Die Behauptung

„Das Klima kann man nicht schützen“

Klimawandel ist und war schon immer Realität. Der Mensch und CO₂ haben damit allerdings nichts zu tun.

Unser Fazit

Das Klima war schon immer im Wandel, so weit richtig. Aber die Konzentration von CO₂ in der Erdatmosphäre war seit Millionen von Jahren nicht so hoch, jede Tonne heizt den Klimawandel weiter an. Zwischen kumulativen CO₂-Emissionen und dem Steigen der Oberflächentemperaturen gibt es eine nahezu lineare Beziehung.

Lügen werden nicht wahr, auch wenn man sie noch so oft wiederholt. Aktuell wird ein Video geteilt, in dem wieder einmal der menschengemachte Klimawandel geleugnet wird. Ebenso wird ein Zusammenhang zwischen steigendem Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre und steigenden Temperaturen bestritten. Die Argumente dafür sind alt, lange wissenschaftlich widerlegt und entsprechen nicht dem Konsens der aktuellen Forschungen zum Klimawandel.

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Man darf nicht über das Thema reden?

Natürlich darf man öffentlich seine Meinung zum Klimawandel kundtun. Aber wer Meinungsfreiheit einfordert, muss auch auf Widerspruch gefasst sein. „Wer infrage stellt, dass CO₂ der große Killer ist, über den rollt sofort die dicke Diffamierungsmaschine“, sagt die Interviewerin im Video. Widerspruch ist nicht gleich Diffamierung. Und manchmal sind es die echten Experten auch müde, auf Behauptungen zu reagieren, die längst nichts mehr zur Forschung und zu notwendigen politischen Maßnahmen beitragen.

Am 12. Oktober 2022 gab es beispielsweise eine Sachverständigen-Anhörung im Deutschen Bundestag. Das Thema der Anhörung war: „Wie arme Länder bei Klima­schäden unterstützt werden können“. Alle im Bundestag vertretenen Parteien hatten im Vorfeld für das Gremium Experten nominiert, so auch die AfD. Und wer gilt als Experte? Das entscheiden die Parteien selbst, hat der ARD-Faktenfinder recherchiert. Und wer interessiert sich für die Meinung des AfD-nominierten AfD-Mitglieds? Vorort niemand, außer der AfD. Woran könnte das liegen? Ganz einfach an einer Themenverfehlung dieses Experten.

Er leugnet die Rolle des Kohlendioxids am Klimawandel und lässt sich über die eigentlichen, „wesentlichen Probleme der Entwicklungsländer“ aus. Die wirklichen Experten rollen bei seinen Worten mit den Augen, können aber wenig machen, denn das Format der „Fragestunde“ lässt keine Diskussion zu. Könnte egal sein, oder? Nein, die Debatte wird live gestreamt, ein Clip des Geschwurbels landet auf Social Media und wird fleißig weiter geteilt. Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels hat in Deutschland also eine Bühne und ein Publikum. Leider.

Die Klima-Alarmisten täuschen die Öffentlichkeit?

Auftritt: Bühne rechts, ein emeritierter Professor für Geografie und Buchautor, der eng mit dem deutschen Flaggschiff der Klimawandelleugner zusammenarbeitet, dem „Europäischen Institut für Klima & Energie e. V.“. Er ist der Meinung, dass die Warnung vor der Globalen Erwärmung nur dazu dient, die Menschen zu verängstigen, um sie gefügig zu machen. Denn so lasse sich auch eine unsinnige CO₂-Steuer durchsetzen. Die Modelle zum Klimawandel des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) würden keinen Sinn machen. Sie basieren auf Berechnungen des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, in dem aber keine echten Klimatologen, sondern nur Meteorologen arbeiten würden.

Diese Modelle seien allerdings nur Spielerei: „Wenn man entsprechende Daten beim Computer eingibt, bekommt man das, was man braucht“. Die Ergebnisse der Modelle hängen von eingegeben Parametern ab, die teilweise nicht bekannt wären: atmosphärische Zirkulation, Varianten bei den Meeresströmungen. Als Gegenbeweis werden im Video Grafiken eingeblendet und besprochen, denen man sofort ansieht, dass sie überhaupt nicht aktuell sind, z.B. jene nach Schönwiese 1997. Was man nicht auf den ersten Blick erkennen kann, ist, dass die Daten noch um einiges älter sind. Sie beruhen auf Messungen von Eisbohrkernen in Grönland, die 1969 veröffentlicht wurden.

