In Kärnten ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein Duo, bestehend aus einem Arzt und einem selbsternannten Alchemisten (Wunderheiler), die mit fragwürdigen Methoden schwere Krankheiten behandelten. Zwei Patienten starben, weitere Geschädigte sind zu erwarten. Die Fälle werfen ein Schlaglicht auf das Misstrauen gegenüber der evidenzbasierten Medizin und die Gefahren pseudomedizinischer Ansätze.

Fall Erwin S.: Ein tragischer Verlust

Evelyn S. erinnert sich an die letzten Worte ihres Mannes Erwin: „Bring mir bitte morgen den Wurstsalat mit“. Kurz darauf, um Mitternacht, erhielt sie den Anruf aus dem Klinikum Klagenfurt: Ihr Mann ist verstorben. Vier Monate hatte Erwin S. in der Klinik verbracht, davon 23 Tage im künstlichen Koma, nachdem er Ende Januar des Vorjahres mit Herz- und Hirninfarkt eingeliefert worden war.

Die Verantwortung für seinen Tod ist Gegenstand der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Im Fokus stehen ein Kärntner Arzt und Energetiker, der seit 2010 pseudomedizinische Behandlungen anbietet, und sein ehemaliger Praxisnachbar, ein Alchemist. Beide stehen im Verdacht, durch ihre Behandlungen den Tod von Patienten grob fahrlässig herbeigeführt zu haben.

Der Fall der 14-jährigen Krebspatientin: Ein erschütterndes Beispiel

Im Februar 2023 wurde ein 14-jähriges Mädchen ins Klinikum Graz eingeliefert. Sie litt an mehreren Tumoren, darunter ein großer Tumor, der auf ihre Speise- und Luftröhre drückte. Eine medizinische Behandlung und eine Biopsie waren zuvor abgelehnt worden. Stattdessen suchten die Eltern mit ihrer Tochter Energetiker, Handaufleger und schamanische Heiler auf.

Verteidiger Alexander Todor-Kostic betonte, dass die Eltern ihrem Kind nur auf einem selbstbestimmten Weg folgen wollten. Das Mädchen habe medizinische Behandlungen und Schmerzmittel abgelehnt. Zeugen berichteten, dass das Kind in einem extrem schlechten Zustand ins Krankenhaus kam und die Tumore bereits von außen sichtbar waren. Ärzte und Psychologen bezweifelten, dass sich das Mädchen der Schwere seiner Erkrankung bewusst war.

Unter den geladenen Zeugen befanden sich auch mehrere Heiler, die verschiedene alternative Methoden angewandt hatten. Trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen hatten alle Heiler schließlich dazu geraten, das Mädchen doch noch ins Krankenhaus zu bringen, wo sie letztlich verstarb.

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Die Methoden der Wunderheiler: Zweifelhafte Praktiken und ihre Folgen

Der mittlerweile im Ruhestand befindliche Alchemist diagnostizierte vermeintliche Schwachstellen im Körper seiner Patienten mit einem Biotensor, einem Gerät, das einem Milchaufschäumer ähnelt. Er verschrieb selbst hergestellte Tinkturen oder schickte die Patienten zu seinem Arztkollegen, der die Tinkturen intravenös verabreichte. Eine solche Infusion kostete etwa 60 Euro. Diese Art der Behandlung führte mutmaßlich zum Tod von Patienten wie Erwin S. und einer 14-jährigen Krebspatientin.

Misstrauen gegenüber der evidenzbasierten Medizin: Ein historisches und aktuelles Problem

Die Fälle von Erwin S. und der 14-Jährigen verdeutlichen das Misstrauen gegenüber der evidenzbasierten Medizin und die Sehnsucht nach natürlichen Heilmethoden. Österreich und Deutschland stehen in der EU an der Spitze der Wissenschaftsskepsis, ein Erbe der Lebensreformbewegung des 19. Jahrhunderts. Diese Bewegung propagierte die Selbstheilungskräfte des Körpers und lehnte künstliche Substanzen ab. Begriffe wie „Schulmedizin“ und „Alternativmedizin“ resultieren noch aus dieser Zeit. Gerade der Begriff der Schulmedizin wurde vor allem dafür genutzt, die evidenzbasierte Medizin herabzustufen, wobei die Alternativmedizin suggerieren soll, eine tatsächliche alternative Medizin zu sein (ein Beispiel hierfür ist die Homöopathie). Tatsächlich handelt es sich hierbei um Pseudomedizin, die wissenschaftlich nicht nachweisbar ist.

Pandemie und Pseudomedizin: eine gefährliche Kombination

Seit der Pandemie ist die Nachfrage nach pseudomedizinischen Behandlungen gestiegen. Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen erklärt, dass die Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen zu Unzufriedenheit und einer verstärkten Hinwendung zu fragwürdigen Heilmethoden führen. Problematisch wird es, wenn diese Behandlungen die medizinische Versorgung ersetzen. Jedes Jahr sterben Menschen an den Folgen unwirksamer oder gefährlicher „alternativer“ Heilmethoden, doch die Zahl dieser Fälle wird nicht erfasst.

