Die Behauptung

Ein älterer Zeitungsartikel aus 1995, der warme Sommer aus der Vergangenheit dokumentiert, wird in sozialen Netzwerken irreführend interpretiert, um aktuelle Temperaturtrends und die globale Erwärmung zu relativieren.

Unser Fazit

Obwohl es früher warme Sommer gab, zeigen jüngere Daten einen klaren Erwärmungstrend. Das Nutzen alter Wetterdaten zur Relativierung der aktuellen Erwärmung ist irreführend.

Der Verfasser des Artikels „Nach Jahrhundertsommer 1911 immer wieder Hitzeperioden“ ist Adolf Hirth. Die veröffentlichende Zeitung ist nicht erkennbar. Im Abgleich mit den Temperaturaufzeichnungen ist der Artikel sachlich korrekt.

Information zu Adolf Hirth: Hirth, ein bedeutender Name in der Literatur. Bekannt für seine zahlreichen Zeitungsartikel und heimatgeschichtlichen Bücher, hat Hirth ein beeindruckendes Erbe hinterlassen. Als Lehrer und Experte für Sagen und Geschichte verstarb er 2016 im Alter von 88 Jahren. Sein Ansehen als Heimatforscher und Sagenexperte reichte weit über Baden hinaus, was durch Anfragen aus England und den USA auch im hohen Alter bestätigt wurde. Für seine Beiträge wurde er von seiner Heimatgemeinde mit der Bürgerehrennadel ausgezeichnet und von der Bundesrepublik Deutschland mit der Verdienstmedaille geehrt.

In diesem Zeitungsartikel steht: Nach Jahrhundertsommer 1911 immer wieder Hitzeperioden


Nach Jahrhundertsommer 1911 immer wieder Hitzeperioden Im Jahr 1947 über 36 Grad bis im Oktober hinein. Bühl. Der Juli hat in diesem Jahr nicht nur seinem Ruf als Hochsommermonat“ voll entsprochen, sondern er hat gleichzeitig auch jene Befürchtungen, dass dem verregneten, kühlen Frühling auch ein mieser“ Sommer folgen könnte, mit aller Kraft zunichtegemacht. Die Quecksilbersäule kletterte in bedrückende Höhen und ließ die Menschen unter der großen Hitze stöhnen. Als erster extrem heißer Sommer ging der des Jahres 1911 in die Annalen ein. Damals war der Hitzerekord in Deutschland, nach amtlicher Maßgabe 39,9 Grad, in Jena gemessen worden; aber auch die heimischen Aufzeichnungen lagen nicht allzu viel darunter. Freude über diesen Sommer hatten die Winzer, das Jahr 1911 bescherte ihnen einen Jahrhundertwein. Von Anfang Juli, so eine heimische Weinchronik, hat es nicht mehr geregnet, bis der Herbst daheim gewesen ist.“ Nachdem in den Wetterchroniken bereits das Jahr 1915 wieder als trockener, heißer Sommer“ herausgehoben ist, brachte 1921 wiederum Rekordmaße.

So stiegen, um die amtlichen Notierungen anzuführen, beispielsweise die Temperaturen damals am 28. Juli in Karlsruhe auf 39,4 Grad an. Dem heißen Sommer folgte ein recht warmer Herbst, so daß der in unserer Gegend ansässige Berichterstatter resümierte: „Es hat schönes Wetter gegeben bis zum Spätjahr.“ Berüchtigt wurde 1921 durch seine zahlreichen schädlichen Gewitter. Anno 1929 bewahrheitete sich, was sonst nicht immer der Fall ist, jenes Sprichwort, dass einem sehr kalten Winter ein heißer Sommer folge. Bekanntlich war damals der kälteste Winter seit langer Zeit, mit strengem Frost zu Jahresbeginn und auch in den Monaten Februar und März mit bis zu minus 28 Grad Hierauf folgte dann ein heißer Sommer mit hohen Werten. Nach einem mit seinem spätsommerlichen Wetter herausragenden Jahr 1942 sowie auch dem nachfolgenden und 1944 erreichten die Temperaturen 1945 wieder einen hohen Stand.

