Die Behauptung

Angeblich können ukrainische Geflüchtete in Deutschland ab Juni bereits ab 57 Jahren Rente beziehen.

Unser Fazit

Um überhaupt einen Rentenanspruch in Deutschland zu haben, muss man mindestens 5 Jahre in Deutschland arbeiten. Dies gilt auch für ukrainische Geflüchtete. Das ukrainische Renteneintrittsalter findet hierzulande keine Anwendung, da die Ukraine kein EU-Land ist und mit der Ukraine kein Sozialversicherungsabkommen endgültig abgeschlossen wurde.

Es ist ein typischer Fall von „Ich glaube den Medien nur, wenn sie schreiben, was mir passt“: In einem Facebook-Kommentar im Mai 2022 schrieb der MDR, dass ukrainische Geflüchtete in Deutschland ab Juni Rente beziehen könnten (Frauen ab 57,5 und Männer ab 60 Jahren). Der Kommentar beruhte auf einer Falschmeldung, die der MDR übernahm, der Kommentar wurde gelöscht, es wurde eine Korrektur veröffentlicht – doch verbreitet wird lieber ein Bild des ursprünglichen Kommentars.

Die ursprüngliche Falschbehauptung

Als leicht unterschiedliche Sharepics (mal ein direkter Screenshot, mal vom Smartphone abfotografiert) kursierte seit April 2022 die Behauptung (wir berichteten):

Die Behauptung über das Renteneintrittsalter von geflüchteten UkrainerInnen
Die Behauptung über das Renteneintrittsalter von geflüchteten UkrainerInnen

Die Behauptung im Wortlaut:

„Renteneintrittsalter der deutschen Einzahler liegt bei 67 Jahren.
Laut Entscheidung der Ampelkoalition dürfen Ukraine Flüchtlinge (Frauen ab 57, Männer ab 60) ohne jemals eingezahlt zu haben, diese Töpfe 10 Jahre vor den Einzahlern entleeren!
Diese Anweisung wurde heute an die zuständigen Mitarbeiter der Jobcenter per E-Mail mitgeteilt.“

Die bislang entdeckte früheste Quelle der Behauptung ist ein Telegram-Kanal (archiviert HIER), in dem sich sehr viele Verschwörungsmythen, immer markiert mit den gängigen QAnon-Abkürzungen und Tags, fast gegenseitig auf die Füße treten.

Bereits diese Version der Falschbehauptung enthält einen eklatanten Fehler: Für Rentenanträge ist die Deutsche Rentenversicherung (DRV) zuständig (siehe HIER), nicht das Jobcenter. Doch Fotos oder Screenshots einer solchem Mail sind nie aufgetaucht.

MDR übernahm die Falschmeldung und korrigierte sie wenig später

Unter einem Artikel des MDR auf Facebook stellte ein Nutzer die Frage, ob die Behauptung über das Renteneintrittsalter von UkrainerInnen stimmen würde, was von „MDR Investigativ“ zuerst bestätigt wurde, Ein Foto des Kommentars wurde daraufhin auf Social Media verbreitet:

MDR wiederholte die Falschbehauptung
MDR wiederholte die Falschbehauptung

Der Kommentar wurde wenig später wieder gelöscht, der MDR korrigierte diese Aussage in mehreren Kommentaren, beispielsweise HIER:

„Tatsächlich ist uns da ein Fehler unterlaufen. Menschen aus der Ukraine müssen, wie Deutsche auch, erst 5 Jahre in die Rentenversicherung einzahlen, bevor sie in Deutschland Rentenanspruch haben. Auch das Renteneintrittsalter ist das Gleiche wie für Deutsche. Der fragliche Kommentar ist so nicht mehr auf unserer Facebookseite zu finden und der Fehler wurde bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung des Kommentars in weiteren Kommentaren richtiggestellt.“

Thema erledigt? Weit gefehlt, denn die Behauptung verbreitet sich nun erneut:

Die Behauptung verbreitet sich erneut
Die Behauptung verbreitet sich erneut

Dass es diese Behauptung bereits seit April 2022 gibt, demnach es bereits seit Juni 2022 diese frühe Rente geben müsse, geht aus der erneuten Verbreitung nicht hervor, sodass geglaubt wird, dass dies ab dem Juni 2023 gelte.

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Was an der Behauptung richtig ist

Tatsächlich liegt das Renteneintrittsalter der Deutschen bei 67 Jahren, wobei dies aber vom Geburtsjahrgang abhängt (siehe HIER): Für Versicherte ab Jahrgang 1964 gilt die Regelaltersgrenze von 67 Jahren, frühere Jahrgänge können schon früher in Rente gehen, jemand des Jahrgangs 1956 beispielsweise bereits mit 65 Jahren und 10 Monaten.

Ab Juni 2022 änderte sich allerdings wirklich etwas für ukrainische Geflüchtete: Für deren Betreuung (soziale Leistungen wie z. B. Grundsicherung und Kindergeld) ist seit diesem Zeitpunkt das Jobcenter zuständig, nicht mehr die Sozialämter. Dies betrifft allerdings nicht die Renten, für die die Deutsche Rentenversicherung zuständig ist.

Was an der Behauptung falsch ist

  • Das Renteneintrittsalter in der Ukraine

Dies unterscheidet sich tatsächlich vom Renteneintrittsalter in Deutschland. Auch wird in der Ukraine zwischen Männern und Frauen diesbezüglich unterschieden (siehe HIER). Doch bedeutet dies nicht, dass das ukrainische System für in Deutschland lebende Ukrainer gilt!

  • Rente in Deutschland

Um überhaupt einen Rentenanspruch in Deutschland zu haben, muss man mindestens 5 Jahre in Deutschland arbeiten (siehe HIER). Ebenso ist das Renteneintrittsalter in Deutschland einheitlich, es wird nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden.

  • Aber vielleicht wird ja die Arbeitszeit in der Ukraine mit angerechnet?

Nein.
Dies wäre nur möglich, wenn eine Person vorher in einem EU-Land wohnte oder mit dem Land ein Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen wurde. Doch die Ukraine ist weder in der EU (siehe HIER), noch wurde mit der Ukraine ein Sozialversicherungsabkommen endgültig abgeschlossen (siehe HIER).

Fazit

Bewertung: FALSCH

Die Behauptung, dass geflüchtete UkrainerInnen in Deutschland früher Rente bekommen würden, füttert einfach nur das ausländerfeindliche Narrativ, dass Flüchtlinge den Deutschen den Rententopf leeren würden, deshalb die Rentenbeiträge steigen würden. An der Behauptung ist allerdings nichts wahr!


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.