Faktencheck

Faktencheck: Geschminkte Opfer des Ukraine-Krieges?

Ein Krieg kommt nicht ohne hässliche Bilder aus. Hier die (un)geschminkte Wahrheit über Fotos, die kürzlich aufgetaucht sind.

Walter Feichtinger, 24. November 2022

Die Behauptung

Bilder von einer „Verletzten“ aufgetaucht, die für Foto- oder Filmaufnahmen geschminkt wird. Die Behauptung: Die Ukraine faked Bilder von Kriegsverletzen, um „den Westen“ zu beeinflussen.

Unser Fazit

Die Fotos entstanden bei einer Übung, bei der Feldsanitäter ausgebildet werden. Mit Kunstblut und Modelliermasse wird nachgeholfen, um Verletzungen realistisch aussehen zu lassen.

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Der Vorwurf, dass die Ukraine Bilder und Videos von Verletzten fälscht, um weiterhin finanzielle Unterstützung aus „dem Westen“ zu bekommen, ist nicht neu. Propaganda und Gegenpropaganda sind Teil des Infowars, der in Zeiten von Social Media und Microblogging inzwischen eine wichtige Frontlinie darstellt. Russland oder zumindest russlandtreue Blogger haben in der vergangenen Monaten authentische Bilder von verletzten Ukrainern infrage gestellt (Raketenangriff auf Kyiv) oder den Dreh von Musikvideos und Dokumentarfilmen als Beweise für ukrainische Lügen geframet.

Vor wenigen Tagen sind wieder Bilder aufgetaucht, die vermeintlich eine deutliche Sprache sprechen. Man sieht in einer Collage von vier Bildern das Schminken einer Frau als Schwerverletzte durch eine andere Frau in Uniform. Im Hintergrund ist dabei eine Kulisse aus Pressspanplatten zu auszumachen. Die Frauen haben Spaß bei der Sache und stellen im dritten Bild eine Zombie-Szene. Die letzte Aufnahme zeigt, wie die fertig geschminkte Protagonistin von Uniformierten versorgt wird.

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Woher stammen diese Bilder?

Ohne Zusatzinformation ist schwer zu sagen, wo die Bilder herstammen oder wann sie angefertigt wurden. Auf den Bildern sind keine Armeefahrzeuge zu sehen. Auch der Bildhintergrund ist für eine Suche nicht gerade hilfreich. In der Bildrückwärtssuche sind die vier Aufnahmen nur in dieser Collage zu finden. Kein Datum. Keine weiteren Anhaltspunkte? Doch. Der „Makeup Artist“ hat ein Abzeichen an der Schulter, das eventuell zu einer ukrainischen Militäreinheit oder einem Freiwilligenbataillon gehören könnte.

Wappen
Das gesuchte Schulterabzeichen

Nach einer längeren Suche – die Bildrückwärtssuche funktioniert bei kleinen, verpixelten Bildern nämlich überhaupt nicht – sind wir schließlich fündig geworden. Es handelt sich um das Wappen eines medizinischen Ausbildungszentrums, dem 44 НАВЧАЛЬНИЙ ЦЕНТР in Kyiv. Auf der Über-uns-Seite beschreibt sich das 44Center so:

Unser Team arbeitet aktiv mit den Einheiten der ukrainischen Streitkräfte, der Nationalgarde, der Sicherheitskräfte, der Freiwilligenbataillone, des Innenministeriums, der Streifenpolizei und der Zivilbevölkerung zusammen. […] Seit den ersten Mobilisierungswellen waren wir aktiv an der militärischen Ausbildung auf den Truppenübungsplätzen Desna, Perlyavka, Tuchyn, Shirlan und Yavoriv beteiligt. […] Wir führen Fach- und Firmenschulungen in taktischer Medizin, Erster Hilfe und spezieller medizinischer Ausbildung durch.

Workshopteilnehmer zeigen, beim wem sie lernen durften, Februar 2020

Für das Vaterland: Dienst an Waffe und Schminkkoffer

Neben der Ausbildung von Zivilpersonen und den Bediensteten verschiedener, staatlicher Organisationen übernimmt das 44Center auch das Training von Feldsanitätern. Damit sich eine solche Übung für die Trainees möglichst realistisch anfühlt, wird dabei auch auf die Fähigkeiten von Makeup Artists zurückgegriffen. Hier ein Beispiel für eine geschminkte Verletzung von der Facebookseite des Ausbildungszentrums:

Makeup Artist Yulia Melnychenko mit einem ihrer „Opfer“, 2018

Von den unzähligen Übungen und Ausbildungsworkshops des 44Center finden sich sehr, sehr viele Fotos auf Facebook und auch einige auf der Homepage. Die vier Bilder der Fotocollage sind dort allerdings nicht dabei. Vielleicht stammen sie ja von einem Privathandy? Die beiden Protagonistinnen waren jedenfalls noch auf anderen Übungen:

Ausbilder für taktische Medizin des 44Center bei einer Waffenübung im Juli 2016

Die Kombination von Schminke und Sturmgewehren ist nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Viele Armeen setzen Makeup Artists zur Simulation von Gefechtsverletzungen ein. Ein Artikel der U.S. Army Reserve gibt einen guten Einblick, wie Soldaten auf der anderen Seite des Atlantiks in Schminken von Wunden geschult werden.

Update 26.11.2022

Inzwischen ist eine E-Mail-Antwort vom Schulungszentrum eingetroffen, die unsere Recherchen bestätigt. Die Aufnahmen stammen vom Juni 2016.

We are pretty sure that the emblem on the shoulder belongs to your organization. Moreover, you don’t see any made-up wounded people from the war against Russia in the photos, but shots taken during a field medic exercise. Is that about right?

Hello) Absolutely right)
It’s photo from 12.06.2016 Kyiv

Unsere Frage und die Antwort des 44 НАВЧАЛЬНИЙ ЦЕНТР

„Wir sind uns ziemlich sicher, dass das Emblem auf der Schulter zu Ihrer Organisation gehört. Außerdem sieht man auf den Fotos keine geschminkten Verwundeten aus dem Krieg gegen Russland, sondern Aufnahmen, die bei einer Sanitätsübung gemacht wurden. Ist das so richtig?“

„Hallo) Absolut richtig)
Es ist ein Foto vom 12.06.2016 in Kyiv“

Weitere Impressionen der Übung vom 12.06.2016

FAZIT

Die Bilder stammen von einem Training für Feldsanitäter eines ukrainischen Ausbildungszentrums und sind bereits einige Jahre vor dem Ukraine-Krieg entstanden. Viele Armeen haben Makeup Artists unter Vertrag, damit geschminkte Verletzungen realistischer wirken.

http://44center.com (Homepage des medizinischen Ausbildungszentrums)
https://www.facebook.com/44TC.UA (Facebook-Auftritt des 44Center)
https://www.usar.army.mil/News/News-Display/Article/1176367/behind-the-scenes-makeup-and-mannequins
https://apnews.com/article/fact-check-Russia-Ukraine-war-759530997743 (Faktencheck zu Videoclip der Dokumentation „Region of Heroes“)

Mehr zum Thema: Vermeintlich inszenierte Kriegsbilder für einen Musikvideo-Dreh

Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur
Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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