit zur Bebilderung verwendet wurde. Selbstverständlich ohne Nennung des tatsächlichen Anlasses noch unter Einhaltung der Bildrechte noch der Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Personen.
Tatsächlich sieht man hier eine Szene, die am 18. Juni 2017 im Rahmen des Besuches der Minifeuerwehr der Freiwilligen Feuerwehr Kalbach aus Frankfurt beim 14. Polizeipräsidium im Frankfurter Merton-Viertel entstanden ist.
Wer genau auf das T-Shirt des Jungen schaut, kann bruchstückhaft den Schriftzug Minifeuerwehr erkennen….
Die Kinder wurden dort freundlich empfangen und durften die Ausrüstung der Polizei nicht nur anschauen, sondern auch ausprobieren. Neben einem Besuch der Zellen und der ausführlichen Besichtigung eines polizeilichen Einsatzfahrzeuges kamen eben auch besagte Handschellen zum Einsatz. Kinder lieben so etwas, nicht wahr?

Irrlichternd durchs Internet

Und es entstand genau jenes Foto, das seinen Weg bis in den launigen Facebook-Post gefunden hat. Und nicht nur das! Auch auf einer indischen Verkaufsseite taucht das Bild auf. Und auch hier keinerlei Hinweise auf den Fotografen und Lizenzrechte. Warum überhaupt unter einer seriösen Immobilienseite eine stümperhaft programmierte Unterseite hängt, ist eine andere Geschichte. Und wer weiß, wo das Foto noch verwendet wurde?! Immerhin waren die Menschen, die das Bild veröffentlicht haben, so klug, das Gesicht des Jungen nicht zu zeigen, ebenso nicht das Gesicht der „verhaftenden“ Beamtin…
Die Freiwillige Feuerwehr Kalbach hat auf ihrem Webauftritt diesen Besuch dokumentiert (HIER). Allerdings findet sich dort nicht das Bild der Verhaftung, sondern eine gestellte Gruppenaufnahme. Wer das zur Diskussion stehende Bild aufgenommen hat und wie das Bild in das Netz gelangt ist, ist unbekannt. Die Rechtesituation dito. Deshalb haben wir es auch nicht als Titelbild veröffentlicht, sondern ein lizenzfreies Bild einer Bilddatenbank verwendet. Das berühmte Symbolbild. Übrigens auch ganz bewusst mit angeschnittenem Kopf des Kindes. Kinder gehören nun mal nicht ins Internet (HIER) Was man dabei beachten sollte ?! (HIER)

Fazit: Bildrechte achten

Aber daran sieht man wieder einmal, welche verschlungenen Wege ein Foto nehmen kann. In diesem Fall ist es ein harmloses Foto. Kein kritischer Inhalt, keine Gesichter zu erkennen, niemand wird in irgendeiner Form in Misskredit gebracht. Nichtsdestotrotz sollte man sich immer sehr genau überlegen, welche Bilder man dem Internet überantwortet. Denn einmal veröffentlicht, hat man die Kontrolle verloren. Via Screenshot und Bildbearbeitungsprogrammen lässt sich alles mit Fotos machen. ALLES!
Und wer Bildmaterial benötigt, sollte sich sehr genau überlegen, was er tut. Irgendjemand hat die Rechte an diesem Bild, das einem da gerade ins Auge sticht. Unberechtigt verwendete Bilder können in teuren Abmahnungen enden. Es gibt viele Möglichkeiten, sich über Bildrechte und Bilddatenbanken zu informieren. Eure Suchmaschine ist Euer Freund.


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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