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Herausragend aus der Liste der heißen Sommer ist das Jahr 1947. Nach einem strengen Winter setzte ein heißer und trockener Sommer ein, der nicht nur an Gradzahlen, sondern auch an Länge besonders bemerkenswert ist. Lange blieben die Temperaturen bei und über 36 Grad, was sich in den September und zum Teil bis in den Oktober hin ausdehnte, ein ganz „truckenes Jahr“, ist in volkstümlichen Aufzeichnungen zu lesen. In vielen Städten und Dörfern ist jener Sommer mit den höchsten jemals gemessenen Temperaturen verzeichnet, auch mit einschneidendem Wassermangel. Der Rhein hatte einen schon lange nicht mehr so tiefen Wasserstand. Eine Wetteraufzeichnung klassifiziert so ein: Heißester und trockenster Sommer seit Menschengedenken.“ Während 1949 und 1950 mit beträchtlich hohen Werten aufwarteten, wies das Jahr 1952 wieder extreme Temperaturen auf, die sich bis 39 Grad bewegten. Vielerorts herrschten Trockenheit und Wassernot. Über 200 Menschen kamen in dem heißen Sommer 1952 direkt oder indirekt durch Hitze ums Leben.“ Die Jahre 1957, 1959, 1961, 1963 wie auch 1964 hatten ebenfalls heiße oder gar extrem heiße Sommer, wobei sich das Rekordjahr“, 1964 heraushob, das eine große Anzahl an Sommer- und Hitzetagen aufweist, aber gemessen am ,,Jahrhundertsommer“ 1947 letztlich doch kein Rekordsommer. Da warteten auch die 1970er Jahre mit einigen besonders heißen Sommern auf: etwa 1971 „de sell trucke Johrgong“ oder 1976 mit ,,Sonnenscheinreichtum und empfindliche Trockenheit“. Adolf Hirth


Nach Jahrhundertsommer 1911 immer wieder Hitzeperioden

Ein Blick auf die Statistik der Sommertemperaturen von 1881 bis 2022 zeigt, dass die im Artikel genannten Sommer tatsächlich recht warm waren. 1911, 1921, 1947 und auch die anderen genannten stechen deutlich aus den Temperaturen der umliegenden Sommer hervor.

Statistik der Sommertemperaturen

Sie reichten teilweise fast an die Sommertemperaturen der letzten Jahre heran. Aber eben nur fast. Unter die wärmsten 10 Sommer der letzten 141 Jahre in Deutschland haben es zum Zeitpunkt des Artikels nur die Jahrgänge 1947, 1983, 1992 und 1994 geschafft.

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Zur Relativierung der aktuellen Temperaturentwicklung und der globalen Erwärmung nicht geeignet

Die nicht zu übersehene Häufung in den vergangenen Jahren zeigt allerdings, warum es irreführende Rosinenpickerei ist, diesen alten Artikel zur Relativierung der aktuellen Entwicklung zu verwenden.

Aus Sicht von 1995 hatte der Verfasser recht. Berücksichtigt man jedoch die Häufung besonders warmer Sommer in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland und global, ist klar, dass der wichtigste Teil der Geschichte einfach fehlt.

Grundsätzlich gilt folgende Faustregel: Je kürzer der beobachtete Zeitraum, desto stärker hinterlässt das Wettergeschehen seine Spuren. Schwankungen und Abweichungen vom statistischen Mitte fallen entsprechend stärker aus.

Während unter den wärmsten 10 Sommern in Deutschland „nur“ sechs in den vergangenen 20 Jahren stattfanden (und die Top 5 belegen), besetzen im Ganzjahresdurchschnitt neun Jahre nach 2002 die Top Ten, nur 1994 belegt den neunten Platz.

Es gilt also, Wetter und Klima zu unterscheiden.

Es gilt also, Wetter und Klima zu unterscheiden.
Es gilt also, Wetter und Klima zu unterscheiden.

Zur Veranschaulichung habe ich in einer Collage einige Temperaturstatistiken zum Vergleich gegenübergestellt:

Von regionaler (1 Bundesland) und monatlicher Auflösung über Deutschland und das Jahresmittel bis zum Jahresmittel der globalen Temperaturen. Vergleicht man die Abweichungen der einzelnen Jahre je nach Auflösung, schlagen regionale Wetterlagen von Grafik zu Grafik weniger durch. Im Gegenzug macht das deutlich, warum man von den frischen Durchschnittstemperaturen in Hessen im Juli 2010 keine Rückschlüsse auf globale Durchschnittstemperaturen oder gar die globale Erwärmung ziehen kann.

Statistik der Sommertemperaturen

Andersherum wird manchmal argumentiert, man könne von einem überdurchschnittlich warmen Sommer oder Winter nicht auf den Klimawandel schließen. Aufgrund der natürlichen Schwankungen des Klima- und Wettersystems ist das grundsätzlich richtig, übersieht jedoch den Zusammenhang zwischen Wetter und Klima: Bei einer Erwärmung des Klimas kommt wärmeres Wetter zwangsläufig häufiger vor. Nicht immer, aber häufiger. Ein Blick auf die verschiedenen Darstellungen der Temperaturstatistiken bestätigt das sehr deutlich.

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Fazit: Obwohl es in der Vergangenheit warme Sommer gab, zeigt die zunehmende Häufung besonders warmer Sommer in jüngster Zeit einen deutlichen Trend zur Erwärmung. Es ist wichtig, zwischen einzelnen Wetterereignissen und langfristigen Klimatrends zu unterscheiden. Die statistischen Daten bestätigen, dass bei einer Erwärmung des Klimas wärmeres Wetter wahrscheinlicher wird. Der Versuch, ältere Wetterdaten zur Relativierung der aktuellen globalen Erwärmung zu nutzen, ist irreführend und lässt einen bedeutenden Teil der gesamten Geschichte aus.

Autor: Michael Kipp

Hinweise: 1) Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.
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