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Transgender: Impulsgedanken zu einer gesellschaftlichen Debatte

Das Thema „Transgender“ wird in Politik und auf Social Media heiß diskutiert. Hin und wieder geraten auch Mimikama-Inhalte zu diesem Thema in die Diskussion. An dieser Stelle ein Inhalt, der bewusst zu einer fairen Diskussion einladen soll.

Andre Wolf, 28. Oktober 2022
Thema Transgender, Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Transgender: Impulsgedanken zu einer gesellschaftlichen Debatte
Thema Transgender, Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Ein Kommentar – Vor wenigen Tagen ist ein Artikel auf Mimikama erschienen, der von Seiten Gender-Identitätskritischer Menschen als einseitig und tendenziös kritisiert wird (siehe hier: Randolph High: Woge der Transfeindlichkeit wegen Vorfall in Mädchenumkleidekabine). Ich möchte mit diesem selbstkritischen Kommentar zu einer fairen Diskussion zum Thema „Transgender“ auffordern, gleichzeitig aber auch den Versuch einer Reflexion der Probleme angehen.

Die Ausgangslage: Der von uns veröffentlichte Artikel sei einseitig Artikel geschrieben. Er würde nicht das Bedürfnis eines Mädchens widerspiegeln, die sich nicht vor „Jungs“ umziehen zu wolle. Stattdessen würde diese Position als Feindlichkeit bezeichnet und überdies die Perspektive der Mädchen „vergessen“.

INFO!
Bei diesem Inhalt handelt es sich um einen Kommentar. Ein Kommentar spiegelt die Meinung des Autors wider.

Ich möchte daher als Kontrapunkt zu unserem bestehenden Artikel einmal bewusst den viel zitierten „Anwalt des Teufels“ spielen. Ich baue einfach mal eine These auf: In dem Artikel kommen die Ängste der Eltern oder junger Schülerinnen nicht zu Wort. Wir schreiben das komplett aus der Sicht einer „abgehobenen, kinderlosen progressiven Linke“.

Ich verändere einfach die Perspektive und stelle die Frage offen an alle, die Kinder haben. Mehr noch, eine Frage an alle, die Töchter haben: Stellt euch einfach vor, eure Tochter kommt weinend von der Schule. Als Erklärung gibt sie an, dass ab jetzt ist ein Junge beim Sport in der Mädchenumkleide dabei ist, der sich als Frau fühlt. Und der kann beim Umkleiden zusehen und nun traut sie sich nicht mehr in den Sportunterricht.
Wie hättest du reagiert?

Das sind Positionen, die wir in unserem veröffentlichten Artikel so nicht haben einfließen lassen. Bei aller Neutralität. Überdies auch unser Wording in dem Artikel. Darin wird durchgehend von „transfeindlich“ geschrieben, was ein Negativ-Framing darstellt, bzw. eine Position vermuten lassen könnte. Auch hier gäbe es die Möglichkeit, Begriffe wie „Gender-Identitätskritisch“ zu nutzen. Diesem Begriff kann dann wiederum vorgeworfen werden, dass er euphemistisch „Anfeindungen“ verschleiern würde. Ich bemerke die Zwickmühle und ich bemerke, dass man aus dem Thema „Transgender“ zum aktuellen Zeitpunkt nicht ohne Kritik durch Dritte herausgehen kann. Auch ich werde das mit diesem Artikel nicht können.

Transgender und die Frage der Moderne

Doch gehen wir an dieser Stelle dem Versuch einer Antwort auf die gestellte nach. Wie hättest du auch die Aussage deiner Tochter reagiert? „Als Erklärung gibt sie an, dass ab jetzt ist ein Junge beim Sport in der Mädchenumkleide dabei ist, der sich als Frau fühlt. Und der kann beim Umkleiden zusehen und nun traut sie sich nicht mehr in den Sportunterricht.“

Ich spekuliere mal. Wäre dies bei uns in den 80ern oder evtl. 70ern passiert, dann könnte ich mir das vorstellen, dass viele junge Schülerinnen und Schüler so reagiert hätten! Doch heute, ist das heute vielleicht anders? Die jungen Menschen (kommt wahrscheinlich auch darauf an, wer, wo, wie erzogen) stehen dem Thema gegenüber offener und hätten eventuell kein Problem damit.

