Faktencheck

Warum Windparks trotz Stromknappheit abgeschaltet werden

Der Betreiber eines Windparks regt sich auf: Trotz drohender Stromknappheit und hoher Strompreise wird seine Anlage immer wieder mal abgeschaltet. Dahinter vermutet eine Seite eine künstliche Stromverknappung, um den Strompreis hochzuhalten, doch der Grund ist ein ganz anderer.

Ralf Nowotny, 24. November 2022

Die Behauptung

Es wird behauptet, dass Windparks abgeschaltet werden, um mit dem Strompreis an der Börse spekulieren zu können und eine künstliche Stromknappheit geschaffen werden kann.

Unser Fazit

Die Strom-Infrastruktur in Deutschland ist nicht ausgebaut genug, um Strom von Windparks in weitere Entfernung zu transportieren, sodass Abschaltungen leider oftmals nötig sind, da zuviel Strom produziert wird.

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Oberflächlich gesehen klingt es wirklich erst einmal verrückt: Warum werden Windparks abgeschaltet, während die Diskussionen um eine mögliche Stromknappheit immer wieder durch die Presse gehen und der Strompreis auch nicht gerade niedrig ist? Nachdem der Betreiber eines Windparks sich offen darüber aufgeregt hatte, vermutet eine Seite dahinter eine künstliche Stromverknappung und dass „die Öffentlichkeit betrogen und abgezockt“ wird.
Wir betrachten, ob die Vorwürfe gerechtfertigt sind.

Die Aufregung um die Abschaltung eines Windparks

Bestimmte Kreise wurden erst durch einen Artikel einer einschlägigen Seite (archiviert HIER) auf die Problematik aufmerksam, der zwar bereits im September 2022 erschien, aber immer noch Wellen schlägt: Ein Windpark werde vom Direktvermarkter „Westfalenwind Strom GmbH“ künstlich gedrosselt, damit an der Strombörse mit dem Preis „gezockt“ werden könne und der Strom knapp bleibt.

Der Artikel einer einschlägigen Seite (archivierte Quelle)

Aufmerksam wurde jene Seite auf die Thematik anscheinend durch den Blog des Windpark-Betreibers (archiviert HIER), auf dem er sich immer wieder über die Abschaltungen seiner Windkraftanlagen echauffierte.

Auszug aus dem Blog des Betreibers (archivierte Quelle)

Laut dem Betreiber gab es auch Kontakt mit dem Geschäftsführer des Direktvermarkters „Westfalenwind Strom GmbH“, der ihm erklärte, dass die Anlage „aus wirtschaftlichen Gründen“ abgeschaltet werden würde. Der Betreiber geht aber nicht näher darauf ein, welche Gründe genau ihm genannt wurden.

Warum werden Windparks abgeschaltet?

Die Frage stellen sich sicherlich viele: Da weht ein anständiges Lüftchen, aber die Windräder, an denen man vorbeifährt, stehen still. Wie kann das sein? Warum wird vor Stromknappheit gewarnt, aber die Windräder nicht genutzt? Hat der Betreiber des Windparks vielleicht recht und jene Seite etwa recht? Gibt es eine „Strompreisverschwörung“?

Die Antwort ist keine große Verschwörung, die dort aufgedeckt wird, sondern lässt sich in zwei einfachen Worten zusammenfassen: Stromüberschuss und Strom-Infrastruktur.

Auf beide Punkte gehen wir nun genauer ein. Gleich zuvor ein Hinweis: Wir werden die Vorgänge vereinfacht erklären, um den Artikel nicht unnötig mit technischen Begriffen zuzupflastern. Das Prinzip sollte dadurch jedoch jedem klar werden.

In einem Telefonat mit dem von dem Betreiber angeprangerten Direktvermarkter „Westfalenwind Strom GmbH“ konnten wir uns ausführlich darüber informieren, von welchen „wirtschaftlichen Gründen“ der Betreiber des Windparks denn schreibt und wo die genaue Problematik liegt – Informationen, die der Betreiber selbst auch bekommen hat, von denen er aber nichts auf seinem Blog schreibt.