Lukrativer Markt der Wunderheiler

Die Nachfrage nach fast magischen Heilmethoden eröffnet große Geschäftsmöglichkeiten, die natürlich Scharlatane anziehen. In Österreich ist es relativ einfach, als „Humanenergetiker“ tätig zu werden. Laut Wirtschaftskammer Österreich gibt es landesweit über 20.000 Humanenergetiker, die ihre Dienste anbieten. Diese setzen häufig Pendel, Biotensoren und andere Hilfsmittel ein, dürfen aber keine Diagnosen stellen.

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Vorsicht auch auf Social Media

Leider begegnen uns auch in den sozialen Medien immer wieder fragwürdige Seiten und Gruppen, die mit dubiosen Heilmethoden locken und nicht selten die unrealistischsten Heilerfolge versprechen. Mit der Pandemie wurde dieser Trend durch Impfgegner und -skeptiker noch verstärkt.

Schulmedizinische und komplementärmedizinische Verfahren: Eine gefährliche Mischung

Das Referat für Komplementärmedizin der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK) vergibt Diplome für komplementäre Heilmethoden. Ende letzten Jahres besaßen 1467 Ärztinnen und Ärzte ein solches Diplom, das ihnen ein vermeintliches Seriositätssiegel verleiht. Die Kombination von evidenzbasierten und komplementären Methoden birgt aber auch Gefahren, wie der aktuelle Fall aus Kärnten zeigt. Der betroffene Arzt war aufgrund seiner Ausbildung und Erfahrung von seinen Methoden überzeugt und wiegte seine Patienten in falscher Sicherheit.

Aktueller Stand der Ermittlungen

Der betroffene Arzt ist weiterhin tätig, ein Berufsverbot wurde nicht verhängt. Laut einem Gutachten steht der Tod von Erwin S. im Zusammenhang mit der nicht lege artis erfolgten Verabreichung der Infusionen. Evelyn S. gibt an, nie über die Risiken aufgeklärt worden zu sein. Inzwischen haben sich weitere Geschädigte gemeldet, darunter ein ehemaliger Krebspatient, der ebenfalls fragwürdig behandelt wurde.

Fragen und Antworten: Was Sie über Pseudomedizin wissen sollten

  1. Warum vertrauen Menschen auf alternative Heilmethoden?
    Viele Menschen suchen in alternativen Heilmethoden eine persönliche, ganzheitliche Betreuung, die sie in der Schulmedizin oft vermissen. Sie versprechen eine natürliche Heilung und wecken die Hoffnung auf eine sanfte Behandlung ohne Nebenwirkungen. Dies kann besonders für Patienten attraktiv sein, die von der Schulmedizin enttäuscht sind oder deren Beschwerden nicht ausreichend behandelt wurden.
  2. Welche Risiken birgt die Pseudomedizin?
    Pseudomedizin kann gefährlich sein, wenn sie anstelle notwendiger konventioneller Behandlungen eingesetzt wird. Unzureichend geprüfte Methoden und Mittel können unwirksam oder sogar schädlich sein. Patienten können durch falsche Behandlungen wertvolle Zeit verlieren oder geschwächt werden, was im schlimmsten Fall zum Tod führen kann, wie die tragischen Fälle in Kärnten zeigen.
  3. Wie kann man sich vor unseriösen Heilern schützen?
    Es ist wichtig, sich gründlich über Behandlungsangebote zu informieren und Heilversprechen ohne wissenschaftliche Grundlage mit Skepsis zu begegnen. Grundlage sollte immer eine qualifizierte, evidenzbasierte Diagnose und Behandlung sein. Im Zweifelsfall können Verbraucherzentralen und Institutionen wie die Bundesstelle für Sektenfragen beratend zur Seite stehen.
  4. Welche Rolle spielt die evidenzbasierte Medizin bei der Behandlung schwerer Krankheiten?
    Die evidenzbasierte Medizin beruht auf wissenschaftlich geprüften Methoden, die durch Studien und klinische Erfahrungen belegt sind. Sie bietet erprobte und sichere Behandlungsmöglichkeiten für eine Vielzahl von Krankheiten. Bei schweren Erkrankungen wie Krebs ist eine frühzeitige und adäquate evidenzbasierte Behandlung entscheidend für den Behandlungserfolg und das Überleben des Patienten.
  5. Können alternative Methoden ergänzend zur evidenzbasierten Medizin eingesetzt werden?
    Ja, alternative Methoden können ergänzend zur evidenzbasierten Medizin eingesetzt werden, solange sie die konventionelle Behandlung weder ersetzen noch behindern. Sie können dazu beitragen, das Wohlbefinden des Patienten zu steigern und Nebenwirkungen zu lindern. Wichtig ist, dass solche komplementären Methoden in Absprache mit dem behandelnden Arzt und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse eingesetzt werden.
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Fazit

Die tragischen Todesfälle in Kärnten verdeutlichen die Gefahren von unzureichend oder gar nicht wissenschaftlich geprüften Heilmethoden und die Risiken, die sich aus dem Vertrauen in Wunderheiler ergeben. Die Kombination von wissenschaftlicher und pseudomedizinischer Ausbildung erfordert eine sorgfältige Abwägung und umfassende Aufklärung der Patienten. Der Fall zeigt auch die Notwendigkeit, das Vertrauen in die evidenzbasierte Medizin zu stärken und Lücken im Gesundheitssystem zu schließen, um Patienten eine umfassende und sichere Versorgung zu bieten.

Quelle: der Standard

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