Die Behauptung

Kurz vor Weihnachten wird gerne ein politisch-kritisches Gedicht geteilt, das Erich Kästner zugeschrieben wird. Ein Nutzer hat nachgefragt, ob das stimmen kann.

Unser Fazit

Ja, der „Brief an den Weihnachtsmann“ stammt wirklich von Erich Kästner. Es wurde von ihm ab 1930 in zumindest zwei verschiedenen Fassungen veröffentlicht.

Diese Anfrage erledigt sich an und für sich mit einer simplen Google-Suche. Doch hier machen wir eine Ausnahme, aus zwei Gründen: Bald ist Weihnachten, das Kästner-Gedicht ist also unser erstes Geschenk an euch. Und zweitens gibt es da die Beate…

Ich würde tatsächlich dafür plädieren, ihn [den Brief] zu bringen als kleinen Faktencheck. Warum? Weil ich absoluter Kästnerfan bin. Und weil die aktuellen Teilungen das Gedicht nicht komplett bringen!

Beate von Mimikama

Um es kurz zu machen: Ja, der „Brief an den Weihnachtsmann“ ist wirklich von Erich Kästner und stammt aus dem Jahre 1930.

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Die verschiedenen Versionen des Kästner-Gedichtes

Es gibt eine Langversion, die in Die Weltbühne, einer deutschen Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, erschienen ist, mit 11 Strophen. Eine gekürzte Fassung, die oft zitiert wird, findet sich in den Gesammelten Schriften, Band 5. Diese umfasst nur 8 Strophen, die dritte, vierte und neunte wurden weggelassen.

Die gekürzte Fassung, aus den Gesammelten Schriften findet sich u.a. im Tagesspiegel vom Heiligen Abend 2011.

Der „Brief an den Weihnachtsmann“ entstand vor 92 Jahren. Es waren schwere Zeiten in Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929. Bis zum März 1930 hielt das Kabinett von Hermann Müller (SPD), die nachfolgenden Regierungen mussten sich auf Notverordnungsvollmachten des Reichspräsidenten stützen. Die NSDAP legte ab Herbst 1930 extrem zu. Die Gesellschaft war geprägt von extremer Polarisierung, destruktivem Populismus und politischer Gewalt. Wo das endete, ist bekannt.

Während der Wunsch nach Gewalt gegenüber der Regierung und der besitzenden Klasse im gekürzten Text drinnen bleibt – „Lege die Industriellen/ kurz entschlossen übers Knie“ sowie „Ziehe denen, die regieren, bitteschön, die Hosen stamm“ –, fehlen hier jene Zeilen, die die politische Spannung und Konsequenzen dieses Handels am besten zum Ausdruck bringen: „In den Straßen knallen Schüsse. Irgendwer hat uns verhext“ sowie „Und nach München lenk die Schritte, wo der Hitler wohnen soll“.

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Gepostet von Piero Masztalerz Cartoons am Samstag, 11. Dezember 2021

Besonders an den beiden Enden des politischen Spektrums wird das Gedicht häufig missbräuchlich verwendet. Die rechte Seite wünscht sich vom Weihnachtsmann Gewalt gegen Zugewanderte, die linke hingegen Gewalt gegen die Köpfe des rechtsradikalen Spektrums. Wir sprechen uns ausdrücklich gegen solche Gewaltfantasien aus und werden sie hier weder teilen noch verlinken. Auf dass es uns nicht ergeht wie damals: „In den Straßen knallen Schüsse. Irgendwer hat uns verhext“.


Quellen: Tagesspiegel, Internet Archive, schoenescheisse.de

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