Einige Schulen bieten gar „Misch-Umkleideräume“, ganz gleich wie es Unisex-Toiletten in verschiedenen Bereichen gibt. Viele Dinge ergeben sich als eine Art „neue Normalität“, weil sie langsam wachsen. Doch gleichzeitig muss ich diese Aussage auch selbstkritisch prüfen, denn ist das heutzutage wirklich alles anders? Existiert unter pubertierenden Menschen kein natürliches Schamgefühl? Aber wahrscheinlich treffen da auch verschiedene Faktoren zu wie das Alter selbst oder wie ein Kind aufgewachsen und erzogen wurde.

Misch-Umkleiden auf freiwilliger Basis finde ich beispielsweise eine schöne Idee. Auch freiwillige Unisex-Toiletten (generell). Mir selbst wäre das sowas von egal. Aber wir dürfen nie vergessen, dass es viele Menschen gibt, die ein (völlig berechtigtes) Schamgefühl haben und denen auch eine Intimsphäre zusteht.

Eine Kollegin aus dem Mimikama-Team schrieb mir auf meine Frage und das Thema Transgender, dass sie es zu Jugendzeiten generell als unangenehm empfand, sich in Gruppenumkleiden vor anderen Menschen umziehen zu müssen. Sie wurde gehänselt und beäugt von den anderen Mädchen. Ihrer Ansicht nach wüsste sie nicht zwingend, ob vor einem „biologischem Jungen“ der sich als Mädchen fühlt und auch so auftritt, sie sich weniger geschämt hätte als vor den anderen Mädchen. Aber das lässt sich natürlich jetzt Jahre später auch leicht dahinsagen. Aus heutiger Sicht gesehen bevorzugt sie weiterhin Einzelkabinen und Einzelduschen.

Jetzt tauchen die ersten etwas tiefergehenden Fragen auf: Was ist der Grund, warum sich Menschen vor anderen unwohl fühlen? Weil sie biologisch weiterhin männlich ist? Was spielt da rein? Die Angst, die Person könnte das nur vortäuschen, um nackte Mädchen zu sehen und dass dabei evtl. ein sexueller Aspekt mit einfließt? Dann müsste man auch lesbische Mädchen ausschließen, oder?

Haben wir nicht auch ein „Schamgefühl generell“? Also da, wo sich Menschen (auch junge Menschen) gemeinsam umziehen zu müssen? So wie beim Schwimmunterricht, wo sie dann komplett nackt zu sehen sind? Das Thema Körpervergleichen inklusive Bodyshaming kommt hier ebenfalls zum Zuge, ganz ab vom Transgender.

Miteinander reden kann ein Schlüssel sein. Kann sein, nicht muss. Aber auch behutsames Ausloten und herangehen und nicht Menschen vor vollendete Tatsachen stellen. Wie gesagt, das kann, nicht muss. Vor Ort und im Einzelfall wäre es vielleicht hilfreich, Probleme zu identifizieren und die Ängste und das Unwohlsein zu beheben. Kann sein, muss aber nicht so sein.

Transgender: Schutzräume für alle?

„Ich bevorzuge immer noch Einzelkabinen und Einzelduschen.“ schrieb mir also meine Kollegin. Es wird gerade spannend!
Ich komme so auf einen Punkt, an dem ebenfalls ein Problem liegt. Es liegt nämlich auch in der fehlenden Infrastruktur! Ich interpretiere aus den Ideen der freiwilligen Misch-Umkleideräume, den freiwilligen Unisex-Toiletten und den Einzelkabinen, dass es im Grunde nur auch um den realen (Schutz-) Raum geht.