Also wer versucht hier die „Öffentlichkeit“ zu täuschen? Neuere Visualisierungen der globalen Temperaturentwicklung erkennt man sofort an einer optischen Auffälligkeit, die ihnen den Namen Hockeyschläger-Diagramm eingebracht haben: Nach einer langsamen Abkühlung beginnend um das Jahr 1000 springt die Temperaturkurve ab um 1900 deutlich nach oben. Eine Abbildung von Schönwiese in einer Publikation von 1995 zeigt übrigens ebenso den charakteristischen „Hockeyschläger“. Auch der unter dem Namen Climategate bekannt gewordene Zwischenfall, der auch im Video angesprochen wird, hat an der Grunderkenntnis nichts verändert: Der menschengemachte Klimawandel ist durch die Messdaten eindeutig bewiesen.

Es war schon deutlich wärmer als heute?

„Die letzte Warmzeit war deutlich wärmer als heute. Auch in historischer Zeit war es wärmer als heute. Aber nicht mehr so große Amplituden“, erklärt uns der emeritierte Geografie-Professor im Video. Sieht man sich seine Grafik an, könnte man das fast glauben. Die letzte Warmklima ist etwas länger her, damals lebten noch Dinosaurier auf der Erde. Die letzte Warmzeit vor der heutigen, genannt Eem-Warmzeit, endete auch schon 115.000 Jahren. Erst die aktuelle, das Holozän, machte Zivilisation möglich. Der Temperatursprung vor etwa 12.000 Jahren ist gut auf Schönwieses Grafiken sichtbar. In „historischer Zeit“, also seit wir menschengemachte Aufzeichnungen haben, war es noch nie so warm – siehe wieder der „Hockeyschläger“.

Und wie sieht es mit Kohlendioxid, dem wichtigsten Treibhausgas aus?

„Haben wir momentan hohe CO₂-Konzentration?“, fragt die Interviewerin im Video. Die Antwort des Experten: 420 ppm (also 420 Moleküle Kohlendioxid auf 1 Million Luft-Moleküle), das sei sehr wenig. Vor 50 Jahren sei der Wert schon einmal bei 500 ppm gelegen, vor Millionen von Jahren bei 7000 ppm. Stimmen die Werte? Nein, der CO₂-Gehalt der Erdatmosphäre war vor 50 Jahren viel niedriger. Seit 1958 gibt es regelmäßige Aufzeichnungen vom hawaiianischen Mauna Loa, bekannt als die Keeling-Kurve. Erster Messwert damals: 315 ppm. Heute, am 9.12.2022 liegt er bei 417 ppm.

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Die Temperatur nimmt zu, der CO₂-Gehalt in der Erdatmosphäre steigt. Das ist keine Scheinrelation, wie der emeritierte Geografie-Professor im Video erklärt. Der Zusammenhang ist klar belegt. Zahlen im jährlichen Treibhausgasindex der amerikanischen Wetterbehörde NOAA zeigen deutlich: die durch Menschen verursachten Treibhausgase haben um etwa 50 Prozent zugenommen, 80 Prozent davon sind CO₂. Das IPCC geht noch einen Schritt weiter und zeigt klar auf, „es gibt eine nahezu lineare Beziehung zwischen den kumulativen CO₂-Emissionen und dem Anstieg der globalen Oberflächentemperatur“.

Die Rechnung mit dem Kohlenstoffkreislauf

Nur drei bis vier Prozent des jährlichen Kohlendioxid-Ausstoßes werden vom Menschen verursacht, ist im Video zu hören. Damit verbleiben die restlichen 96 bis 97 % für natürliche Prozesse. Diese Zahlen sind alt, inzwischen liegt der menschliche Anteil etwa bei 5 Prozent. Was geschieht mit dem emittierten Kohlendioxid?