Der Stromüberschuss

Windparks haben zwei große Vorteile: Sie sind schnell an- und abschaltbar, und sie sind bei ausreichend Wind äußerst effektiv. Manchmal sogar zu effektiv für die Strom-Infrastruktur (dazu kommen wir ja gleich noch), sodass sie mehr Strom erzeugen, als abgeführt werden kann.

Und da liegt Problem Nr. 1: Wenn mehr Strom erzeugt wird, als abgeführt werden kann, sinkt der Strompreis bis ins Negative rein, was bedeuten würde, dass der Windpark-Betreiber sogar dafür zahlen müsste, dass er Strom erzeugt. Also wird die Anlage deshalb abgeschaltet.

Warum wird nicht stattdessen ein umweltverschmutzendes Braunkohlekraftwerk abgeschaltet?

Die Abschaltungen der Windparks sind für die Betreiber natürlich lästig, auch wenn sie über den Strompreis dafür entschädigt werden. Sie geschehen zudem immer kurzfristig, was bei einem behäbigen Kohlekraftwerk nicht möglich ist. Diese brauchen Stunden, um herunterzufahren, und wieder Stunden, um wieder hochzufahren, während bei einem Windpark quasi nur ein Schalter umgelegt werden muss.

Aber warum trifft es ausgerechnet immer diesen einen Windpark?

Dies mag dem Betreiber vielleicht als Schikane vorkommen, liegt aber laut der „Westfalenwind Strom GmbH“ ebenfalls an der Wirtschaftlichkeit: Der entsprechende Windpark Fürstenau hat laut dem Direktvermarkter (siehe HIER) eine Leistung von 9,35 MW und wurde von 2003 bis 2005 erbaut.

Damit ist es bei weitem nicht mehr der jüngste, aber auch nicht der älteste Windpark, im Bereich Steinheim/Nieheim/Brakel/Holzminden zudem das einzige Windkraftwerk, das abgeschaltet werden könnte. Das Alter der Anlage spielt aber auf jeden Fall eine Rolle, da moderne Anlagen die gleiche Leistung in weitaus kürzerer Zeit aufbringen können.

Die Strom-Infrastruktur

Dies ist ein Faktor, an dem weder der Betreiber des Windparks, noch der Direktvermarkter etwas ändern kann, sondern einzig und allein die Politik. Denn was in Deutschland immer noch nicht wirklich existiert, ist eine durchgehende und effektive Infrastruktur, die es ermöglicht, den erzeugten Strom auf weitere Strecken zu transportieren.

Um bei dem aktuellen Fall zu bleiben: Wenn in Paderborn ein Übermaß an Strom produziert wird, fehlt die Infrastruktur, um den Strom auch ins nur rund 50 Kilometer entfernte Bielefeld zu transportieren, wo vielleicht eine Stromknappheit herrscht. Deswegen muss der Windpark leider abgeschaltet werden.

Fassen wir zusammen

Es ist also eine Situation, die für beide Parteien unbefriedigend ist: Der Windpark-Betreiber muss seine Anlage abschalten lassen, der Direktvermarkter kann überschüssig produzierten Strom nicht weiterleiten, wodurch jährlich rund 5 Prozent Strom verloren gehen – und dies wegen fehlender Strom-Infrastruktur, für die beide Parteien nichts können.

Es gibt also keine „Strompreis-Verschwörung“ der Direktvermarkter, sondern es ist einfach nur die eher traurige Erkenntnis, dass Deutschland mit erneuerbaren Energien schon sehr viel weiter wäre, wenn sich die Politik mehr um den Ausbau der Strom-Infrastruktur kümmern würde – dann würde das Schreckgespenst „Stromknappheit“ auch nicht mehr so häufig durch die Presse geistern.

Auch interessant: Windkraftanlagen sind Wunderwerke der Technik. Sie erzeugen wahlweise Strom oder Wind – wird zumindest immer wieder behauptet. Der neueste Spin der Windkraftgegner lautet: Windräder sorgen für Windstille. Klingt absurd? Ist es auch.
Kein Windsterben durch Windkraft


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