Die Behauptung

Der RSV-Virus soll für gesunde Kinder völlig harmloser Erkältungsvirus sein, der keinerlei Therapie bedarf und schon gar keiner Impfung.

Unser Fazit

Nein, ist nicht „völlig harmlos“, auch Kinder ohne Vorerkrankungen können daran versterben. Bisher gibt es keine Impfung, Therapie richtet sich nur gegen Symptome.

Aktuell wird eine Audionachricht geteilt, die eine Reihe von falschen und gefährlichen Informationen zu RSV enthält. Bitte nicht weiterleiten!
Die 5 Hauptaussagen lauten:

  1. Der RSV-Virus ist ein für gesunde Kinder völlig harmloser Erkältungsvirus, der keinerlei Therapie bedarf und schon gar keine Impfung ❌
  2. Gefährlich nur für folgenden Risikogruppen: Frühgeborene, Kindern mit chronischen Lungenerkrankungen (wie Mukoviszidose), immunsupprimierte Patienten ❌
  3. Zahlen können nicht stimmen, es kann nicht am RS-Virus liegen, dass die Intensivstationen von Kindern/Frühgeborenen so voll sind ❌
  4. Frühgeborenen-Intensivmedizin ist der lukrativste Geschäftszweig in der Kinder- und Jugendmedizin ✅
  5. RSV-Angstmacherei ist Ablenkung von den Nebenwirkungen der mRNA-Spritzen ❌

Vier dieser Behauptungen (1, 2, 3, 5) sind falsch. Nur die Kritik an der ökonomischen Ausschlachtung der Frühgeborenen-Intensivmedizin ist berechtigt.

Sobald Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind Atemnot hat beziehungsweise die Atmung schnell, erschwert oder unregelmäßig ist, oder es weniger Flüssigkeit zu sich nimmt, sollten sie unbedingt einen Kinderarzt aufsuchen.
Bei Kindern mit Vorerkrankungen und Frühgeborenen sollten bereits erste Warnzeichen wie Husten und Fieber prinzipiell ärztlich abgeklärt werden.
(RKI)

RSV ist kein harmloses Virus

Nein, Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) sind nicht als harmlos zu betrachten.

Das RSV ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter und einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern. In Saisonalität und Symptomatik ähneln RSV-Infektionen der Influenza. Ihre Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung wurde lange Zeit unterbewertet.

Auszug aus dem RKI-Ratgeber zu RSV

Eine Übertragung des RS-Virus erfolgt in erster Linie über eine Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen), Binde- und Schleimhäute bilden die hauptsächlichen Eintrittspforten in den Organismus. Eine Übertragung über Hände, Gegenstände und Oberflächen ist ebenso möglich. Asymptomatische oder symptomarme Infizierte dürfen als Überträger nicht unterschätzt werden. Bereits einen Tag nach der Infektion und noch vor dem Einsetzen von Symptomen können Angesteckte infektiös sein. Je nach Kompetenz des Immunsystems hält diese nur für 3–8 Tage an, kann sich aber bei Neugeborenen oder immunsupprimierten Patienten auch über Monate hinziehen.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit 50 bis 70 % der Kinder im ersten Lebensjahr eine RSV-Infektion haben. 48,5 von 1000 erkranken, 5,6 davon schwer. Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres haben nahezu alle Kinder eine oder mehrere Infektionen mit RSV. Es besteht keine langfristige Immunität. Neuerliche Ansteckungen sind häufig, das betrifft auch Erwachsene mit regelmäßigen Kontakten zu Kleinkindern.

RSV
Das RS-Virus unter dem Elektronenmikroskop: durchschnittlicher Durchmesser: 120-300 Nanometer

Wie gefährlich ist die RSV-Erkrankung in Zahlen?

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Eine Übersichtsarbeit zur Letalität schwerer RSV-bedingten Erkrankungen der unteren Atemwege bei hospitalisierten Kleinkindern (≤ 2 Jahre) analysierte die Daten aus mehreren Primärstudien. Es zeigte sich, dass im Mittel 0.2% der Fälle bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko, 1,2% bei Frühgeborenen, 4,1% bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie und 5,2% der Fälle bei Kindern mit angeborenem Herzfehler tödlich verliefen.