Nachdem Kohlendioxid (CO₂) in die Atmosphäre eingebracht wurde, wird es zunächst schnell zwischen der Atmosphäre, dem oberen Ozean und der Vegetation verteilt. Anschließend wird der Kohlenstoff weiterhin zwischen den verschiedenen Reservoirs des globalen Kohlenstoffkreislaufs, wie Böden, dem tieferen Ozean und Gesteinen, ausgetauscht. Manche dieser Austauschprozesse finden sehr langsam statt.

Je nach Menge des freigesetzten CO₂ verbleiben zwischen 15 % und 40 % bis zu 2000 Jahre lang in der Atmosphäre; danach stellt sich ein neues Gleichgewicht zwischen der Atmosphäre, der Landbiosphäre und dem Ozean ein. Geologische Prozesse werden irgendwo zwischen Zehn- und Hunderttausenden von Jahren und möglicherweise noch länger brauchen, um den Kohlenstoff weiter in den geologischen Speichern umzuverteilen. Höhere atmosphärische CO₂-Konzentrationen und damit verbundene klimatische Folgen von heutigen CO₂-Emissionen werden daher für eine sehr lange Zeit in die Zukunft andauern.

Aus der Klima-FAQ des Deutschen Klima Konsortiums

Die fünf Prozent, die durch den Menschen eingetragen werden, mögen wenig erscheinen, aber sie bringen das komplexe Gleichgewicht der natürlichen Prozesse aus der Balance. Außerdem haben wir noch ein weiteres Problem: Die natürlichen Kohlendioxid-Senken können immer weniger des Treibhausgases aufnehmen. Die Waldflächen nehmen global ab, die Ozeane können bei höheren Meerestemperaturen weniger CO₂ lösen. So bleibt noch mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre und die Temperatur steigt weiter und weiter.

FAZIT

Im Video wird mit falschen Zahlen gearbeitet, um Falschinformationen plausibel zu machen. Denn es gibt einen klaren wissenschaftlichen Konsens: Die globale Erwärmung ist menschengemacht und der vermehrte Eintrag von Kohlendioxid in die Atmosphäre dafür hauptverantwortlich. Jede zusätzliche Tonne an CO₂ heizt die Erde weiter auf. Sollen wir dieser Entwicklung weiter zusehen oder endlich die Emissionen massiv reduzieren? Wir haben es selbst in der Hand!

https://youtu.be/_cYroG_rBTA (Video: „Das Klima kann man nicht schützen“)
https://www.ipcc.ch (Internetauftritt des Intergovernmental Panels on Climate Change)
https://www.de-ipcc.de/media/content/AR6-WGI-SPM_deutsch_barrierefrei.pdf (Klimawandel 2021: Naturwissenschaftliche Grundlagen)
https://www.jstor.org/stable/1728129 (W. Dansgaard et al: One Thousand Centuries of Climatic Record from Camp Century on the Greenland Ice Sheet)
https://www.jstor.org/stable/44396930 (Christian Schönwiese: Global and Regional Climate Changes)
https://keelingcurve.ucsd.edu (Messwerte vom Mauna Loa, aufbereitet in der Keeling-Kurve)
https://gml.noaa.gov/aggi/aggi.html (Jährlicher Treibhausgasindex)
https://www.deutsches-klima-konsortium.de/de/klimafaq.html (Der Weltklimarat beantwortet die 29 häufigsten Fragen zum Klimawandel)
https://www.science20.com/uploads/1770191916-429173860.pdf (Abschlussbericht zum Climategate-Vorfall)
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw41-pa-wirtschaftl-zusammenarbeit-klima-912086 (Experten-Anhörung)
https://www.reuters.com/article/factcheck-climate-change-idUSL1N2S112H (Faktencheck: Hockeyschläger-Diagramm)
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/afd-ausschuesse-bundestag-101.html (Faktencheck: AfD bietet Pseudo-Experten eine Bühne)
https://dpa-factchecking.com/germany/221206-99-802453 (Faktencheck: Natur nimmt mehr CO₂ auf als sie abgibt)

Mehr zum Thema: Der Klimareport 2021 – In vielen Punkten leider Rekordwerte

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