Immer wieder bekommen wir Anfragen zu einem Beitrag, in dem von Kühen, die ein Loch im Bauch haben, berichtet wird.

Um diesen Beitrag geht es:
MIMIKAMA
In dem Beitrag des Magazins „Ist Positiv“ wird von der „Fistualisierung“ (sic), die an Kühen vorgenommen wird, berichtet. Dabei wird von einer „grausamen, barbarischen Praxis“ gesprochen, mit der die Tiere gequält würden.
Also mal wieder eine ganz böse Manipulation am Tier, nur um damit gruselige Experimente zu machen?

Es handelt sich um keinen Fake: Es heißt jedoch „Fistulierung“, nicht „Fistualisierung“. Diese Fisteltiere existieren wirklich und sind nicht nur für ihre Artgenossen, sondern auch für den Menschen sehr wichtig.

Was all diese Tiere gemeinsam haben, ist das Vormagensystem mit Pansen, der quasi eine riesige Gärkammer ist, in der das Futter durch Bakterien fermentiert wird. Dieser Pansen hat für die Fütterung der Tiere eine ganz besondere Bedeutung, denn die Bakterien, die hier leben, machen es Kühen möglich, selbst unter schweren Bedingungen mit fast unverdaulicher Nahrung (Stroh, Heu, Holz, etc.) noch ausreichend Energie zu gewinnen.

Nicht nur für die Forschung, sondern auch für das Tier

Das Problem: Dabei entsteht Methan, was ein starkes Treibhausgas ist. Ein Grund für die Existenz von Fistelkühen ist also zu erforschen, wie man den Ausstoß von Methan durch die richtige Fütterung minimieren kann und dabei trotzdem genug Milch oder Fleisch zu produzieren.
Auch kann man so viel einfacher und schonender für die Tiere die Verdauung erforschen und viele wichtige Fragen klären, die zum Umweltschutz und für die Ernährung wichtig sein können.
Ein weiterer Punkt ist medizinische Hilfe für andere Tiere: In meiner Zeit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover hatten wir in den Kliniken verschiedene Fisteltiere, die vielen ihrer Artgenossen das Leben gerettet haben.
Denn wenn eine Kuh, Schaf oder Ziege zu viel Getreide, Brot oder ähnliche schlecht verträgliche Nahrung frisst, „kippt der Pansen um“ wie das biologische Gleichgewicht in einem Gewässer.
Alle „guten“ Bakterien sterben und die Kuh kann zum einen ihr Futter nicht mehr verarbeiten, zum anderen vergiftet sie sich durch die Bakterien, die sich nun im Pansen ansiedeln und zum Beispiel Alkohol produzieren (gar nicht gut für die Kuh).
Der Pansen ist dann meist übersäuert und alle „guten“ Bakterien sind tot. Um nun das Tier zu retten, wird der Pansen abgepuffert und mit Pansenflüssigkeit von gesunden Kühen neu angeimpft, also die benötigten Bakterien dort neu angesiedelt. Dafür werden von gesunden Kühen mit Fistel der Pansensaft abgezogen und an die Empfängerkuh gegeben.

Aber das muss doch wehtun?

Nein, denn bei der Fistel wird der Pansen quasi nach außen festgenäht. Der Pansen selber empfindet keinen Schmerz und wenn die Wunde abgeheilt ist und das Loch verschlossen ist, können die Tiere ein ganz normales und langes Leben damit führen. Die einzige Bedingung ist, dass die Fistel natürlich täglich gereinigt werden muss.
Ich könnte schöne Anekdoten von unserer Fistelkuh „Susanne“ erzählen, die nach einem langen und erfolgreichen Leben an dem Physiologischen Institut der TiHo mit über 20 Jahren von uns ging. (Sie fand sämtliche Bonbons in sämtlichen Kitteltaschen mit der Zunge).
Tatsächlich werden die meisten Fistelkühe deutlich besser gehalten als ihre „Hochleistungs-Artgenossen“ in den Ställen der Landwirte.
Also: Nicht alles, was gruselig aussieht, ist auch wirklich schlimm. Aber vieles, was man nicht sieht, ist gruselig. Tierschutz beginnt daher auf dem eigenen Teller!

Autor: Anke M., mimikama.org

Quellen und weitere Informationen:


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