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Das gesteinigte Känguru im China-Zoo

Mimikama, 5. Februar 2019
Artikelbild: Belle Ciezak / Shutterstock
Artikelbild: Belle Ciezak / Shutterstock

„Horror in Chinas Zoos! Zoobesucher in China steinigten Känguru zu Tode“

So lautet je ein Statusbeitrag vom 30.01.2019 und vom 01.02.2019. Einige Facebook-Nutzer äußern Zweifel an der Aktualität und am Wahrheitsgehalt der Meldung. Vorweg: Der Vorfall ist passiert, aber schon länger her.

https://www.facebook.com/Netzfrauen/posts/2307622245917412?__xts__%5B0%5D=68.ARA8mR1EHupRj3dNlWx_Tcj4-1jK4eAfZvCwoalI8ytj8UG9aJbqzljeL7E6HEVWmfK7bSRuIURvQmZ8jy2s78AjgHBMquQQUb125a-3g0KL7EgMOcJYGgAy96oHeKAeEvw2YC-6jx5NoFSWbjkF06689gmJoyfWrNDDMIjYfRMRJlW8-YfpeHXNbYX_yeUnELuEXDKm5jxVDPoNKBew_WEhm7OR3Xb7sxc7G1KZKf1zJqsW7OINZuFVy6Ikt5gZhD6DwL-I3RaipN5sT2ow6dmmgufbHKsol9Qa7FbfBCQPGGIPE-jJvrcYFZD5kIBA4T0c6WR790T3Wgv1pC6wlxBOKA&__tn__=-R

„Ein Känguru starb in einem Zoo im Südosten Chinas und ein anderes wurde schwer verletzt. Die Besucher wollten sehen, wie die Kängurus springen und bewarfen die Tiere mit Steine. Immer wieder versuchen die Besucher Tiere zu provozieren, bis die Situation außer Kontrolle gerät. Eines der Känguru litt schwere Verletzungen an den Nieren und starb, das andere Beuteltier erlitt schwere Verletzungen.“

Nicht aktuell

Die Kängurus samt Fotos wurde 1:1 von der brasilianischen Unterhaltungswebseite paporetolive.com (Artikel vom 29.01.19) übernommen und in dem dazugehörigen Blogbeitrag weiter ausgeschmückt. Dabei entsteht der Eindruck, dass es sich um eine aktuelle Nachricht handeln würde. Allerdings haben der STERN und andere Zeitschriften bereits im April 2018 mit Textmaterial der Nachrichtenagentur AFP über diesen Fall berichtet, der auch im chinesischen Fernsehen thematisiert wurde.

Tatsächlich wurde durch Steinwürfe von Besuchern des chinesischen Zooparks in Fuzhou im April 2018 ein 12 Jahre altes weibliches Riesenkänguru schwer verletzt, ein weiteres 5 Jahre altes Männchen wurde leicht verletzt. Das ältere Tier starb wenig später. Auf den Fotos ist ein liegendes Känguru zu sehen, das offenbar mittels Infusionen medizinisch versorgt wird. Weiterhin werden die eingebettete Nahaufnahme einer blutigen Pfote sowie ein lebendes Riesenkänguru gezeigt. Ein weiteres (aktuelles) Opfer, wie im Artikel suggeriert, gab es nicht.

Die verwendeten Bilder des getöteten Kängurus und der Zoobesucher besitzen ein deutlich sichtbares Copyright-Wasserzeichen von Strait Metropolitan Post und sind identisch mit den Artikelbildern auf paporetolive.com

Lebendfutter artgerecht?