Auszug aus dem RKI-Ratgeber zu RSV

RSV ist „einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern“. Diese Zahlen zeigen auf warum: Von den deshalb hospitalisierten Kindern stirbt etwa jedes 500. zuvor gesunde (ohne bekanntes erhöhtes Risiko) daran. Auf Deutschland umgerechnet, würde man so „auf 20 bis 30 tote Kinder im Jahr“ kommen, detaillierte Studien mit aktuellen Zahlen liegen leider keine vor. Erschwert wird die Studienlage auch dadurch, dass RSV in Deutschland nicht meldepflichtig ist. Eines ist trotzdem klar, auch hierzulande sind Kinder mit Risikofaktoren häufiger und schwerer betroffen.

Es gibt Schätzungen, dass jährlich 120.000 Kinder an RSV sterben. Allerdings ist das, wie Sie schon sagen, weltweit. Der Großteil der Kinder, die so schwer erkranken, liegt in den Entwicklungsländern. Auch in Deutschland sterben Kinder an RSV.

Martin Wetzke zu RND

Die wegen der Covid-Schutzmaßnahmen ausgefallenen Infektionen werden aktuell nachgeholt, argumentiert Dr. Wetzke. Das Problem ist nur: Die Intensivstationen für Kinder und Frühgeborene sind so voll wie nie, es gibt zu wenige Betten und zu wenig Personal.

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Für wen ist RSV gefährlich?

Wie oben beschrieben, sind Frühgeborene und Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen besonders betroffen. Aber unter den knapp 0,5 Prozent schwer erkrankten Kindern im 1. Lebensjahr sind auch sehr viele Kinder, die davor „ohne bekanntes erhöhtes Risiko“ waren. RSV-Infektionen betreffen prinzipiell alle Altersgruppen. „Schwere, mit Krankenhausaufenthalt verbundene RSV-bedingte Erkrankungen bei Kindern betreffen etwa doppelt so oft Jungen wie Mädchen“, steht im RKI-Ratgeber.

Risikopatienten, die schwer an einer RSV-Infektion erkranken können, sind Frühgeborene, Kinder mit pulmonalen Vorerkrankungen (z.B. bronchopulmonale Dysplasie, zystische Fibrose, neurologische und muskuläre Erkrankungen mit eingeschränkter Ventilation) und Kinder mit Herzfehlern mit vermehrter Lungendurchblutung, Erwachsene mit kardialen oder pulmonalen Vorerkrankungen sowie alle immundefizienten und immunsupprimierten Personen. Besonders gefährdet sind Empfänger hämapoetischer Zelltransplantate, Empfänger von Lungen- oder anderen Organtransplantaten sowie stark immunsupprimierte Patienten mit maligner hämatologischer Erkrankung.

Risikopatienten laut RKI

Die Ansteckung Krankenhaus ist bei Frühgeborenen, immundefizienten und immunsupprimierten Personen bedeutsam. Das RS-Virus ist einer der wichtigsten Erreger der „nosokomialen“ Infektion und Lungenentzündung bei Säuglingen und jungen Kleinkindern.

Symptome und Therapie bei einer RSV-Infektion

Das Respiratorische Synzytial-Virus lässt sich leider nicht direkt behandeln, man kann nur etwas gegen die Symptome unternehmen. Zur Therapie wird zu ausreichend Flüssigkeitszufuhr zur Sekretmobilisation und dem Freihalten des Nasenrachenraums mit kochsalzhaltigen Nasenspülungen oder -tropfen geraten. Auch fiebersenkende Maßnahmen können unterstützen. Bei schwereren Verläufen ist eine stationäre Überwachung wichtig, insbesondere wenn Sauerstoffgabe, Atemunterstützung oder Beatmung notwendig werden.