Wenn freiwillige Unisex-Bereiche oder Einzelbereiche existieren, haben alle die Wahl. Existieren diese NICHT, fehlen real existierende Rückzugs- und Schutzorte. Egal, gegenüber welchem Geschlecht und welcher Identität. Wenn wir unter diesem Aspekt den Inhalt unseres kritisierten Ausgangsartikels anschauen, wäre ein dritter Raum für alle, die sich mit der Transperson unwohl fühlen, eine mögliche Lösung. Vielleicht.

Doch auch hier kommt ein mögliches Problem hinzu: Wir reden von Teenagern. Hier bilden sich wichtige soziale Gefüge, oft gehen junge Menschen zudem danach, was die „Beliebten“ innerhalb ihrer Gruppe machen (obschon: das machen nicht nur junge Menschen. Das machen ja irgendwie alle. Mehr oder weniger). Aber sie machen auch häufig noch das, was ihnen ihre Eltern sagen oder was die Eltern wollen.

Je nach Gruppengefüge können, wenn ich dieser Idee folge, Transpersonen durch isolierte Umkleiden auch ausgeschlossen werden. Wir bemerken also immer mehr, dass hier viele verschiedene (auch rein praktische) Probleme im Raum stehen, die abgewogen werden müssen, jedoch augenscheinlich auf den ersten Blick nicht einfach abgeschafft werden können. Inklusion ist eines davon.

Selbstreflexion

Ich habe einige Freundinnen, die transgender sind. Jaja, jetzt komme ich mit anekdotischer Evidenz um die Ecke. Aber das hier ist ja ein Kommentar, da darf ich das. Wenn ich mit ihnen spreche, merke ich teilweise deutlich, wie biologisch männlich sie sind. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Bei einer Freundin, die nicht zwingend auf den ersten Blick als transgender identifiziert werden kann, ist mir beim Abschied sogar mal „Dir alles Gute, mein Lieber“ über die Lippen gekommen. Im nächsten Moment habe ich erst bemerkt, was mir da passiert ist. Aber Stimme, Gestik und Statur sind eben partiell noch männlich geprägt und wirken somit unterbewusst auf mich.

Sicherlich wird unsere Gesellschaft immer offener oder will es zumindest werden. Transgender kann im Alltag (per Gesetz) offen gelebt werden und wird je nach Umfeld unterschiedlich akzeptiert. Auf der anderen Seite sind viele eben nicht wirklich so weit, um Transgenderpersonen einfach so in den Alltag zu integrieren, was bei einigen vermutlich auch an fehlendem Kontakt liegt.

Vielleicht spielt hier auch die Herkunft eine Rolle. Man könnte mutmaßen, dass einer Großstadt Transgender-Identität eher zum Stadtbild gehört als „auf dem Land“. Denn aus der Vergangenheit kennen wir, dass im dörflichen Bereich das „schwule Paar mit Kind“ schon eine Sensation war. Zumindest so lange, bis man zum ersten Mal direkten Kontakt mit der Familie hatte. Danach nicht mehr.

Das kann auch für transgender gelten. Kann, nicht muss. Wenn ein direkter und freundlicher Kontakt besteht, fallen schnell Hürden und eine Situation ist weniger befremdlich.

Jetzt sind wir aber bei dem nächsten Wording angekommen: Wir reden von „noch nicht so weit“. Damit implizieren wir eine „Rückständigkeit“ jener, die Gender-Identitätskritisch / transfeindlich sind. Doch sind sie das? Oder vertreten sie berechtigte Interessen? Gender-Identitätskritische / transfeindliche Menschen werden häufig und recht schnell auch als „rechts“ abgestempelt, um sie zu diffamieren. Dabei ist das Spektrum der Gruppe groß und (natürlich) befinden sich auch rechts-konservative Menschen darin. Aber eben „befinden“ sich sie nur darin. Eine politische Marschrichtung wüsste ich jetzt nicht zwingend zu fixieren, auch wenn das Risiko besteht, dass dieses Thema politisch tendenziös besetzt wird.

