„Schweine im Weltall?“ – Was man auf den SpaceX-Videos angeblich sehen können soll.

Rüdiger | ZDDK | MIMIKAMA, 20. April 2020
Ratten im Weltall?
Ratten im Weltall?

Ratten im Weltall?

Auch wenn es angeblich eine Ratte war, die in der Live-Übertragung eines SpaceX-Raketenstarts im Weltraum über das Triebwerk der Falcon 9 Rakete gelaufen sein soll: Die Behauptung ist dermaßen absurd, dass sich dem Autor der Vergleich mit der aus der Muppet-Show bekannten Sketchreihe aufdrängte. Ein Check des gesunden Menschenverstands.

Raumfahrt ist eine spannende Geschichte. Angefangen von der Erfindung der ersten Triebwerke, die anfangs naturgemäß mehr explodierten als antrieben, über die ersten Menschen im All, die Mondlandung, den Bau der ersten Raumstationen bis hin zu einer ununterbrochenen Präsenz der Menschheit im Weltall auf der ISS seit November 2000. Es sind technische Errungenschaften, Meilensteine, Rückschläge, viel Forschung und, mit immer besser werdender Medientechnik, auch immer bessere Live-Bilder von Starts, Landungen oder Manövern im All.

Besonders SpaceX verwöhnt die weltraumbegeisterte Öffentlichkeit schon lange mit interessanten Vorflug-Reportagen und einer Multi-Kamera-Liveübertragung mit eingeblendeten Telemetriedaten und einer Timeline, wo alle Manöver (Boostback burn, etc.) beschrieben sind. Viele erinnern sich vielleicht noch an die Bilderbuch-Synchron-Landung der beiden Booster der Falcon Heavy im Februar 2018. Wir waren immer so nah es geht dabei. Bei jedem Fehlschlag, liebevoll „unscheduled rapid disassembly“ genannt, wo die wiederverwendbaren Booster garantiert nicht wiederverwendet werden konnten. SpaceX hat da sogar einen grandiosen Zusammenschnitt mit passender Musik veröffentlicht. Humor hatten sie schon immer.

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Wir haben heute quasi „Weltraumfahrt zum Anfassen“. Wir haben virtuelle Rundgänge auf der ISS, können uns spannende Visualisierungen zu Orbital- und Andockmanövern anschauen, die informativ von Experten kommentiert werden. Dank ISS-Spotting-Apps wissen wir jederzeit, wo wir bei Dunkelheit die sich langsam über den Himmel bewegende Raumstation mit freiem Auge als hellen Lichtpunkt beobachten können. Wir können auf Webseiten alles nachlesen, was wir über die Technik von SpaceX wissen wollen. Es gibt auf Facebook sogar Fan-Gruppen, wo sich Weltraum-Enthusiasten austauschen, wo teilweise auch Mitarbeiter von SpaceX mitkommentieren und diskutieren. Transparenter geht es eigentlich nicht mehr.

Und dann waren da noch…

… Menschen, die behaupten, dies alles sei Humbug, es sei überhaupt niemand in den Weltraum geflogen, alle Aufnahmen seien sowieso im Studio nachgestellt. Oder zumindest sei SpaceX nicht in den Weltraum geflogen. Die Übertragungen brechen ja teilweise ab, so würde das niemals aussehen, wenn die Aufnahmen echt seien, und so weiter. Und überhaupt, jetzt sähe man ja einen Beweis: In einem Video eines Falcon 9 Starts würde man später, bei der Brennphase der zweiten Stufe sehen, wie eine Maus oder Ratte über das Triebwerk läuft.

Hier das Video:

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Eine Ratte.

Gut, die exorbitante Abstrusität dieser Behauptung mal außer Acht gelassen: Es gibt ein paar Argumente, die ad hoc gegen das Vorhandensein eines Nagetieres auf der Außenhülle eines Raumschiffs sprechen.

Allerdings muss man hier differenzieren:

Zum Einen gibt es Argumente, die von der Voraussetzung ausgehen, dass Weltraumfahrt echt ist, dass die Aufnahmen in der Umlaufbahn entstanden sind, und dass keine weltweite Verschwörung uns verheimlichen will, dass wir angeblich gar nicht in den Weltraum fliegen können. Diese würden von den Menschen, die wirklich behaupten, es sei eine Ratte zu sehen, gar nicht akzeptiert, da sie ja argumentieren dass das eben genau der Punkt sei: Wir wären niemals im Weltraum gewesen, und das Argument, dass eine Ratte dort ja gar nicht atmen könne würde nicht greifen, weil es ja gar nicht der Weltraum sei. Tja, schwierig…

Zum Anderen gibt es dann aber auch Argumente, die gegen die Präsenz einer echte Ratte sprechen, obwohl man hypothetisch davon ausgeht, dass es diese angebliche „Weltraumverschwörung“ gäbe, und Weltraumfahrt nicht existiere.

Die angebliche Ratte außendbords am Triebwerk
Die angebliche Ratte außendbords am Triebwerk

Ratten im Weltall

Das Video zeigt die CRS-19 Mission, eine Versorgungsmission mit einer unbemannten Dragon-Kapsel zur ISS. Die „Ratte“ läuft zur Brennphase der zweiten Stufe über den oberen Teil der im Vergleich zur Atmosphärenversion des Merlin 1D Triebwerks größeren Vakuum-Düse.

