Faktencheck

Selbstgebastelte Prophezeiungen mit dem Bibel Code!

Vor 25 Jahren begann der Wirbel um einen sogenannten Bibel Code: Angeblich lassen sich alle wichtigen Ereignisse chiffriert in der Bibel finden – doch eigentlich ist es nur ein natürliches statistisches Phänomen.

Ralf Nowotny, 8. Juni 2022

Im Jahr 1997 begeisterte ein Buch viele Menschen: „Der Bibel Code“. Und auch heute, 25 Jahre später, scheinen immer noch so einige davon überzeugt zu sein, dass sich sämtliche großen Ereignisse in der Bibel finden lassen – verschlüsselt durch einen obskuren Code, der anscheinend immer erst dann entdeckt wird, wenn das Ereignis bereits eingetreten ist.

Die ewige Suche nach Codes

Seit Jahrhunderten suchen die Menschen nach geheimen Botschaften, die in Büchern, rückwärts gespielten Liedern, Wolken, Fotos oder anderen Gegenständen versteckt sein könnten. Manche glauben, dass die versteckten Botschaften in der Bibel kein Zufall sein können – sie müssen von Gott selbst absichtlich dort hineingelegt worden sein – der ja schließlich die Bibel selbst schrieb, mit den Aposteln als Werkzeug.

Das Buch des amerikanischen Journalisten Michael Drosnin stieß punktgenau in diesen Wissenshunger: Er zeigt scheinbare „Beweise“, dass die hebräische Bibel einen sehr komplexen Code enthält, der Ereignisse offenbart, die Tausende von Jahren nach der Niederschrift der Bibel stattfanden.

Wie der Bibel Code funktionieren soll

Das Schöne am Bibel Code ist: Man kann sich den Code selbst basteln! Ja, wirklich: Es gibt keine feste Chiffrierung, sondern man denkt sich eine Chiffrierung aus und wühlt dann so lange, bis man irgendwas findet. Ein Beispiel:

Wir benutzen mal zur Vereinfachung (vereinfacht deshalb, weil der Original Code in der hebräischen Version genutzt werden sollte) einen Code, der jeden 4. Buchstaben für ein Wort hernimmt. Als Beispielsatz nehmen wir eine Stelle aus der englischen Version der King James Bibel, Buch Genesis.
Und nun nehmen wir, beginnend mit dem „r“ in „daughters“ jeden 4. Buchstaben.

31:28 And hast not suffered me to kiss my sons and my daughters? Thou hast now done foolishly in so doing.

Voilá: Wir haben soeben „ROSWELL“ in der Bibel gefunden, den Ort, an dem die USA angeblich abgestürzte UFOs und Aliens versteckt!

Wie bereits oben erwähnt: Der eigentliche Bibel Code wird aber an der hebräischen Version der Bibel angewendet – was es noch viel einfacher macht, alle möglichen Wörter zu finden, da das Hebräische weniger Buchstaben hat. So kann man beispielsweise den Namen „Shakespeare“ (11 Buchstaben) in der hebräischen Schreibweise „shkspr“ (6 Buchstaben) viel einfacher finden: Je weniger Buchstaben, umso besser.

Auf diese Weise lässt sich eigentlich alles in der Bibel finden, wie der Psychologe Sebastian Bartoschek in einem Video erklärt:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

„Egal, Hauptsache irgendetwas finden“

Gäbe es einen festen Code, wäre es natürlich viel interessanter, die Bibel und andere Bücher damit zu durchforsten. Da sich jedoch jeder den Code quasi selbst basteln kann, wird auch dementsprechend vorgegangen: Viele Programme, mit denen man selbst nach Codes suchen kann, probieren einfach alle möglichen „Codes“ aus, bis die entsprechenden Wörter gefunden werden.
Das Ergebnis steht also vor der Fragestellung – nicht sehr wissenschaftlich.

Das mag ja ganz amüsant sein, führt aber bei manchen Leuten auch dazu, dass sie sich vermeintliche Schutzpflanzen gegen COVID-19 im Bibel Code suchen:

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Am obigen Beispiel sieht man sehr schön das Prinzip: Diverse Schlagwörter eingeben, ein Programm sucht kreuz und quer nach den Buchstaben, fertig ist die „Prophezeiung“.

Fazit

Der vermeintliche Bibel Code ist nichts anderes als ein natürliches statistisches Phänomen, das auch bei anderen Büchern, Sprachen und zufälligen Buchstaben zu finden ist. Solange ein Text lang genug ist, lässt sich alles Mögliche mit einem „Code“ darin finden.

Quellen: Church Ages, Dodona, Peter Goeman, Dmitry Brant

Auch interessant:

Wieder einmal wird behauptet, dass Bilder von der Marsoberfläche nicht echt seien, sondern editierte Bilder von der Erde seien.
Der Mars in Ägypten und die echte Bedeutung des Wortes NASA


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

  • Mit deiner Hilfe unterstützt du eine der wichtigsten unabhängigen Informationsquellen zum Thema Fake News und Verbraucherschutz im deutschsprachigen Raum. Ein unabhängiges und für jeden frei zugängliches Informationsmedium ist in Zeiten von Fake News, aber auch Message Control besonders wichtig. Wir sind seit 2011 bestrebt, allen Internetnutzern stets hochwertige Faktenchecks zu bieten.  Dies soll es auch langfristig bleiben. Dafür brauchen wir jetzt deine Unterstützung!

Mehr von Mimikama