Symptome bei Säuglingen:

  • Schnelles, angestrengtes Atmen
  • Kraftlosigkeit
  • Blasse Hautfarbe
  • Trinkschwäche
  • Evtl. Atempause
  • Evtl. erhöhte Temperatur oder Fieber
  • Evtl. kühle Finger und Hände

Das RKI rät: „Sobald Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind Atemnot hat beziehungsweise die Atmung schnell, erschwert oder unregelmäßig ist, oder es weniger Flüssigkeit zu sich nimmt, sollten sie unbedingt einen Kinderarzt aufsuchen. Bei Kindern mit Vorerkrankungen und Frühgeborenen sollten bereits erste Warnzeichen wie Husten und Fieber prinzipiell ärztlich abgeklärt werden. Für individuelle medizinischen Beratung wenden Sie sich bitte an Kinderärztinnen und Kinderärzte oder Kinderkliniken in Ihrer Nähe, bei denen möglichst eine Spezialisierung für Infektionskrankheiten besteht.“

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Die Intensivstationen sind voll, warum?

„Die Statistik muss geprüft werden, der RSV-Virus ist kein Grund, warum die dramatische Belegung der Intensivstation bei Kindern und Frühgeborenen plötzlich so stark ansteigen sollte“, wird behauptet. Das stimmt so nicht. Es gibt zwei hauptsächliche Gründe, warum die Intensivstationen für Kinder und Frühchen so voll sind: Es gibt aktuell sehr viele RSV-Fälle. Und es fehlt an Betten und Personal.

Bereits im Winter 2021 hatten sich die RS-Fälle gegenüber dem Jahr 2020 gehäuft. Die Zellbiologin Sigrid März hatte damals für das Spektrum der Wissenschaft das Phänomen unter die Lupe genommen. Ihre Einschätzung damals, ebenso wie bei Wetzke: Nachholeffekte.

Dass das RS-Virus jüngere Kinder diesmal so stark und schwer trifft, liegt an der Corona-Pandemie. Im Herbst und Winter 2020 galt es, Kontakte zu reduzieren und durchweg Maske zu tragen. Immer wieder schlossen Kitas und Schulen, das öffentliche Leben wurde zurückgefahren. Die Maßnahmen haben aber nicht nur das Coronavirus Sars-CoV-2 ausgebremst. „Im Winter 2020/2021 haben wir in den deutschen Kinderkliniken so gut wie keine RSV-Infektionen gesehen. Die Erkältungssaison ist quasi ausgefallen“, sagt Kinder- und Jugendmediziner Rodeck. Das RS-Virus hatte schlicht keine Möglichkeit, sich auszubreiten.

Sigrid März: Warum viele Kinder gerade in die Klinik müssen

Schon Anfang Dezember dieses Jahres hatten sich Fachärzte alarmierend zu Wort gemeldet. „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, äußerte sich Michael Sasse, der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Lage war davor schon prekär, die „enorme Infektionswelle“ des RSV habe die Situation noch verschlimmert. „Jetzt werden drei Jahrgänge von Kindern diese Infekte durchmachen, weil sie ohne Mundschutz durch die Gegend rennen“, kritisiert er die jüngsten Änderungen der Covid-Maßnahmen. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sprach davon, dass Wartezeiten von sechs, sieben Stunden in manchen Notaufnahmen keine Seltenheit wären.

Das ist aber nur ein Teil der dramatischen Lage: Statt 607 Kinder-Intensivbetten hatte es Ende November nur 367 gegeben. Ganze 40 Prozent weniger, gab die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) an, vor allem wegen Personalmangel. Um diese wenigen Betten müssen die kleinen Patienten aus der Notaufnahme oder von den Rettungsdiensten konkurrieren. Ebenso kämen Anfragen von Kliniken mit einer geringeren Versorgungsstufe. Jede zweite Klinik muss kritisch kranke Kinder abweisen. Ein Beitrag von NDR „Hallo Niedersachsen“ zeigt die ganze Misere auf: RS-Virus: Kinderarztpraxen und Kinderkliniken am Limit.

