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Die Harvard-Studie über Fluorid

Ralf Nowotny,

Die Harvard-Studie über Fluorid
Artikelbild: Shutterstock / Von Billion Photos

Auf einem Sharepic wird behauptet, dass eine Harvard-Studie eindeutig beweist, dass Fluorid „dumm macht“.

In dem Beitrag der Facebookseite „Frieden rockt“ heißt es, dass durch jene Studie zum wiederholten Male wissenschaftlich bestätigt werde, dass Fluoride nicht allein nur gesundheitsschädlich sind, sondern tatsächlich auch noch dumm machen.

https://www.facebook.com/frieden.rockt/photos/a.1620619544826314/2579402832281309/?type=3

In Folge werden in dem Beitrag diverse Rückschlüsse gezogen, beispielsweise:

„Wenn Sie das nächste Mal zu Ihrem Zahnarzt gehen, dann wird er also jede Menge Scheinargumente vorbringen können, wie “superwichtig” Fluorid doch für die Zähne sei.“

und

„Böse Zungen behaupten es wäre auch hier in Deutschland mal sinnvoll das Leitungswasser darauf zu testen. Aber das ist sicher nur eine weitere Verschwörungstherie Mimikama

Das Fazit, welches „Frieden rockt“ zieht:

„Fluorid macht willensschwach und versetzt den Menschen in eine Art nebelhaften Geisteszustand! Die eigentliche Wahrnehmung wird durch die gezielte Vergiftung der #Zirbeldrüse unterbunden!

Es gefällt den Verantwortlichen nicht, wenn wir in der Lage sind, Manipulationen zu erkennen. Dies ist keineswegs Ausgeburt einer „Verschwörungstheorie“, sondern einwandfrei beweisbar durch die Tatsache, dass weltweit etwa 60 Psychopharmaka Fluorid als wichtigsten Bestandteil enthalten.“

Im Folgenden werden wir beleuchten, ob es sich wirklich um eine geheime Verschwörung handelt, die durch die Harvard-Studie aufgedeckt wurde, oder ob die Facebookseite falsche Schlüsse aus der Studie zieht.

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Die Harvard-Studie

Jene wurde praktischerweise auch in dem Beitrag verlinkt. Sie stammt aus dem Jahr 2012 und trägt den Titel „Einfluss von Fluorid auf die neurologische Entwicklung bei Kindern„.

Konkret geht es in der Studie um Fluorid in Trinkwasser. So sei zwar bekannt, dass extrem hohe Fluoridwerte im Wasser, wie sie in manchen Ländern vorkommen, bei Erwachsenen Neurotoxizität verursachen und bei Nagetieren negative Auswirkungen auf das Gedächtnis und Lernvermögen haben, bisher aber wenig über die Auswirkung der neuronalen Entwicklung bei Kindern bekannt sei.

Dazu habe man 27 Studien in einer Meta-Analyse kombiniert und kam zu starken Hinweisen, dass Fluorid im Trinkwasser die kognitive Entwicklung von Kindern beeinflusse.

Die Presse und das Harvard-Statement

Da sich 2012 viele Presseorgane auf den Punkt „Fluorid macht dumm“ (also genauso wie das Sharepic von „Frieden rockt“) einigten, sah sich Harvard gezwungen, für alle Leser diese Studie noch einmal vereinfacht in den Ergebnissen zusammen zu fassen:

  • Bei der Abwägung der Risiken und Vorteile einer Fluoridbelastung muss die Höhe der Aufnahme berücksichtigt werden
  • Mögliche Risiken für die Gehirnentwicklung von Kindern wurden in China untersucht, aber diese mögliche Gefahr wurde in den USA nicht oder nur wenig berücksichtigt
  • 25 der 27 Studien stammen aus China, im Durchschnitt zeigten Kinder mit höherer Fluoridbelastung einen niedrigeren IQ
  • Das in China in das Grundwasser freigesetzte Fluorid übertraf die für die USA typischen Werte zum Teil deutlich
  • Die Ergebnisse lassen keine Rückschlüsse auf das in den USA enthaltene Fluorid im Wasser zu, da dort die Werte weitaus geringer sind

Vom Wasser zur Zahnpasta

In Deutschland wird das Trinkwasser nicht mit Fluorid angereichert, also macht der Beitrag einen Schwenk zur Zahnpasta, in der sich tatsächlich zumeist Fluorid befindet. Doch wie ist es da mit der Giftigkeit bestellt?

Bei dem Fluorid in der Zahnpasta handelt es sich um Natriumfluorid.
Giftig ist dieses Fluorid ab einer Menge von durchschnittlich 52 Milligramm pro Kilogramm bei Erwachsenen, bei Kindern liegt die toxische Dosis bei etwa 5 Milligramm pro Kilogramm.

In Zahnpasta findet sich durchschnittlich 1450 ppm (parts per million) Natriumfluorid, bei Kinderzahnpasta höchstens 500 ppm.
Das Natriumfluorid in der Zahnpasta hilft, angegriffenen Zahnschmelz zu reparieren, die Zähne bekommen dadurch wieder eine intakte Oberfläche und sind besser vor Karies geschützt.

Schon Kleinkinder lernen, nach dem Zähneputzen auszuspucken. Das nicht nur, weil Zahnpasta nicht unbedingt ein leckeres Essen darstellt, sondern auch, damit das Fluorid nicht in den Körper gelangt, wo es sich tatsächlich anlagern kann.
Wichtig: Nur mit Wasser ausspucken, nicht zu stark ausspülen, damit das Fluorid, welches an den Zähnen haften bleiben soll, nicht „weggeschwemmt“ wird.

Als Beispiel nehmen wir mal ein Kind mit einem Körpergewicht von 15 Kilogramm:
Damit es zu Vergiftungserscheinungen durch Fluorid kommt, müsste das Kind auf einen Schlag 150 Milliliter, also zwei Tuben Kinderzahnpasta, essen! Ab 30 Milligramm pro Kilogramm wäre es sogar tödlich, das wären dann in etwa 12 Tuben Zahnpasta.

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Fazit

Die Harvard-Studie bezieht sich auf den erhöhten Fluoridgehalt im Trinkwasser in China, nicht etwa auf das Natriumfluorid in Zahnpasta in den USA oder hierzulande.

Die Menge an Fluorid in Zahnpasta liegt jedoch weit unter einem toxischen Wert. Selbst das gelegentliche Verschlucken von Zahnpasta, was bei Kindern manchmal vorkommt, kann nicht zu Vergiftungserscheinungen führen.

Insofern ist der Beitrag und das Sharepic als reine Panikmache aufgrund einer mißverstandenen Studie und falschen Schlussfolgerungen anzusehen.

Artikelbild: Shutterstock / Von Billion Photos


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