Im Regelfall habe ich ja auch die Wahl, welche Menschen ich in „mein Leben“ lasse. Ich kann mir aussuchen, mit wem ich Kontakt habe. Auf der anderen Seite müssen wir auch auf die Situationen schauen, wo das nicht der Fall ist. Wie beispielsweise auf der Arbeit oder eben in Schulen. Gleichzeitig dürfen wir nicht aus dem Blickfeld verlieren, dass alle Menschen ihre Rechte haben. Da führt ja kein Weg dran vorbei.

Da sind wir wieder beim Punkt wären, dass ein „Zwang“, sei er nur architektonischer Natur, sich in einem Raum mit Menschen umzuziehen / aufzuhalten, wenn man sich nicht wohlfühlt, grundsätzlich problematisch ist. Und jetzt fängt der Kopf an, in Richtung Explosion zu gehen: Wer muss oder sollte nun den Raum verlassen? Jene Person, die ein Problem mit Transgender-Identität hat oder die Person, die in dem Moment den Ausschlag für das Problem gibt?

Also ja, Inklusion für alle, aber wer damit halt absolut nicht klarkommt, muss eben Situationen, in denen er oder sie damit konfrontiert wird, dann meiden? Im schlimmsten Fall aus dem Volleyballteam austreten, wenn es keine andere Möglichkeit gibt? Ich merke, ich komme auf keine Lösung, da es hier um verschiedene Interessen geht.

Aber vielleicht an dieser Stelle ein analytischer Punkt: Es findet eine Entwicklung statt, die vielen Menschen zu schnell oder zu radikal über einen moderaten Punkt hinweg geschieht. Auf jeden Fall, und das ist auch meine Überzeugung, haben alle Menschen, völlig unabhängig ihrer Identität, ein Recht, ihre Identität zu leben. Ganz klar. Auf der anderen Seite müssen wir auch ausloten, ab wo sich wiederum andere Menschen bedrängt fühlen. Geht es daher nicht auch darum, einen gesellschaftlich praktikablen Konsens zu finden oder gemeinsam zu erarbeiten? Ich weiß es nicht. Das kann sein. Daher mein Impuls an dieser Stelle.

Zum Abschluss

Ich weiß, wie auch bereits angemerkt, dass auch dieser Inhalt mit Kritiken übersät wird. In diesem Falle ist das gewollt, da der Text als Impuls zur Auseinandersetzung dienen soll. Ich selbst sehe mich häufig überfordert. Abschließend kann ich zu unserem ursprünglichen Artikel nach Rücksprache mit dem Autor, also meinem Kollegen Walter, lediglich nur die von ihm genannten paar Fakten aus dem Artikel „Randolph High: Woge der Transfeindlichkeit wegen Vorfall in Mädchenumkleidekabine“ nochmals zusammenfassen:

1) Mutter und Transtochter sind nicht neu nach Randolph gezogen, das hat eine Weile anstandslos funktioniert
2) Die Regelungen in Vermont sehen vor, dass sich eine Transperson in dem Raum jenes Geschlechtes umziehen darf, zu dem sie sich zugehörig fühlt
3) Wer sich – warum auch immer – unwohl fühlt, hat das Recht auf einen Ort, wo man sich alleine umziehen kann
4) Das Interview mit der Mitschülerin hebt hervor, dass die Eltern darauf bestanden haben, dass das ein Problem ist
5) Das betroffene Mädchen wird in dem Artikel bewusst nicht weiter thematisiert oder charakterisiert, da sie erst 14 Jahre alt ist

Titelbild zum Thema Transgender von Gerd Altmann auf Pixabay


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
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