Faktencheck

Mehr geimpfte Intensivpatienten – Trotzdem keine Wirkungslosigkeit der Impfung ableitbar

Momentan ist die Zahl der geimpften Menschen auf den Intensivstationen höher als diejenige der ungeimpften. Viele Leute, vor allem Impfgegner glauben daher, dass die Corona-Impfung wirkungslos sei bzw. den Krankheitsverlauf nur noch verschlimmert. Wir haben aufgedeckt, warum diese Schlüsse falsch sind.

Mimikama, 14. November 2022

Die Behauptung

Geimpfte sind anfälliger für Corona-Infektionen und einen schweren Krankheitsverlauf. Deshalb sind gerade mehr Intensivbetten durch geimpfte als ungeimpfte Personen belegt, wie Daten der Divi beweisen.

Unser Fazit

Die Behauptung ist falsch, die Daten wurden unzureichend analysiert und statistische Fehlerquellen nicht mitberücksichtigt. Außerdem ist es logisch, dass, je mehr Menschen insgesamt geimpft wurden, desto höher auch deren Anteil an den Intensivpatienten ist. Aus den Daten der DIVI kann nicht auf eine Wirkungslosigkeit der Impfung geschlossen werden.

Daten der DIVI verbreiten sich im Netz

Die deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) veröffentlicht regelmäßig Daten über die Belegung von Intensivstationen in den Krankenhäusern. In diesem Zusammenhang wird auch eine prozentuale Verteilung nach Impfstatus (Patienten mit oder ohne Impfung) aufgeführt. Eine Statistik, die seit Anfang des Jahres 2022 bis zu viermal im Monat Werte zur Intensivbelegung erhält, wird momentan im Netz, darunter verstärkt auf Facebook verbreitet.

Zu sehen ist, wie bereits Ende Januar die Zahl der Geimpften auf Intensivstationen deutlich stieg. So soll sie Ende Oktober nun bei ungefähr 90% liegen und die Zahl der Ungeimpften nur noch bei knapp über 10%. Mithilfe dieser Statistik stützen also viele Impfgegner ihre These über die Wirkungslosigkeit der Corona-Impfung.

Irreführende Analyse seitens der Impfgegner

Das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt unter anderem in seinem aktuellen Monatsbericht vom 3. November 2022 explizit: „Es ist zu beachten, dass die Impfangaben des Intensivregisters nicht geeignet sind, um die Wirksamkeit der Impfung einzuschätzen“.

Wie die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet, nimmt auch die DIVI selbst immer wieder Stellung zu ihren Daten in den Statistiken. In einer Pressemitteilung vom 7.10.2022 heißt es, dass bei den Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen „auch Fälle aufgeführt [werden] (…), die aufgrund einer anderen Erkrankung intensivmedizinisch behandelt werden müssen, und bei denen die Sars-CoV-2-Diagnose nicht im Vordergrund der Erkrankung beziehungsweise Behandlung steht“.

Update 15.11.2022 / Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. hat uns folgende Ergänzung zu diesem Thema gesendet: „Was aber derzeit auf jeden Fall sehr deutlich ist: Die Patienten auf den Intensivstationen mit positivem PCR-Test sind bereits älter! 60% sind älter als 70 Jahre, bzw. 83% sind älter als 60 Jahre. Mit steigendem Alter ist das Immunsystem auf der einen Seite nicht mehr so stark, braucht länger, um Antikörper aufzubauen und baut auch deutlich weniger auf, wie auch die Wahrscheinlichkeit möglicher weiterer Erkrankungen stark zunimmt. Ein Patient mit 83 Jahren, der derzeit eine Hochchemotherapie durchläuft und vierfach gegen COVID geimpft ist, wird sehr wahrscheinlich einen schweren Verlauf erleiden, da der Körper dem Virus keinerlei Kraftreserven mehr entgegensetzen kann. Dies nur als Beispiel eines von vielen Bildern, die wir derzeit von allen Seiten von den Intensivstationen berichtet bekommen und deshalb auch sehr deutlich betonen „die Situation ist eine gänzlich andere, als noch im vergangenen Winter, als der Altersdurchschnitt der Patienten etwa 20 Jahre jünger war und selten eine Vorerkrankung einen schweren Verlauf wahrscheinlich machte“. Es ist also das hohe Alter und die Multimorbidität der Intensivpatienten, die verdeutlichen, warum eine Impfung bei diesen Patienten weniger eine Rolle spielt.“

Das bedeutet also, dass nicht nur die Daten derjenigen, die wegen Covid-19 intensiv im Krankenhaus behandelt werden, in die Statistik hineinfließen. Stattdessen werden auch alle anderen Personen dazugezählt, die sich aufgrund anderer Erkrankungen auf der Intensivstation befinden und plötzlich einen positiven Coronatest erhalten.

Wieso ist die Zahl der geimpften Intensivpatienten so hoch?

In Deutschland ist ein sehr großer Teil der Bevölkerung (mittlerweile fast 78%) mindestens einmal gegen SARS-CoV 2 geimpft. Dementsprechend ist es logisch, dass verhältnismäßig deutlich mehr Geimpfte als Ungeimpfte auf den Intensivstationen behandelt werden müssen. Außerdem ist es dem RKI zufolge auch nicht ungewöhnlich, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Impfdurchbruch (also die symptomatische Erkrankung trotz einer Impfung) steigt, wenn der Anteil der Geimpften in der Population zunimmt.

Des Weiteren muss man auch bei den Daten des DIVI von statistischen Fehlern ausgehen; nämlich deshalb, weil längst nicht bei allen Intensivpatienten erfasst ist, ob sie geimpft sind oder nicht. Sowohl die DIVI als auch das RKI bestätigen, dass es zwischen dem 3. und 30. Oktober 2022 nur bei der Hälfte der Intensivpatienten mit positivem Coronatest eine Angabe über den Impfstatus gab. Es sind also bei weitem nicht alle behandelten Menschen in der auf Facebook geteilten Statistik miteinbezogen worden, weshalb es nicht sinnvoll ist, die obige Datenquelle als Beweis zur Wirkungslosigkeit über die Corona-Impfung zu benutzen. 

Fazit

Impfstoffe sind und bleiben sehr gut wirksam gegen einen schweren Krankheitsverlauf von Corona. Das haben viele Studien ergeben.

Die Daten der DIVI sind nicht aussagekräftig genug, um damit über die Wirkung von Corona-Impfungen zu urteilen. Das liegt sowohl an statistischen Fehlern als auch daran, dass alle Personen, die während ihres Aufenthalts auf der Intensivstation an Covid erkranken, in die Statistik miteinbezogen werden. Man kann also nicht ableiten, dass Geimpfte häufiger schwer an Covid erkranken als Ungeimpfte.

Autor: Nick L.

Quelle:

RKI – aktueller Monatsbericht (PDF), dpa, DIVI – Pressemitteilung, ZDF, RKI – FAQ

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