Es gibt allerdings auch gute Nachrichten, für jene Kinder, die sich aufgrund der Covid-Maßnahmen bisher nicht mit dem RS-Virus angesteckt haben: Es gibt kein „Infektionskonto“ und keinen immunologischen Nachholbedarf. Friedrich Reichert, Oberarzt der Pädiatrischen Interdisziplinären Notaufnahme am Klinikum Stuttgart erläutert: „Das Immunsystem funktioniert super, auch nach den Maßnahmen – es gibt keine Hinweise darauf, dass ausbleibende Infekte das Immunsystem irgendwie schwächen würden“.

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Falsche Prioritäten bei Kindermedizin

„Dass Kinderleben im Moment in Gefahr sind, das hat die Politik zu verantworten“, erläutert der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. Die Wirtschaftlichkeit von Kinderheilkundestationen war früher nicht im Fokus. „Jetzt muss Medizin profitabel sein, nicht Krankheiten heilen, sondern Geld bringen.“ Was ist da schiefgelaufen und wie drückt sich das aus?

„Frühgeborenen-Intensivmedizin ist der lukrativste Geschäftszweig in der Kinder- und Jugendmedizin“, wurde in der Audionachricht kritisiert. Mit dieser Behauptung steht die ehemalige Kinderärztin nicht alleine. Die ARD hat dem Thema eine eigene „Story im Ersten“ gewidmet. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hat sich die Kritik angesehen und kam zu einem ähnlichen Schluss:

Babys, die ohne medizinische Notwendigkeit deutlich vor dem errechneten Termin auf die Welt geholt werden? Schwerstkranke, die länger beatmet werden, als unbedingt nötig? Was schwer vorstellbar scheint, soll an manchen deutschen Kliniken offenbar längst Alltag sein – aus finanziellen Motiven. Denn mit der Behandlung von zu früh geborenen Kindern oder Intensivpatienten können Kliniken eine Menge Geld verdienen.

RND: „Wie viel Geld bringt ein Frühchen?“: TV-Doku deckt unglaubliche Zustände an Krankenhäusern auf

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Kein medizinischer Zusammenhang zwischen RSV und Covid

Das Respiratorische Synzytial-Virus hat nichts mit dem SARS-CoV-2 zu tun, und auch nichts mit den mRNA-Impfungen gegen Covid, wie die ehemalige Kinderärztin behauptet. Die großen Probleme, die wir aktuell weltweit mit dem RS-Virus lösen müssen, hängen mit begrenzter oder mangelnder medizinischer Infrastruktur und den Covid-Maßnahmen zusammen. Für ersteres braucht es mehr Finanzmittel. Für zweiteres eine Politik, die nicht meint, sich populistischen Zwängen unterzuordnen müssen.

FAZIT

Nein, RSV ist nicht „völlig harmlos“, auch Kinder ohne Vorerkrankungen können daran versterben. Bisher gibt es keine Impfung und die Therapie richtet sich nur gegen Symptome. Das bedeutet: Vorsorge ist die beste Strategie gegen das RS-Virus.

Daher müssen wir wieder aufhören, medizinische Einrichtungen nur unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten und sie mit jenen Finanzmitteln ausstatten, die benötigt werden, um eine gute medizinische Versorgung für alle sicherzustellen – auch unsere Kleinsten.

Die inzwischen gut bekannten Covid-Schutzmaßnahmen haben – wie auch schon im Vorfeld vermutet wurde – sich als wirksam gegen eine Reihe weiterer Infektionserkrankungen erwiesen. Die Influenza-Zahlen sind zurückgegangen und ebenso die von RSV. Doch leider gibt es Aufschiebeeffekte, die wir nicht ignorieren dürfen. Wenn die Maskenpflicht während der Hochsaison dieser Erkrankungen fällt, schnellen natürlich die Zahlen in die Höhe. Hier muss zukünftig vorausschauender agiert werden!

Sie haben weitere Fragen zu RSV? Das Robert-Koch-Institut hat im Ratgeber und den FAQs die wichtigsten bereits beantwortet. Eine Übersicht über Forschung und Diagnostik finden Sie hier.


Quellen: RKI, RND, NDR, Deutschlandfunk Nova, tagesschau.de, n-tv.de, Business Insider, transkribierte Audionachricht (archiviert)

Mehr Faktenchecks: RSV-Infektion und Corona-Impfung ohne Zusammenhang

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