Jetzt kann man rational argumentieren, dass die Flughöhe zu dem Zeitpunkt über 190 km beträgt, die Geschwindigkeit liegt bereits bei gut über 10.000 km/h. Das müsste also eine außerordentlich widerstandsfähige Ratte sein, auch was die Temperaturen angeht, die auf der Oberfläche der Außenverkleidung herrschen – einerseits die glühende Triebwerksdüse, andererseits die Temperaturen des Weltraums, nahe dem absoluten Nullpunkt.

Ebenso kann man sich überlegen, wie groß das Triebwerk eigentlich ist. Die Düse der Vakuumversion eines Merlin-Triebwerks ist mehrere Meter lang, die Turbopumpe knapp 2 m hoch, die Öffnung hat eine Grundfläche eines kleineren Zimmers. Vergleicht man die Länge der Segmente der Kühlungsleitung auf der Außenseite des Triebwerks mit der Länge der angeblichen Ratte, so müsste diese extrem genmanipuliert sein, um eine länge von knapp einem halben Meter zu erreichen. Es gibt zwar Berichte von „Nagetieren von ungewöhnlicher Größe“, auch bekannt als R.O.U.S. (Rodents Of Unusual Size), diese beziehen sich jedoch auf mythische Kreaturen aus dem Roman „Die Braut des Prinzen“ sowie der gleichnamigen Verfilmung. Andere übergroße Nager finden sich in dem 2017 erschienenen Film gleichen Namens, einer Dokumentation über Nutrias in Louisiana. Keine übergroßen Nagetiere finden sich in der Regel jedoch an Raketentriebwerken im niedrigen Erdorbit. Die durch SpaceX an Bord der ISS gebrachten „Super-Mäuse“ für das Rodent-Research-19 Experiment waren ebenfalls an Bord und nicht außenbords.

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Man kann auch irrational argumentieren, indem man davon ausgeht, es gäbe wirklich eine derartige Verschwörung, keine Weltraumfahrt, etc. Daraus würde folgen, dass alle Aufnahmen, die man uns als Livestream vorsetzt, im Studio oder am Computer produziert worden wären. Weiter folgernd wäre man in der Lage, unpassende oder unliebsame Szenen, die die breite Öffentlichkeit nicht sehen soll, im Vorfeld zu entfernen oder das Bildmaterial anders zu manipulieren, damit eben genau diese Situation nicht zutrifft: Alle Welt kann die Ratte über das Triebwerk laufen sehen, und alle jahrzehntelangen Maßnahmen zur weltweiten Vertuschung sind mit diesen paar Sekunden Film zunichte gemacht.

Leute, mal ernsthaft: Genau wie man, wenn man geheime Güter durch die Gegend karren möchte, bestimmt kein großes fettes Schild damit an die Waggons tackert, ließe man nach hunderten oder sogar tausenden von Stunden von gelungenen, falschen Aufnahmen, kein Bildmaterial mit einer Ratte online. Gäbe es wirklich eine Verschwörung, die uns nur vortäuschen will, dass Weltraumfahrt echt ist, müsste diese unglaublich präzise geplant und durchgeführt werden, damit sie nicht auffliegt. Sie müsste eine quasi über Generationen angelegte Vertuschung sein. Das würde dann bestimmt nicht durch eine Ratte ans Licht kommen. Wo käme diese eigentlich her? Beziehungsweise, wer hat diese im Computer modelliert, wenn es stimmt, dass alle Weltraumaufnahmen nur CGI sind?

Was ist es denn?

Die Erklärung ist verblüffend einfach: Es ist Kondensat, welches sich bei Vibration von den Leitungen des Triebwerks löst und ebenfalls durch Vibrationen entlang der Abgaskühlleitung auf der Oberfläche der oberen Düse wandert. Nur zufällig ist die Kamera so montiert, dass es aussieht, als würde das Eis nach „unten“ wandern. Ähnliche Phänomene hat man auch schon vorher bei anderen Missionen beobachten können (Zum Beispiel bei CRS-14 oder CRS-16). Dabei lösen sich durch die Vibrationen angefrorenes Kondensat durch die extremen Temperaturunterschiede an den Cooling Nozzles (zur Technik der Kühlung hier ein interessantes Video).

Dass wir unbekannte Formen immer versuchen, als etwas Bekanntes zu erkennen, liegt in der Natur des menschlichen Sehens und Erkennens. Dieses Phänomen nennt sich Pareidolie und ist dafür verantwortlich, dass wir zum Beispiel in Wolken Tierfiguren erkennen können, oder dass die unscharfe Aufnahme eines Bergrückens auf dem Mars zunächst wie ein Gesicht aussah.

Fazit

Eigentlich ist die Behauptung für sich alleine schon derart abwegig, dass man eigentlich nicht darüber diskutieren müsste: Was auf dem Video zu sehen ist, lässt sich technisch recht einfach und plausibel erklären, es ist auch nicht das erste Mal, dass so etwas zu sehen ist. Rational denkenden Menschen dürfte dies auch relativ schnell klar sein.

Wenn man Menschen jedoch erst einmal davon überzeugen müsste, dass die Erde nicht flach ist, dass wir wirklich in den Weltraum fliegen können und dann, das dies keine echte Ratte ist, dann ist das schon etwas kniffliger.

Was allerdings Tiere im Weltall angeht, so bin ich persönlich immer noch für Schweine:

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Autor: Rüdiger, mimikama.org


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