„Um die Touristen bei Laune zu halten, werfen die Pfleger des Zoos den Raubtieren sogar lebendige Tiere zum Fraß vor.“

Ergänzt wird die Känguru-Nachricht mit allgemeiner Zoo-Kritik und China-Kritik sowie mit drei kurzen Absätzen über Affen, Löwen und Tiger in chinesischen Zoos. Letzteren sollen lebende Futtertiere vorgeworfen werden – angeblich zur Belustigung der Touristen. Das ist falsch! Die Besucher des Zoos sind zudem überwiegend Einheimische. Lebendfütterung wäre artgerecht und wird in einigen asiatischen Zoos außerhalb der Besuchszeiten tatsächlich praktiziert. Bei den beiden Beispielen mit Fotos handelt es sich um extra initiierte Protestaktionen 2017 im chinesischen Changzhou, um auf die unzureichenden Tierschutzgesetze des Landes hinzuweisen. Die Besucher waren entsetzt und verhinderten zumindest das Verfüttern einer Ziege.

Entwarnung: In Deutschland ist laut Paragraph 1 des Tierschutzgesetztes weder für Zoos noch für Zirkusse oder private Tierhalter eine Verfütterung lebender Wirbeltiere erlaubt. Eine Ausnahmeregelung gilt für die Fütterung von Schlangen.

Zurück zu dem durch Steinwürfe getöteten Känguru

Im Artikel selbst wird geklagt: „Das 12- jährige Beuteltier wurde mehrfach verletzt, bis es starb. Keiner hatte geholfen!“ Dass das Verhalten der chinesischen Zoobesucher nicht in Ordnung ist, versteht sich von selbst. Reagiert wurde von den Verantwortlichen sehr wohl. Denn das verletzte Känguru wurde medizinisch versorgt, wie auch auf dem Bild zu sehen ist. Aufgrund seines Alters und der Verletzungen musste es jedoch erlöst werden.

In freier Wildbahn werden Kängurus kaum älter als 10 Jahre, in Gefangenschaft können sie ein Lebensalter von bis zu 24 Jahren erreichen.

Laut STERN (Zitat vom 20.04.18) „soll das getötete Känguru ausgestopft und in dem Zoo zur Mahnung ausgestellt werden – die Besucher sind dafür bekannt, dass sie immer wieder Kängurus mit Steinwürfen in Bewegung bringen wollen. Darüber hinaus will der Zoo dem Bericht zufolge Überwachungskameras installieren.

Bei dem betreffenden chinesischen Zoo nahe der südöstlichen Stadt Fuzhou handelt es sich um einen großen Naturzoo mit geräumigen Freigehegen und angeschlossener Panda-Aufzucht. Die vielen negativen Google-Bewertungen beziehen sich allesamt auf das im April 2018 durch Steinwürfe getötete Känguru und stammen offenbar zu einem Großteil von Usern, die den Zoo selbst nie besucht haben, sondern nur die Berichterstattung in den Medien kennen.

In chinesischen Zoos kommt es aufgrund von Sicherheitslücken häufiger zu grauslichen Zwischenfällen, bei denen nicht nur Tiere zu Schaden, sondern auch Menschen zu Tode kommen. Die Kommentarspalten solcher Meldungen sind voll mit Empörungs- und Hassposts – gegen Menschen. Clickbait und Empörung hier helfen jedoch keinem einzigen Tier dort, sondern erhöhen nur die Werbeeinnahmen des jeweiligen Seitenbetreibers. Ob der traurige Vorfall hätte verhindert werden können, ist unmöglich von Deutschland aus zu beurteilen.

Man muss übrigens nicht erst in die Ferne schweifen. Von Besuchern initiierte Übergriffe und Gewalt gegen Zootiere kommen auch in Deutschland vor. Empathielose Tierquäler gibt es leider überall.

Fazit

Die Nachricht ist kein Fake. Der Vorfall ist jedoch keineswegs aktuell, sondern passierte bereits Anfang April 2018. Von einem weiteren, erst kürzlich „gesteinigten“ Känguru ist uns nichts bekannt. Eine Verfütterung von lebenden Tieren zur Belustigung der Touristen findet nicht statt.

Gastautorin: Claudia Goepel


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
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